Bela B "Punk ist längst eine Floskel"

Kann man für Punk zu alt sein? Bela B plaudert im Frühstücksfernsehen über französischen Käse, hört aber immer noch Bands wie Eisenpimmel. Hier erklärt er, warum das kein Widerspruch ist.

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Die Versuchung ist groß, aber ich werde nicht dieselbe Ranschmeiße wie Markus Lanz versuchen: Er hat Ihnen in seiner Sendung erzählt, wie Sie mit den Ärzten den Punk in sein pubertäres Leben brachten. Hören Sie so was öfter?

Bela B: Das begann mit dem Mauerfall. Am 9. Oktober 1989 haben mir Punks aus dem Osten in einer Kneipe in West-Berlin erzählt, wie wir sie geprägt haben. Für die waren Die Ärzte ja ein Phantom aus dem Westen. Tatsächlich passiert so etwas öfter mal, man kommt sich dann immer furchtbar alt vor.

SPIEGEL ONLINE: Nicht für immer jung? Schließlich sind Sie in so vielen Köpfen auf ewig in einer viel frischeren, niemals welkenden Version konserviert.

Bela B: Nee, jung fühle ich mich dabei nicht. Aber ich bin natürlich stolz, wenn Leute sagen, wir hätten sie mit "Schrei nach Liebe" vom rechten - ganz wörtlich gemeint - Weg abgehalten. Oder erzählen, wie sie in der Phase der Adoleszenz sehr verzweifelt waren, eigentlich nur rebellieren wollten, nach Orientierung suchten - und da wären wir so ein Licht gewesen. Damals waren wir stolz darauf, nicht von allen geliebt zu werden. Heute, wenn ich durch die Straßen gehe, ist es augenscheinlich anders, das ist ein bisschen befremdlich.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie für viele Fans von damals nicht ewig der Punk von damals bleiben? Wie ein immer noch rebellischer Stellvertreter, während sie selbst verbürgerlichen?

Bela B: Punk ist längst eine Floskel, eine Plattitüde. Es kommt auf die Haltung an, die man sich bewahrt. Ich lebe in einem Haus, ich rufe die Leute zum Wählen auf, ich bin wahnsinnig nett, auch zu Markus Lanz. Trotzdem bin ich unangepasst und habe mich nicht verkauft. Und bin Punk in dem Sinn, dass ich mich nicht schere, was Leute von mir erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Italo-Western "Sartana - noch warm und schon Sand drauf" als Hörspiel vertont und mit der gerade veröffentlichten Platte "Bastard" eine Art Konzeptalbum dazu geschrieben. Nervt es, wenn Sie dauernd gefragt werden: Und was hat das jetzt mit Punk zu tun?

Bela B: Doch. Was wollen diese Leute mir von Punk erzählen? Die haben nicht mit 15, 16 Jahren eine Ausbildung bei der Polizei angefangen und nach zwei Wochen alles hingeschmissen und genau das Gegenteil gemacht. Ich habe mal eine Anekdote von Billy Idol gehört, der schon viel früher mit solchen Sachen konfrontiert wurde. Ihn hat ein Journalist in den Achtzigern gefragt: Was ist an deiner Musik heute denn noch Punkrock? Darauf hat er sein Aufnahmegerät demoliert und gesagt: Das ist es doch, was du von mir erwartest. Das ist das Problem mit zementierten Erwartungshaltungen. Darum wird Pete Doherty auch der ewige Junkie bleiben.

Bela B und Farin Urlaub mit Pornodarstellerin Teresa Orlowski in den Achtzigern
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Bela B und Farin Urlaub mit Pornodarstellerin Teresa Orlowski in den Achtzigern

SPIEGEL ONLINE: Für die Punk-Nachfrager haben Sie trotzdem eine schöne Erklärung gefunden, was Italo-Western und Punk gemeinsam haben: Beide seien extrem "räudig".

Bela B: Weil es, ästhetisch gesehen, tatsächlich nichts Räudigeres gibt als einen Spaghetti-Western. Mit diesem Wort würde man einen John-Ford-Western niemals beschreiben. Punk, der heute noch existiert, muss zwangsläufig ebenfalls räudig sein, ungemütlich eben. Viele meiner Freunde rümpfen die Nase, wenn ich sage, ich höre Die Kassierer, Eisenpimmel oder Pisse.

SPIEGEL ONLINE: Was gefällt Ihnen an diesen Bands?

Bela B: Um die Klugheit in deren Texten zu sehen, muss man zuhören. "Pisse" zum Beispiel feiere ich total ab. Aber ja, ich mag auch das Drumherum, den Kult: Ich habe mir neulich ein Vinyl-Album von ihnen gekauft, das war rundum verschlossen. Die Platte lag drei Wochen bei mir herum, bis ich dann doch ein Messer genommen und sie aufgeschlitzt habe. Ich fand die Idee so großartig, dass es mir richtig wehgetan hat, sie zu zerstören. Warum ist uns das mit den Ärzten nicht eingefallen?

SPIEGEL ONLINE: Sie begeistern sich für Spaghetti-Western, Horror, Comics und sonst noch mancherlei. Sind Sie also kein Anhänger einer bestimmten Kunstrichtung, sondern eher ein Genre-Fanboy? Jemand, der sich gerne in neue Welten wühlt und ihre obskuren Ecken durchstöbert?

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Bela B.: Für immer Punk?

Bela B: Ja. Ein Genre ist eine abgesteckte Welt, in der fast alles möglich ist. In der verliere ich mich dann gerne für zwei oder drei Wochen und schaue zum Beispiel jede Menge Samurai-Filme an. So haben wir Die Ärzte auch immer beschrieben: Wir haben einen eigenen Kosmos, der seine Grenzen hat - wir sind nie zu "Wetten, dass..?" gegangen, zum Beispiel - aber innerhalb unserer Welt kann dann alles passieren. Und da dann auch zum Beispiel Spaghetti-Western. Die typischen Twang-Gitarren hatte ich auf all meinen Soloplatten und in vielen Ärzte-Songs. Als ich noch mit Farin Urlaub zusammengewohnt habe, waren wir zusammen im "Für eine Handvoll Dollar"-Double-Feature im Kino, und daraus ist dann 1984 das Lied "El Cattivo" entstanden.

SPIEGEL ONLINE: "Sartana - noch warm und schon Sand drauf" ist ja alleine schon ein irrer Titel. Kennen Sie noch wahnsinnigere Filme?

Bela B: Der verrückteste, der mir begegnet ist, der aber leider nirgends zu bekommen ist: "Sein Colt ist dein Fahrstuhl zum Schafott".

SPIEGEL ONLINE: Ihr Album "Bastard" ist nicht nur eine Hommage an diese kauzigen Western. Im Lied "Zuhaus", erzählen Sie die Geschichte der heimatlosen Siedler: "Fuß folgt auf Fuß/ Es geht nur geradeaus/ Weg von dem, was ich kenne/ Weg von Zuhaus". Da denkt man natürlich sofort auch an die heutigen Flüchtlinge.

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Bela B.:
Bastard

feat. Peta Devlin & Smokestack Lightnin'

B-Sploitation (rough trade); 14,99 Euro

Bela B: Das ist ein Song, den ich mit Smokestack Lightnin', mit denen ich das Album aufgenommen habe, schon länger live spiele. Wir haben zu diesem Thema auch ganz direkte, persönliche Bezüge: Gitarrist Andre Langer etwa betreut einen jungen Mann aus Afghanistan. Wir sollten den Song ins Englische übersetzen, vielleicht erinnert sich dann der eine oder andere Amerikaner, wofür die USA einmal standen.

SPIEGEL ONLINE: Um Ihre neue Platte zu bewerben, haben Sie einige durchaus skurrile Fernsehauftritte absolviert: Sie haben im "Morgenmagazin" über Dübel und französischen Käse geplaudert und waren zum Plätzchenbacken bei Jan Böhmermann. Wo liegt für Sie die "Wetten, dass..?"-Grenze?

Bela B: Früher konnte man sein neues Album im Musikfernsehen vorstellen, das gibt es heute ja nicht mehr. Also dachte ich mir: Ich versuche das jetzt mal. Auch "Lanz" war erst einmal eine Überwindung, aber ich sehe da die positiven Seiten, er interessiert sich wirklich für seine Gäste. Es war dann halb so schlimm. Und warum soll ich das Fernsehen nicht genießen, solange es noch existiert? Solange ich nicht in irgendwelchen Castingshow-Jurys sitze, muss man sich da draußen keine Sorgen um mich machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen "Die Ärzte" bei Ihrem persönlichen Tempo mit? Ist die Band gut mitgealtert?

Bela B: Darüber denken wir nicht wirklich nach. Plötzlich gab es die Band 30 Jahre, das auszusprechen war schon schwer für uns. Ich weiß noch, als ich irgendwann mal einen Film über die Rolling Stones gesehen habe, "Die ersten 25 Jahre", und diesen Ausdruck wahnsinnig arrogant fand: Glaubt ihr denn, dass Ihr 50 Jahre zusammen sein werdet?

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr ist Ihr früherer Bassist Hagen Liebing gestorben, hat das etwas in Ihrer Wahrnehmung geändert?

Bela B: Hagens Tod war für uns alle ein Schock, weil er erstens noch gar nicht so alt war. Aber auch, weil es uns klargemacht hat, dass es doch eine Endlichkeit gibt. Bis dahin hatten sich die Ärzte eher zeitlos angefühlt. Als wir damit angefangen haben, wollten wir uns nicht bei diesem ganzen Politparolen-Punkrock bedienen und haben begonnen, gnadenlos rückwärtsgewandt Musik zu entdecken. Wir haben zusammen Buddy Holly, Eddie Cochran oder die Comedian Harmonists gehört - von denen kommt auch unser Reimfetischismus. Wir waren immer schon eine outdated band, unser Songwriting klang schon mit 19 angestaubt. Wie dem auch sei. Hagens Tod hat ein Loch in unsere Geschichte gerissen.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um die Ärzte? Planen Sie ein neues Album?

Bela B: Wir haben uns vor ein paar Wochen getroffen und einen sehr schönen Nachmittag verbracht, aber keiner hat die entscheidende Frage gestellt. Wird also noch etwas dauern.

SPIEGEL ONLINE: Wie nach einem Date, wo jeder darauf wartet, dass der andere anruft.

Bela B: Oder bei einem Mexican Standoff: Alle gucken sich mit zu Schlitzen verengten Augen an. Aber keiner zieht zuerst.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
leeberato 10.03.2017
1. Einfach
eine coole Socke!
casmoneybrothers 10.03.2017
2.
11 Minuten registrierungssh*t für ein simples "Danke, Jungs!" - gute songs und gute zeiten..
sammilch 10.03.2017
3. Kommentar
Jemand der Eisenp*mmel hört, kann kein schlechter Mensch sein.
wookie13 10.03.2017
4. Schlicht und ergreifend...
Die beste Band der Welt!
sammilch 10.03.2017
5.
Zitat von wookie13Die beste Band der Welt!
Das beste daran ist, dass sie kein neues Album machen. Dafür kann man ihnen nicht dankbar genug sein.
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