"Auf den Dächern"-Festival: Pop ist doch eine gerechte Sache

Von Felix Bayer und

SPIEGEL ONLINE

Große Gesten, kleine Männer und ein tanzendes Duo, das die Damenwelt verzückte: Das waren Höhepunkte des "Auf den Dächern"-Festivals von SPIEGEL ONLINE und tape.tv. Und es gab die Einsicht: Die Wütenden machen den besten Pop.

Penner zu Popstars

Von Christian Buß

Wahre Männer. Bekommen nichts geschenkt. Machen das Beste draus. Die Höhepunkte des "Auf den Dächern"-Festival 2013? Aus meiner Sicht: abgerissene Typen, die das schillernde Popstardasein keineswegs in die Wiege gelegt bekommen, aber den ganz großen Popentwurf für sich entwickelt haben.

Nehmen wir doch mal Is Tropical: Drei dürre Typen aus Großbritannien, die in ihren gammeligen Lederjacken und schlechten Langhaarfrisuren aussehen, als seien sie gerade aus der Garage gekrochen. Die auf altem Equipment rumschrammeln, dabei aber hoch, hoch in den Himmel über Berlin zu strahlen vermögen. Bassläufe wie die frühen New Order, frivoler Hintersinn wie bei den späten Flaming Lips. Großer Pop.

Penner zu Popstars, das war eigentlich die schönste Pointe der "Auf den Dächern"-Ausgabe vom Sonntag, die ja lustigerweise zum größeren Anteil auf dem Dach des Designhotels nhow stattfand, in dem Fahrstühle und Lobby mit süßlichem Parfüm besprenkelt werden.

Versuch, Beach Boys und ABBA zu klonen

Auch nicht die allerbesten Voraussetzungen für die ganz große Popstarkarriere bringen die Norweger von Kakkmaddafakka mit. Die blonden Musiker sehen aus, als sei bei dem Versuch, die Beach Boys mit ABBA-Musikern zu klonen, irgendetwas schrecklich schiefgelaufen. Na und? Die Typen sangen beim Festival so ziemlich die himmlischsten Harmoniegesänge seit den Beach Boys. Zwei Knaben, das gehört natürlich zum Programm, tanzten dazu auf der Bühne auf dem Dach des Major-Labels Universal, als ob sie direkt von einer ABBA-Revivalshow abgeworben wurden. Bei der Dächershow jedoch, spontane Umfragen unter Konzertgästen und Mitgliedern des Produktionsteam belegen das, waren sie der Bringer bei der Damenwelt. Freaks als Weiberhelden? Noch so eine Pointe.

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Auf den Dächern-Festival: Musikhimmel über Berlin
Und dann war da natürlich noch Thees Uhlmann. Hat es ja auch nie leicht gehabt, der blonde Mann aus dem hohen deutschen Norden. Tourte über Jahre mit seiner Band Tomte durch die Kaschemmen, glaubte an sich, als es kein anderer tun wollte. Über die Jahre hat er dann, so niemand hat es richtig mitbekommen, sein Underdog-Image auf Billboard-Format aufgeblasen. Vor dem Abendrot über Berlin sang er nun als letzter Künstler: über Tod, Verwüstung und Überleben. Die Metaphern so schwer, dass er manchmal von ihnen begraben zu werden drohte, die Gitarren seiner Band aufpeitschender als Bruce Springsteen, zwischendurch griente Uhlmann fast ein bisschen irre. Einmal greift der Deutschrocker sich allen Ernstes ans Gemächt, am Ende reckt er die Faust, als ob er einen langen zermürbenden Arbeitskampf gewonnen hätte.

Das "Auf den Dächern"-Festival vor Berliner Design-Kulisse - ein Sieg des kleinen wütenden Mannes. Pop ist doch eine gerechte Sache.

Hier können Sie sich das Festival noch einmal anschauen. Mit Mobil-Geräten können Sie das Festival-Video hier sehen.




Ein Herz für Is Tropical

Von Felix Bayer

Es war mitten am Nachmittag, da konnte man ins Sinnieren geraten beim "Auf den Dächern"-Festival von SPIEGEL ONLINE und tape.tv: Zwei Dächer, zwei Bühnen - und zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze, Musik auf dem weiten Feld zwischen Indie und Elektronischem zu machen. Und das ausgerechnet von den beiden Bands, die, wenn man bloß ihre Platten hörte und eine Vergleichsanalyse machte, wahrscheinlich vom Festival-Line-up am nächsten beieinander waren.

Da war zum einen die Band Claire aus München, die auf dem Universal-Dach spielten: Auf deren bald erscheinenden Album "The Great Escape" klingt alles richtig mächtig. Blogger rund um die Welt bejubeln ihre Musik, die genau nach dem großen Indie-Electro-Musikblog-Konsens klingt, der den Sound des Jahrzehnts prägt. Und da standen sie nun auf der Bühne: Vier Jungs mit zielgenau verwuscheltem Haar und die Sängerin Josie-Claire in neonfarbenem Pullover mit ausladenden Körperschwüngen. Alles hier ist genau überlegt, alles klingt gut, alles passt. Es ist kein Wunder, dass drei der Musiker sonst Werbespots vertonen - hier ist nichts, was einem Markenartikler wehtäte.

Raue Nächte in besetzten Häusern

Das ist bei der Musik der Band auf der anderen Bühne erst mal auch nicht anders: Is Tropical aus London spielen Musik zum Rocken und Tanzen und lassen sie, Aufmerksamkeit will erlangt sein, mit sehr kunstvollen, provokanten Videos versehen, in denen sie oft nicht vorkommen. Und doch ist da eine Ahnung, dass die aus einer anderen, fast verwehten Welt kommen, als die Musiker da auf dem Hoteldach stehen: Ihre langen Haare sehen ein bisschen zerzauselt aus, die Gesichter künden von der einen oder anderen rauen Nacht in den besetzten Häusern der britischen Hauptstadt, der Gesang war ruppiger als bei den Studioaufnahmen. Is Tropical kommen offensichtlich aus der Suppe der ursprünglichen britischen Indie-Welt, wo es Versponnene gab wie Spacemen 3 oder die TV Personalities; Leute, die sich aus dem Kaputten dann und wann eine große Melodie abrangen.

Nun soll hier nicht das Hohelied der Kunst gegen das Design gesungen werden. Claire werden ihren Weg machen und die Welt mit tollen Popsongs verzücken. Doch ein Festival mit Claire-Klonen wäre dann doch etwas langweilig. Deswegen: ein Herz für Is Tropical.

Und vielleicht ist es ja der Rest Außenseitertum beim ansonsten sehr angekommen wirkenden Thees Uhlmann, der die Menschen so sehr für ihn einnimmt, dass sie ihn zum Finale des Festivals so bejubelten wie keinen Künstler zuvor.

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insgesamt 4 Beiträge
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    Seite 1    
1. ich bin.....
dudelsackgesicht 09.09.2013
....sprachlos.
2. Bitte syncen!
erdlingleser 09.09.2013
Interessante Veranstaltung - jetzt bitte nur noch Bild und Ton genau übereinanderlegen, damit alle merken können, dass es nicht Vollplayback war.
3. oh man
doppelpost123 09.09.2013
und in der ersten Reihe simst das Publikum, weil man das ja heute so macht. Ansonsten ist man aber voll true mit Leopardenfelltasche undso. oh man..echt traurig. https://www.youtube.com/watch?v=OINa46HeWg8
4. Pop ist...
Petra Carotin 09.09.2013
...doch eine selbstgerechte Sache. Die Gesichtern aalglatt, szenekonform die Klamotte, scheinalternativ aber dennoch "mutig" genug, Konsumfreude zu zeigen, Sneakers und Smartphones, Rock, Himmel über'm Hut, Berlin und so geil... yeah yeah yeah...
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