Berlin ohne Love Parade Techno essen Seele auf

Zum ersten Mal seit 1989 findet die Love Parade nicht mehr statt. Die Techno-Gemeinde ging in sich und organisierte eine ganze "Love Week". Heute wird in der Hauptstadt für die Beibehaltung des Berliner Raver-Umzugs demonstriert.

Von Ulf Lippitz


Love Parade 2003: Ekstase in der Endlosschleife
DDP

Love Parade 2003: Ekstase in der Endlosschleife

Die Love Parade hat die Retter, die sie verdient. Gotthilf Fischer ist einer von ihnen. Mit Tausenden von Ravern träumte sich der ewig lächelnde Chorleiter und permanente Jugend-Versteher nach der Absage der Parade Anfang April ins liebliche Remstal. Dorthin, nach Stuttgart, sollte die Love Parade umziehen. Fischer faselte von einem Fest für Jung und Alt, einem musikalischen Reigen in Frieden, einer Frischzellenkur unter dem Mercedes-Stern. Die Love Parade blieb abgesagt - und Fischers Hilfsangebot ist ein Grund, warum das auch gut so ist.

Die Techno-Parade steckt in einer fundamentalen Krise. Sie will einen Lifestyle zelebrieren, der in der momentanen Jugendkultur nicht verankert ist. Mehr noch: Sie frönt nostalgisch den Neunzigern, blickt zurück auf eine bessere Zeit. 1989 tuckerten 150 Anhänger der DJ-Kultur auf einem gemieteten Kleinlaster über den Kurfürstendamm, um eine neue Popkultur-Ära einzuläuten - weg von der einzwängenden Formel des Songs hin zur auflösenden Form des Tracks. In verschiedenen Versionen eroberte Techno das kollektive Bewusstsein, versickerte aber zu Beginn des neuen Jahrtausends zugunsten von Rap oder Nu Metal.

Was fehlte, war der menschliche Makel. Die Vereinigung der Massen über den Beat funktionierte nur so lange, bis das Deckenlicht im Club wieder eingeschaltet wurde - oder die Wirkung der Stimulanzien nachließ. Das Gesamterlebnis Techno stellte eine auf Vorhersehbarkeit getrimmte Freizeitgestaltung dar, die jedes Wochenende eine Wiederholung forderte. Irgendwann nutzte sich die Ekstase in der Endlosschleife ab.

Love-Parade-Fan Fischer: Grinsen, Bier trinken und verbotene Hüte tragen
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Love-Parade-Fan Fischer: Grinsen, Bier trinken und verbotene Hüte tragen

Um die Jahrtausendwende fragten sich selbst Künstler aus dem Umfeld der elektronischen Musik: Wo bleibt die Stimme? Hat Paul van Dyk eigentlich Pickel? Die Rückbesinnung auf Musik und Performance vor der Techno-Hochzeit - also auf die Achtziger - setzte ein. Der perfekte Track war nur noch Schall und Rauch.

Heute regiert der Defekt. In der Rapmusik thematisieren Künstler fast nichts Anderes als ihre Abnormalitäten: Seitensprünge, Schusswechsel und Modeexzesse. Im jugendlichen Rock schreien dünne Stimmen gegen gewaltige Gitarrenwände an. Die elektronische Tanzmusik spielt eine geradezu minderwertige Rolle, ihre Präsenz in den Verkaufscharts ist lächerlich. Das muss eine Großveranstaltung wie die Love Parade reflektieren - sei es in einer verschlankten Wiederauflage oder der eigenen Abwicklung. Das bedeutet nicht den Untergang des Abendlandes, sondern einen von Altlasten befreiten Neuanfang.

Dass er erfolgen muss, dafür sprechen viele Faktoren. Zuletzt leisteten sich dubiose Interessenvertreter wie die Soap-Stars von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" einen Wagen, während so manches kleine Label die Kosten für Anmeldung, Anmietung und Security einfach nicht mehr aufbrachte. Das Stammpublikum blieb dem Spektakel im Zeichen der Beliebigkeit fern. Es kamen Karnevalisten, die von der Ursuppe Techno genauso viel verstanden wie der mit Jugendkultur beschlagene Gotthilf Fischer. Techno meint nicht: Grinsen, Bier trinken und verbotene Hüte tragen. Aber ebenso wenig darf Techno zum Synonym für zickige Diskussionen werden, wer denn dieses Mal den Müll raus bringt.

Das Manko der Love Parade war oft die Parade selber. Das Drumherum - die 100 Club-Nächte von Donnerstag bis Montag - funktionierte bestens und gab der Szene mehr Rückhalt als die Wasserduschen auf den Trucks. Das könnte sich dieses Jahr durchaus wiederholen. Obwohl die Parade nicht stattfindet, läuft in Clubs wie "WMF", "Watergate" und "Polar.tv" alles wie sonst im Juli: Eine hochkarätig besetzte DJ-Nacht jagt die nächste. "Love Week" nennt sich die Eigeninitiative der Clubs, die aus der Not eine Tugend macht.

Love Parade 1999: Nur noch Schall und Rauch
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Love Parade 1999: Nur noch Schall und Rauch

Machen muss: Die bekannten DJs sind seit Monaten für viel Geld gebucht. Einzelne Clubs sind auf die musikalische Ausnahmesituation finanziell angewiesen - so manch einer kompensiert damit sein Jahresrest-Minus. Dementsprechend teuer kann es an einigen Kassen werden. Tickets um die 20 Euro dürften keine Seltenheit sein.

Auch das Umfeld der Love Parade übt sich in Aufbruchstimmung. Unter dem Motto "Fight The Power - Clubculture vs. Ignorance" organisiert die Szene-Zeitschrift "Partysan" am 10. Juli einen Umzug von fünf Wagen durch den Westen Berlins. Das Ziel: die Wiedereinführung der Love Parade. Neben altbekannten Lokalmatadoren wie den DJs Westbam, Paul van Dyk und Ellen Allien sorgt auch Dr. Motte für Spaß: Er hält eine seiner beliebten Reden. Der Tarnmantel der politischen Demonstration verschleiert dabei kaum den wirtschaftlichen Hilferuf. Boris Eichler, Sprecher der Veranstaltung, forderte auf der Pressekonferenz die Politik auf, die Clubszene mit Respekt zu behandeln. Sie sei ein junger Industriezweig, der Arbeitsplätze in Berufen der Zukunft schaffe.

Solch gruselige Ökonomen-Rhetorik verhilft der Techno-Bewegung zu keinem neuen Glamour. Daraus erwächst nur der Eindruck, Techno sei ein subventionsbedürftiges Musikgenre und damit im Reich des Schützenswert-Musealen angekommen. Die Erneuerung kann nur durch Kreativschübe von unten, nicht durch Finanzspritzen von oben kommen. Das haben gut gemeinte Rock-Wettbewerbe und schlecht gemachte Casting-Shows zur Genüge gezeigt: Ist daraus je ein nennenswerter Star hervorgegangen?

Love-Parade-Gründer Motte: Zurück zu den Wurzeln
DPA

Love-Parade-Gründer Motte: Zurück zu den Wurzeln

Die Parties in Berlin manifestieren Unterschiedlichkeit, Lebendigkeit und das Durchhaltevermögen einer einstigen Jugendkultur. Niemand wird dabei einen von feinen Urinschwaden durchfeuchteten Tiergarten vermissen. Die Parade als Ereignis braucht eine Auszeit, um sich zu regenerieren.

Eine Chance für den Neuanfang haben alle Beteiligten im nächsten Jahr. Dr. Motte bestätigte bereits, dass die Love Parade 2005 dank finanzieller Beteiligung des Elektronik-Konzerns Samsung gerettet sei. Dann gilt es zu sehen, was vom Mythos übrig bleibt.

Ganz frei von Musik ist der Tiergarten an diesem Wochenende dennoch nicht. Die Demonstration "Music Day" will sich gegen die Kommerzialisierung der Musik engagieren und fordert eine Sicherung unabhängiger Musikkultur. Zuerst musste sie allerdings um die Sicherung des Ablaufs fürchten. Offensichtlich vermuteten Behörden und Ämter eine pseudo-politische Event-Kultur à la Love Parade. Erst nach einem schwer durchschaubaren Hickhack zwischen Verwaltungsgericht, Versammlungsbehörde, Polizei und Veranstalter wurde der "Music Day" am Freitagnachmittag als Demonstration genehmigt. Dieser Status wurde der Love Parade 2001 in einem Entschluss des Bundesverfassungsgerichtes aberkannt.



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