Berliner Hardcore-Rapper Schwarz malen, Rot sehen, Gold scheffeln

Zwei Rapper, ein Gedanke: Mit fragwürdiger Symbolik und krassen Texten lässt sich gut schockieren. Sind der Deutsche Fler und der Migrant Massiv deshalb angehende Staatsfeinde? Von wegen: Sie sind bloß Künstler im Dienst des Geldscheffelns.

Von Daniel Haas


Wenn er so dasteht, mit vorgerecktem Brustkorb, die Fäuste geballt, den Blick entschlossen auf den Betrachter gerichtet, dann brauen sich bereits die ersten unschönen Assoziationen zusammen. An den Proletkult der zwanziger Jahre denkt man, an die gestählten Körper der bolschewistischen Revolution, gekreuzt mit der Ästhetik Leni Riefenstahls, die die angebliche Überlegenheit einer Rasse in der Physis ihrer Mitglieder spiegeln wollte.

Das Motiv ziert die neue Single des deutschen Rappers Fler. Der Song heißt "Deutscha Bad Boy" und ist mal wieder der Beweis, wie gut man sich beim Plattenlabel Aggro Berlin aufs Zündeln mit Ikonografien versteht. Die Ambivalenz der Zeichen hat man auch beim Namen des Albums genutzt: "Fremd im eigenen Land" hieß schon einmal eine Platte, das Debüt der multiethnischen HipHop-Truppe Advanced Chemistry aus dem Jahr 1992.

Damals bezeichnete der Titel das Dilemma von in Deutschland lebenden Migranten, mit zwei Kulturen konfrontiert zu sein; sich in der eigenen Tradition, aber auch im deutschen Alltag zurechtfinden zu müssen. Bei Fler bekommt der Slogan jetzt eine raffiniert bösartige Mehrdeutigkeit.

Identität auf gut Deutsch

Denn sagt ein Migrant mit deutschem Pass, dass er fremd im eigenen Land ist, weist er auf eine Differenz hin, mit der es sich schwer leben lässt. Für einen Deutschen hingegen heißt dies, dass man mit dem Differenten, dem Anderen an sich, nur schwer leben kann. Fremdsein steht dann zum einen für die Ablehnung dessen, was das Eigene repräsentieren will - den Staat, die Regierung, die Demokratie. Zum anderen weist die Formel auf die Ablehnung des Fremden generell hin. Das (oder der) Fremde, so der Gedanke, belagert das Eigene so stark, dass man ums Eigene bangt, weil es sich immer mehr entfremdet.


Zeilen wie "Ich bin ein Deutscha mit Ehre, bin deutsch in der Seele" ("Ich bin Deutscha") und "Blaue Augen, weiße Haut, tätowiert, breit gebaut" ("Deutscha Bad Boy") verschärfen das Spiel mit riskanten Bedeutungen noch einmal. Man kokettiert mit jenen Klischees vom starken Germanen, von denen man sich in Pressemeldungen dann wieder distanziert.

"Ich bin Deutscha, auch wenn es niemand versteht, ich bin stolz, auf was ich bin, denn ich hab Identität": Hier wird das kulturelle Selbstverständis in gut anti-aufklärerischer Manier nicht über Reflexion, sondern über Motive wie Stolz und Ehre hergestellt.

Man könnte dies als Provokationsspielchen einer Szene abtun, die ansonsten mit drastischer Gewaltästhetik und pornografischen Allmachtsphantasien ihrem genrebedingten Eskapismus frönt. Nur leider passen Zeilen wie "Mann, du bist nicht cool/ Als Deutscher in der Minderheit/ Willkommen in Klein-Istanbul" nur allzu gut zu den Bedrohungsängsten, wie sie im hessischen Wahlkampf aktuell von Roland Koch befeuert wurden. Fler taugt daher, gewollt oder nicht, zur Projektionsfigur für Hörergruppen am rechten Rand.


Den Job der antibürgerlichen Mobilmachung muss der Teutone Fler nicht allein bestreiten. Schützenhilfe bekommt er vom Migrantensohn Massiv, der ebenfalls kräftig um die Überstilisierung des Eigenen und Archaischen bemüht ist. Vom Cover seiner neuen CD blickt der vor kurzem in Berlin angeschossene Rapper wie ein erhabener Araber-Fürst, ein palästinensischer Augustus mit einem Löwen als Wappentier.

Das Album heißt "Ein Mann, ein Wort", und auch hier verrät bereits der Titel das Programm: Nicht auf Vielfalt, nicht auf das kreative ironische Spiel mit Haltungen und Ideen kommt es an, sondern auf die eindeutige Botschaft, die ein Souverän verkündet. Und wer ist souverän? Wer im Ausnahmezustand die Bedeutung verleiht. Es geht, wie immer im Pop, um die Erlangung von Bedeutungshoheiten. Das heißt hier konkret: Wer schafft die im Moment stärkste Interpretation des Eigenen?

Drastisch körperlich

Was für Fler das Deutsche, das ist für Massiv der "Kanacke", eine Kunstfigur, zusammengesetzt aus Gewaltbereitschaft, Ehrgefühl und soldatischem Leidenswillen. Sie streift als erzählerisches Ich durch die von dramatischen Fanfaren und schwermütigen Streichern verdüsterten Songs, schwärmt vom terroristischen Attentat ("Zur Erinnerung") und phantasiert sich Deutschland als orientalische Kolonie zurecht ("Kanacken").

Wie bei Fler ist auch hier der Körper die Repräsentationsfläche für Überlegenheit. "Ich pfleg die Narben, die mein Körper hat", heißt es in "Der Araber". "Ich bin der Araber, der ganz Berlin gesprengt hat." Analog zur martialischen Physis Flers ist auch für Massiv der Leib das Werkzeug des Kampfes, dessen Bestimmung sich erst in der Vernichtung erfüllt.

Demagogen, die den Kids auf der Straße die Schlachtengesänge zum Kulturkampf liefern, sind beide aber dennoch nicht. Am Ende steht, wie bei den amerikanischen HipHop-Kollegen, doch wieder nur eine einzige Propaganda: die für sich selbst als gut vermarktbares Produkt. Wenn Fler vom Daimler mit "Adler auf der Kühlerhaube" und "Ledersitzen, schwarzrotgold" schwärmt und Massiv vom "EC-Karten knacken", dann geht es wie so oft im Rap-Genre um die kleinbürgerliche Illusion enthemmten Wohlstands. Dass die Fetischisierung des Geldes mit nationalem Bewusstsein gekoppelt wird, macht jedoch vor allem Flers Projekt so dubios.

Schwarz, Rot, Gold - das heißt also vor allem: Schwarz malen, rot sehen, Geld scheffeln. Wie muss man sich als HipHop-Fan alten Schlages vorkommen, also als einer, für den das Genre immer auch eines der Differenz, der Dialektik, der Verständigung mit dem Fremden war? Fremd im eigenen Land.


Fler: "Fremd im eigenen Land" ist bei Aggro Berlin/Universal erschienen
Massiv: "Ein Mann, ein Wort" erscheint am 1. Februar bei Sony BMG



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