Nach Zwölf-Stunden-Verhandlung Berliner Philharmoniker scheitern bei Suche nach Chefdirigent

Kandidaten gibt es genug, machen würde es wohl jeder - doch die Berliner Philharmoniker können sich nicht einigen, wer sie künftig dirigieren soll. Nach zwölf Stunden Verhandlung gibt es keinen Nachfolger für Simon Rattle - und ein neuer Termin ist nicht in Sicht.

Intendant, Vorstände, Sprecher: Konnten sich nicht auf Chef einigen
DPA

Intendant, Vorstände, Sprecher: Konnten sich nicht auf Chef einigen


Stundenlange Diskussionen hinter verschlossenen Türen - und dann kein Ergebnis: Die Berliner Philharmoniker können sich bei der Suche nach einem neuen Chefdirigenten nicht einigen. Gegen 22 Uhr verkündet Orchestervorstand Peter Riegelbauer am Montag das überraschende Scheitern der Wahl. Nun will das Orchester innerhalb eines Jahres einen neuen Versuch starten und einen Nachfolger für Simon Rattle finden, der seinen Vertrag nicht über das Jahr 2018 verlängert hat.

Zwar betont Riegelbauer am Ende der fast zwölf Stunden langen Orchesterversammlung, die Diskussionen seien in "freundschaftlicher, kollegialer Atmosphäre" verlaufen. Doch deutlich wird auch: Es gibt tiefe Meinungsverschiedenheiten und einen Richtungsstreit unter den 124 Musikern. Das lässt auch Riegelbauer durchblicken, als er von "ganz grundsätzlich unterschiedlichen Positionen" spricht. Man habe auch über Namen gesprochen, sagt er. "Natürlich hatten wir eine Anzahl von Kandidaten, die in die enge Wahl gezogen wurden - und die werden auch weiter diskutiert", sagt der Kontrabassist.

Wo der Riss genau verläuft, lässt sich nur erahnen. Nach mehr als zehn Jahren wünscht sich ein Teil des Elite-Ensembles eine neue Vision für die Philharmoniker. Programme für kulturferne Jugendliche, eine "Digital Concert Hall" für Musik-Streaming, das Orchester live im Kino - die öffentlich geförderten Philharmoniker sind zwar im 21. Jahrhundert angekommen, doch einige vermissen ein deutliches künstlerisches Profil.

Ein Hansdampf oder ein Maestro in Ehren

Immer wieder gab es interne Kritik an Rattles Programmen, die zwar breitgefächert sind, die aber die sinfonische Musik des 19. Jahrhunderts und den für die Philharmoniker charakteristischen Klang vernachlässigen.

Ob jung oder etwas gesetzter, energisch oder bedächtig, ein Hansdampf oder ein Maestro in Ehren - in den vergangenen Wochen waren alle möglichen Kandidaten für den wohl begehrtesten Job in der Klassikwelt ins Spiel gekommen.

Von Gustavo Dudamel, dem Jungstar aus Venezuela, über Christian Thielemann, dem einstigen Karajan-Assistenten und jetzigen Orchesterchef bei der Staatskapelle Dresden, Andris Nelsons, dem lettischen Senkrechtstarter beim Boston Symphony Orchestra, bis hin zu Daniel Barenboim von der Berliner Staatsoper - wessen Name am Ende für die Position feststeht, das wird auch Auskunft darüber geben, wie sich das Elite-Orchester weiterentwickeln wird.

Klopp, Weselsky oder James Last sollen es machen

Deswegen ist für Traditionalisten Thielemann so interessant. Eine starke Strömung favorisiert den gebürtigen Berliner. Der einstige Karajan-Assistent gilt als Konservativer mit einem deutlichen Hang zum spätromantischen deutschen Repertoire und zu Komponisten wie Richard Wagner, Johannes Brahms und Richard Strauss. Viele sehen dagegen Thielemanns Repertoire als zu begrenzt an, mögen auch seine politische Haltung nicht, die er etwa in jüngsten Interviews und Zeitungsbeiträgen zu Pegida äußerte.

Der 36-jährige Nelsons, der auch immer wieder als Favorit genannt wurde, gilt als experimentierfreudiger Erneuerer. Doch zu diffus sind bisher seine musikalischen Vorstellungen. Ein Dilemma ist, dass es zwar eine ganze Riege junger Dirigenten gibt, Kandidaten in mittleren Jahrgängen aber eher dünn gesät sind. Dazu zählt Riccardo Chailly (62), Chef im Leipziger Gewandhaus und an der Mailänder Scala.

Auf Twitter wurde #berlinerphilharmoniker am Montag zu einem Top-Trend. Viele amüsierten sich über das lange Warten und brachten Namen von Fußballtrainer Jürgen Klopp über GDL-Chef Claus Weselsky bis zu Bandleader James Last ins Spiel. "Karajan, steige herab!", twitterte ein Nutzer.

mia/dpa



insgesamt 15 Beiträge
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Newspeak 12.05.2015
1. ...
Ein Dilemma ist, dass es zwar eine ganze Riege junger Dirigenten gibt, Kandidaten in mittleren Jahrgängen aber eher dünn gesät sind. Dazu zählt Riccardo Chailly (62), Chef im Leipziger Gewandhaus und an der Mailänder Scala. Ernsthaft? Mit 62 ist man noch "mittlerer Jahrgang"? Tut mir leid, aber dieses Land hat schon genug alte Säcke in Machtpositionen, die mit ihren bräsigen Figuren Positionen besetzen und Gehälter beziehen, die längst einem jüngeren Nachfolger zuständen. Letztere dürfen sich aber bis Mitte 50 auf befristeten und finanziell prekären Stellen herumplagen, weil man auch in diesem Alter noch in der "Qualifizierungsphase" ist (man ist ja noch "jung", folgt man dieser völlig pervertierten Logik).
buranus 12.05.2015
2. Konklave
Mich erinnert das an das ungeschriebene Gesetz bei der Papstwahl: Wer als Kandidat ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus. Vielleicht wird es am Ende einer der aufstrebenden Aussenseiter aus der jungen Garde, wie z. B. Yannick Nézet-Séguin. Aber bitte nicht zum Kandidaten küren, sonst wird er nicht gewählt.
von_scheifer 12.05.2015
3. Ab in die Gosse - da liegt die Zukunft. :-)
"Programme für kulturferne Jugendliche, eine "Digital Concert Hall" für Musik-Streaming, das Orchester live im Kino." Fehlt nur noch da Programm: Berliner Philharmoniker musizieren gemeinsam mit straffälligen Jugendlichen. Ranschmeisse an unteres Niveau ist noch nie einem Orchester gut bekommen. Noch nicht einmal einem Tanzorchester. Für mich hatten die Berliner Philharmoniker ihre beste Zeit unter Karajan. Ich habe da noch einige wunderbare Einspielungen auf Schallplatte. Heute spielen die nicht mehr in der gleichen Klasse wie die Wiener Philharmoniker, wie die Sächsische Staatskapelle Dresden oder Münchner Philharmoniker. Zu seelenlos, zu routiniert, zu sehr exakte Marschmusik.
Saturn48 12.05.2015
4. Hat da
das vatikanische Modell eventuell beigetragen. Weiser Rauch schwarzer Rauch ?????????? Ist schon wichtig wie so was ausgeht,
flo_bargfeld 12.05.2015
5. So einen anspruchsvollen Laden in die Zukunft führen kann doch nur einer:
Wolfgang Büchner ;-))
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