Berliner Rave-Kultur Verschwende deine Jugend!

Von Daniel Haaksman

2. Teil: Um neun Uhr morgens beginnt die Nacht


Wenn man heute in Clubs wie dem Neuköllner "Beatstreet" von einer Rückkehr von Rave in Berlin spricht, hat dies allerdings nichts mit "New Rave" zu tun. Das Mediengespenst, das seit einigen Monaten durch die englische Lifestylepresse geistert, feiert ein Revival des "Zweiten Sommers der Liebe", der 1988 nur in Großbritannien stattfand und dessen kulturelle und politische Auswirkungen spätestens 1993 mit der Verhängung des Criminal Justice Bills ein Ende fanden. Wenn man von "New Rave" in England spricht, dann heißt das Trillerpfeifen, weiße Handschuhe und Leuchtstäbe im Club - nostalgische Accessoires, die in Berlin allenfalls ein müdes Lächeln produzieren.

Es ist gerade die karnevaleske Seite des Ravens, die in Clubs wie dem "Beatstreet" glücklicherweise fehlt. Vielmehr geht es um die Essenz dessen, was vor der Massenbewegung stand. Schon 2005 proklamierte die deutsche Website "Rave Strikes Back" unverblümt, die von einer Gruppe DJs und Partyveranstaltern in Jena initiiert wurde: "Rave ist zurück". "Rave" müsse sein ursprünglicher Sinn wiedergeben werden, heißt es da; den Vogelnest-Frisuren, Plateau-Sneakern und Fell-Schlaghosen der Love-Parade-Jahre ein Feiern ohne Sinn und Verstand entgegengesetzt werden.

Nachtschwärmer und Tagediebe

Im Berliner Club "Berghain" im Osten der Stadt kann man die Rehabilitierung des Ravens ohne Massen-Brimborium ideal beobachten. Eine friedliche Koexistenz zelebrierend, feiern im "Berghain" schwule, lesbische, bi- und heterosexuelle Berliner, Touristen, Studenten, Künstler und Exzentriker den unerschütterlichen Glauben an House und Techno als den perfekten Stimmungskatalysator.

Hervorgegangen aus dem Techno-Club "Ostgut", berühmt-berüchtigt für seine schwulen "Snax"-Partys, wurde das "Berghain" nach seinem Umzug in ein Heizkraftwerk zu der ultimativen Berliner Adresse für unbeschwerten Party-Hedonismus. Während in anderen Hauptstadt-Clubs der Stimmungs-Höhepunkt der Nacht zwischen 3 und 4 Uhr morgens erreicht wird, ist die Prime Time in der "Panoramabar", dem kleinen Club des "Berghain", morgens um 9 Uhr und erstreckt sich regelmäßig bis in den Nachmittag hinein.

Die extended Version der Samstagnacht findet viele Anhänger: Freitags und samstags bildet sich vor dem riesigen Club eine lange Schlange, darunter unzählige Partywütige aus dem Ausland. Im Gegensatz zu den Rave-Schuppen der späten Neunziger herrscht im "Berghain" eine eiserne Türpolitik. Wer dem tätowierten Türsteher nicht gefällt, kommt nicht rein. Wer rein darf, erzählt später Wundersames: Darkrooms, cruisende Schwule, dazwischen ekstatische Tänzer, eine elektrisierende Atmosphäre und eine unerschütterliche, euphorische Gier nach Musik und Party. "The Kids Want Techno" ist ein häufig gesehener T-Shirt-Spruch im "Berghain" - hier bekommen sie, was sie wünschen, hart und laut.

Die Konjunktur von After-Hour- und After-After-Hour-Clubs in Berlin zeigt, dass Rave in der deutschen Hauptstadt - im Gegensatz zu England, wo Clubs um 3 Uhr, spätestens 5 Uhr schließen - kein kurzlebiger Medien-Hype ist. Es ist ein heimlicher Ritus radikal amüsierwilliger Menschen geworden, dem sich Wochenende für Wochenende hingeben wird.

House-Verbot für Kommerz

Dass man davon weniger hört als während der ersten Rave-Blüte Mitte der Neunziger, ist logisch: Die Geschichte des Ravens war für die Öffentlichkeit mit dem Ende der Love Parade erzählt. Diejenigen, die dabei blieben, hatten aus der Überpräsenz gelernt: Im "Berghain" herrscht rigoroses Film- und Fotoverbot, im "Beatstreet" würde kaum einer der euphorischen Gäste auf die Idee kommen, das Geschehen zu dokumentieren.

Das Wort vom Glück des unbegrenzten Durchfeierns auf den Tanzflächen Berliner Clubs verbreitet sich heute vorsichtiger: Das Fernsehen bleibt draußen, dafür zirkulieren News im Internet auf Messageboards und auf den Webseiten einschlägiger Clubs. Das dazugehörige Lebensgefühl transportieren die "Wasted German Youth"-T-Shirts des Berliner Designers Paul Snowden, einem gebürtiger Neuseeländer. Seine Marke ist mittlerweile zum internationalen Fashion-Must avanciert und wird in Boutiquen aller wichtigen Mode-Städte verkauft.

Der Spruch zierte in einer Abwandlung bereits das Cover der amerikanischen Musikzeitschrift "XLR8R", das in einer Sonderausgabe die "Wasted Berlin Youth" porträtierte. Weitere Variationen des T-Shirt-Slogans kursieren bereits: "Wasted Brooklyn Youth", "Wasted Tokyo Youth" - ein global zirkulierender Imageträger des nicht enden wollenden Berliner Party-Gefühls.



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