Berliner Rave-Kultur Verschwende deine Jugend!

In Berlin feiert eine neue Generation von Clubgängern mit einer Ausdauer, wie man sie seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Die Hauptstadt ist im Rave-Fieber - und dabei diskret und eskapistisch zugleich.

Von Daniel Haaksman


Ein Sonntagnachmittag in Neukölln. Der Berliner Stadtteil im Süden der Stadt macht in den deutschen Medien üblicherweise als sozialer Brennpunkt von sich reden. Im Keller eines leerstehenden Industriegebäudes merkt man davon nichts. In einer Seitenstraße der Sonnenallee befindet sich der After-Hour-Club "Beatstreet".

Flyer des "Berghain"-Clubs: Alle möglichen Gestalten, vereint im Glauben an House und Techno
Therm Shon

Flyer des "Berghain"-Clubs: Alle möglichen Gestalten, vereint im Glauben an House und Techno

Der geheime Club öffnet sonntagmorgens um 8 Uhr, und schließt, wenn der letzte Gast geht. Partygänger aus verschiedenen Berliner Clubs werden Sonntag früh ins "Beatstreet" gespült, weil sie noch nicht schlafen können, oder erst bei Tagesanbruch so richtig in Feierlaune kommen: Es ist ein beliebter Ort für all diejenigen, für die die Samstagnacht nicht lang genug sein kann.

Draußen auf der Straße machen türkische Familien ihren Sonntagsspaziergang, im Keller des Clubs tragen die Gäste T-Shirts mit dem Aufdruck "Wasted German Youth" - die fast perfekte Metapher für die Szenerie: "Wasted" ist jeder, der an diesem Nachmittag immer noch wach ist. Nicht nur Alkohol sorgt für die enthemmte Stimmung: Neben einem Boxenturm schnupft eine Gruppe von Jungs seelenruhig Kokain von einem Mauervorsprung, auf einer kleinen Treppe teilen sich zwei Mädchen eine Ecstasy-Tablette.

Aus den Lautsprechern dröhnt pulsierender Techno. Jedes Mal, wenn der DJ den Bass herausnimmt und nach einigen Takten wieder hereindreht, reißen die Tänzer jubelnd die Arme in die Höhe. Es herrscht Ekstase pur. "German" gilt hier nur eingeschränkt: Sprachfetzen in Spanisch, Italienisch und Englisch schwirren durch den Raum und zeigen, dass das lange und exzessive Feiern in der Stadt ohne Sperrstunde längst zur Touristenattraktion geworden ist.

Bewegend, Alter!

Die "Youth" ist im "Beatstreet" im Schnitt Mitte, Ende 20, nicht wenige der T-Shirt-Träger gehen schon auf die Mitte 30 zu. Nichtsdestoweniger: Man muss sich hier als Graumelierter nicht als Opa fühlen. Im Gegenteil, der Club-Exzess nivelliert Alter und Herkunft; Fremde bieten einander Getränke und Zigaretten an und kommen schnell ins Gespräch, Rempler ziehen sofort Entschuldigungen nach sich. Im "Beatstreet" geht es trotz des allgegenwärtigen Rausches freundlich zu - man ist hier, um gemeinsam Drogen zu konsumieren, und tief in die Effekte lauter, elektronischer Musik einzutauchen. Kurz: Im "Beatstreet" wird geravet.

Wohlgemerkt, dies passiert alles im Sommer 2007. Für die eine Hälfte des "Beatstreet"-Publikums, die zu jung ist, um damals dabei gewesen zu sein, ist diese nachmittägliche Party in Berlin-Neukölln ein aufregendes, neues Ereignis. Für die Älteren ist es eine Wiederholung dessen, was sie in ihrer Jugend erlebten: Der leere Industriekeller, Techno und ein Publikum, das nach Ecstasy- und Kokain-Genuss das Nach-Hause-Gehen vergisst, erinnern an die Blüte der Rave-Jahre in Berlin.

Das war jene Zeit, als kurz nach dem Mauerfall im Ost-Teil der Stadt improvisierte Clubs in feuchten Kellern und ehemaligen Tresor-Räumen entstanden und im Ecstasy-Rausch die von DJ Westbam postulierte "ravende Gesellschaft" geboren wurde. Mitte der Neunziger feierte man sich mit der Love Parade, bei der die Besucherzahlen zeitweise die Millionengrenze überschritten.

Doch am Ende des Jahrzehnts schien die Party vorbei: Plötzlich gab es mehr Lounges als Clubs - Techno als Musik und Rave als Party-Format war eine Sache für Bodybuilder und Friseurinnen geworden. Auch wenn man in Berlin länger feierte als irgendwo anders, kam selbst im Techno-Tempel "Tresor" in der Leipzigerstrasse die Abrissbirne, um dem neuen Berlin Platz zu machen. Es hatte sich scheinbar ausgeravet.



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