Beyoncé in Düsseldorf Keine Göttin, aber ziemlich nah dran

Beim Deutschland-Auftakt ihrer "Formation"-Tour zeigt sich Beyoncé als Superstar auf dem Zenit: Eindrucksvoller als sie kann man Pop nicht beherrschen. Dabei ist ihre Megashow nicht einmal perfekt.

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Die schwarzen Hüte sind noch größer als im Video. Wie bei "Formation", dem Song und Video, mit dem Beyoncé im Februar ihre neue Schaffensperiode samt neuem Album "Lemonade" einläutete, marschiert sie begleitet von einer Riege von Tänzerinnen in schwarzen Trikots und Hüten um 20.10 Uhr auf die Bühne.

Vier-, fünfmal hebt sie kurz das Kinn an, um unter der riesigen Hutkrempe ihr Gesicht zu erkennen zu geben, dann legt sie es endlich komplett frei. Es wird das einzige Mal an diesem Abend sein, dass Beyoncé Carter-Knowles mit Anonymität und dem Verschwinden in der Masse ihrer Tänzerinnen kokettieren wird. Den Rest der zwei Stunden gibt es keinen Zweifel, wer hier das Sagen hat - in der so gut wie ausverkauften Esprit-Arena in Düsseldorf, aber eigentlich auch im Rest der Welt. Denn mit ihrer "Formation"-Tour zeigt sich Beyoncé als Superstar auf dem Zenit.

Dabei sind die Bedingungen dafür, dass dies ein so einzigartiger Abend wird, nicht einmal besonders gut. Das liegt daran, dass "Lemonade" ein umstandslos perfektes Album ist. Erzählt entlang einer - letztlich doch wohl fiktiven - Ehekrise, nimmt Beyoncé ihre Hörerinnen und Hörer mit auf eine emotionale Reise. Von der Wut wegen eines Seitensprungs über die Selbstvergewisserung, dass man auch ohne Mann glücklich sein kann, bis hin zur Versöhnung führt der dramaturgisch genial gespannte Bogen des Albums.

Gespickt mit Gastauftritten von Musikern, die - wie Jack White - für neue Genre-Einsprengsel sorgen oder - wie James Blake - gar den emotionalen Wendepunkt des Albums liefern, ist das Album auch musikalisch so abwechslungsreich, dass man sich ausnahmsweise wünscht, Beyoncé würde es wie so einige Stars der Achtziger und Neunziger in den vergangenen Jahren halten und einfach ihr bestes Album von vorne bis hinten präsentieren.

Schwarze Selbstbehauptung

Doch das stand wohl leider nie zur Debatte. "Formation", der Black-Power-inspirierte Überhit, der als Schluss-Track auf dem Album eher drangeklatscht wirkte, eröffnet das Konzert. Der Rest der "Lemonade"-Songs wird locker über den Abend verstreut, vermischt mit Liedern von Beyoncés letzten drei Alben. Dabei versucht sie, Querverweise in ihrem Oeuvre herzustellen. So schließt sich an das aktuelle Stück "Freedom", das die Black-Lives-Matter-Parole "I can't breathe" aufgreift, der "Destiny's Child"-Hit "Survivor" an, in dem Beyoncé aufzählt, welche Widerstände sie alle überwunden hat, um am Ende als Überlebende zu triumphieren. "Lemonade" mag ihr persönlichstes und politischstes Album zugleich sein, doch an diesem Abend will Beyoncé zeigen, dass ihr Themen wie schwarze Selbstbehauptung und female empowerment schon viel länger am Herzen liegen.

"Thanks for letting me grow" sagt sie denn auch zur Einleitung eines ruhigeren Teils mit Balladen wie "Me, Myself, and I", zu dem der große Leinwand-Quader, der den Hauptteil der Bühne ausmacht, von aggressivem Rot in sanftes Weiß wechselt. Seit 19 Jahren arbeitet Beyoncé im Showbusiness, und sie hat keine Angst, diesen Zeitraum als ganz schön lang zu benennen. Aber bei einem Publikum, dessen Durchschnittsalter 30 Jahre kaum überschreiten dürfte, muss sie sich auch keine Sorgen um ihren Appeal bei jüngeren Leute machen.

So wirken die vielen Videoeinspieler, bei denen unter anderem Clips der gerade 16 Jahre alt gewordenen Beyoncé gezeigt werden, wie sie sich bei der Castingshow "Star Search" bewirbt, denn auch nicht als "throwback", sondern als Geste an die Fans, die sich nach jedem Einblick in das Privatleben ihres Stars sehnen. Eine Gruppe von Fans ist sogar mit in die Bühne integriert: Mitglieder des "Bey-Hive" genannten Fanklubs können das Konzert aus speziellen Vertiefungen in der Bühne heraus unmittelbar verfolgen. Das scheint einige aber zunächst etwas zu überfordern. Als sich Beyoncé das erste Mal zu ihnen herunterbeugt, strecken ihr die Leute ihre Handys statt ihrer Hände entgegen. Snapchatten statt abklatschen scheint ihre erste Reaktion zu sein. In der Folge besinnen sie sich dann darauf, dass es vielleicht netter wäre, Beyoncé doch mal direkt in die Augen zu schauen statt übers Display und feiern ihre "Queen Bey" nun ganz ohne Filter.

Sie genießt es, frenetisch gefeiert zu werden

Und wie sie sie feiern. Ausgerechnet im Anschluss an die Country-lastige Nummer "Daddy Lessons", einem der vielen Songs von "Lemonade", die eher unvermittelt an diesem Abend auftauchen, ist der Jubel ohrenbetäubend laut. Um sich zu vergewissern wie laut, nimmt Beyoncé schließlich sogar ihre Ohrstöpsel raus. Dass ihr die Düsseldorfer Kulisse gefällt, hat sie mit ein-, zweimal leichtem Lächeln schon im ersten Song zu erkennen gegeben. Nun schließt sie für kurze Zeit die Augen und genießt es einfach, so frenetisch gefeiert zu werden.

Viel Zeit zum Innehalten kann sie sich aber nicht nehmen, die Show ist eng getaktet, es müssen noch Hits wie "Flawless", "Baby Boy" und nicht zuletzt "1+1" untergebracht werden, Letzterer ihr Lieblingssong, wie Beyoncé bekundet. Dass sie stimmlich bestens beisammen ist, hat sie im Verlauf des Konzerts schon bewiesen, doch wie sie hier die verschiedenen Intensitäten ihrer Stimme ausstellt, beeindruckt dann noch einmal mehr.

Dennoch ist es nicht ihre Stimme, die an diesem Abend für die bleibenden Momente sorgt. Beyoncé ist nämlich auch eine fantastische Tänzerin, und das ist nicht nur für ihr Profil als routinierte Entertainerin, die mit ihren Tourneen die größten Stadien der Welt füllt, entscheidend. Beyoncés physische Präsenz ist schlicht einmalig. Keine Tanzeinlage ihrer insgesamt 14 Tänzerinnen lässt sie aus. Das V, das sie formen, läuft immer wieder auf sie an der Spitze hinaus, und wie sie Tänzerinnen anführt! Energisch und erotisch zugleich sind ihre Bewegungen, resolutes Aufstampfen wechselt sich beständig mit sanftem Wiegen des Oberkörpers ab.

Beyoncé fühlt sich so offensichtlich wohl in ihrem Körper, genießt seine Kraft, seine Beweglichkeit und seine Sinnlichkeit, dass es eine Offenbarung ist. Wer einmal Drake dabei zugesehen hat, wie er tanzt oder besser: wie er versucht zu tanzen, weiß, dass so ein Körpergefühl auch bei den größten und exponiertesten Stars nicht selbstverständlich ist. Und es haftet ihm auch etwas politisches an: Neben Tennisspielerin Serena Williams, deren Wimbledon-Triumph Beyoncé noch am Samstag in London bejubelt hat, stellt keine schwarze Frau die Leistungsfähigkeit und Schönheit ihres Körpers derartig unter Beweis wie sie.

So zeigt sich Beyoncé mit der "Formation"-Tour als ein Star, der weiß, dass er sein Talent, seinen Verstand und seinen Körper gerade perfekt einsetzt. "God is god. I am not" heißt es in einer Einblendung auf dem Leinwandquader zur Mitte der Show. Eine Göttin mag Beyoncé nicht sein. Aber an diesem Abend kommt sie sehr nah dran.



insgesamt 72 Beiträge
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Analog 13.07.2016
1. Finde diese Frau unglaublich
erotisch und Sie hat eine tolle Ausstrahlung. Der Musik kann ich aber nichts abgewinnen, Pop Musik ist nun nicht mein Ding.
ty coon 13.07.2016
2.
Singen kann sie, nur ist die Musik leider zum Weglaufen.
h.hass 13.07.2016
3.
Glattgebügelter, austauschbarer Mainstream-Pop, dazu überproduzierte, überperfekte Bühnenshows. Sowas wird derzeit doch wohl von ungefähr einem halben Dutzend weiblicher Superstars inklusie Madonna dargeboten.
sekundo 13.07.2016
4. Das Tolle ist,
Zitat von h.hassGlattgebügelter, austauschbarer Mainstream-Pop, dazu überproduzierte, überperfekte Bühnenshows. Sowas wird derzeit doch wohl von ungefähr einem halben Dutzend weiblicher Superstars inklusie Madonna dargeboten.
dass Sie niemand zwingt, in deren Konzerte zu gehen oder deren CDs zu kaufen.
curak 13.07.2016
5.
Wenn das heutzutage schon Göttinnen sein sollen, wer will dann noch ins Paradies? Gott, die Welt, und Religionen sind zu einem Kinderspiel verkommen.
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