Super-Bowl-Auftritt mit "Formation" Das ist Beyoncés Programm

Pop ist unpolitisch geworden? Von wegen! Beyoncé hat mit ihrem neuen Song "Formation" beim Super Bowl ein Meisterwerk an Symbolik abgeliefert. Lesen Sie hier, was auf ihrer Agenda steht.

AFP

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Was für ein Auftritt! Bereitwillig ließen sich Coldplay vor dem wohl größten Fernsehpublikum ihrer Karriere die Schau stehlen - von Beyoncé, die ihren am Tag zuvor veröffentlichten Song "Formation" bei der Super-Bowl-Halbzeitshow präsentierte, den vielleicht politischsten ihrer bisherigen Karriere.

"Formation" steckt schon im Songtext voller Anspielungen, im Musikvideo und bei ihrem Halbzeitshow-Auftritt vor Millionenpublikum kommt noch mehr Symbolik dazu. Zusammen genommen ergibt sich eine Art politische Agenda für "Queen Bey", Jahrgang 2016.

1. Sie hat die Macht - aber du kannst sie auch haben

Gut, das muss Beyoncé natürlich klar stellen: Niemand reicht an sie heran. Deswegen singt sie "I am a black Bill Gates in the making", eine Anspielung auf ihren Reichtum - immerhin leistete sie sich einen Spot auf der teuersten Werbeinsel der Welt, um auf den Start ihrer Tournee hinzuweisen (die sie auch nach Düsseldorf und Frankfurt führen wird). Aber auch eine Anspielung auf die wohltäterische Seite des Microsoft-Gründers: Kürzlich spendete der Streamingdienst ihres Ehemannes Jay-Z, Tidal, 1,5 Millionen Dollar für die Organisation "Black Lives Matter".

Aber schon in der nächsten Zeile dreht Beyoncé die Aussage um: "You are a black Bill Gates in the making" singt sie, eine Ermutigungszeile an andere Schwarze, andere schwarze Frauen, Ähnliches erreichen zu wollen.

2. Für sie kann der König zum Schwarzsein stehen

"Queen Bey", also Königin, wird Beyoncé schon länger genannt, aber mit ihrem Kostüm beim Super-Bowl-Auftritt zitierte sie eindeutig den einstigen "King of Pop" Michael Jackson herbei, der 1993 ebenfalls in Schwarz mit goldenem Patronengürtel in die Halbzeitshow ging.

Wie Michael einst die Jackson 5, so hat Beyoncé Destiny's Child, die Gruppe, mit der ihre Popkarriere begann, längst hinter sich gelassen. Doch im Songtext zu "Formation" heißt es: "I like my negro nose with Jackson Five nostrils." Für sie braucht sich niemand die Nase operieren zu lassen, will sie damit wohl sagen. Auch Jay-Z nicht - anders als Michael Jackson, dessen Nasen-OPs oft als Versuch angesehen wurde, "weißer" zu wirken.

3. Sei schwarz und sei stolz

In eine ähnliche Kerbe haut auch die Zeile "I like my baby hair, with baby hair and afros": Viele Schwarze versuchen, ihr lockiges Haar zu glätten, doch Beyoncé ermutigt dazu, es so wachsen zu lassen, wie es eben wächst. Passenderweise hat im Videoclip zu "Formation" an dieser Stelle Beyoncés Tochter Blue Ivy ihren Auftritt - mit vollem Afro.

4. Sei aus dem Süden und sei stolz

Fragen des Stolzes auf die Herkunft und Identität durchziehen den ganzen Song. In einer zentralen Textzeile heißt es: "My Daddy Alabama, Momma Louisiana / You mix that negro with that Creole, make a Texas bama."

Klassische Südstaaten-Szenarien sind Leitmotive des Musikvideos, mit der Familie im Salon, im Beerdigungsdress auf der Veranda - wo Beyoncé dann gleich zwei Mittelfinger zeigt. Denn sie beschränkt sich nicht auf nostalgische Wurzelpflege - auch wenn diese allein in den USA nach wie vor schon für eine politische Geste reichen würde.

5. Sie fühlt sich getroffen von Gewalt gegen Schwarze

Das Musikvideo zeigt immer wieder Szenen, in denen Beyoncé auf dem Dach eines versinkenden Autos der Polizei von New Orleans singt. Die Überflutung der Stadt ist zum Symbol geworden für die Ignoranz der Bundesbehörden, wenn es um das Schicksal der schwarzen Bevölkerung in den USA geht.

An einer Wand, die im Video zu sehen ist, steht der Satz gesprüht "Stop shooting us", eine Anspielung auf die Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze, die die USA in den vergangenen Monaten erschüttert haben.

6. Wehrt euch!

Doch mit dem Bitten will sie es nicht bewenden lassen, das stellte Beyoncé beim Super-Bowl-Auftritt klar: Die Tänzerinnen, deren Formation sie anführte, trugen Uniformen, die dem ikonischen Dress der Black Panthers nachgebildet waren, der Widerstandsbewegung aus den Sechziger- und Siebzigerjahren.

Aus der Totalen zeigte die Stadionkamera, dass die Tänzerinnen zwischenzeitlich ein "X" bildeten - unter anderen Umständen vielleicht eine harmlose Tanzformation, aber hier, im Zusammenhang mit dem Song und den Uniformen, eine klare Hommage an Malcolm X, den Anführer der "Nation of Islam" und Symbolfigur der Black-Power-Bewegung.

Klar ist dabei auch: Hier geht es um eine Bewegung, bei der sich die Frauen formieren sollen. "Okay, ladies, let's get in formation", singt sie schließlich.



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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
zykill 08.02.2016
1. Perückenträgerin
Wer selber non-stop Perücken trägt, scheint entweder nur auf Kohle aus oder ist vielleicht doch nicht so stolz auf das Naturhaar. Ich muss immer darandenken, wie die Schicksals-Kiner (Destinys Child) aus dem Meer an das Inselufer kriechen. Halbnackt mit diesem nervigen Sing-Sprech-Style. Der Feminismus scheint damals geboren worden zu sein. Black Bill Gates my A..
Cube1974 08.02.2016
2. Karneval
Zuerst dachte ich: "Boh, um himmelswillen. Welche Drogen hat der Autor dieses Artikels denn bitte genommen." Aber dann sah ich die Jecken in den Straßen und wusste, es muss ne Art Büttenrede sein. Einen dreifachen Narrhallamarsch auf diesen Unsinn...
MatthiasPetersbach 08.02.2016
3.
Wenn die Musik nicht wäre :) …..Beyonce muß man allerdings neidlos zugestehen, daß sie was in der Birne hat. Da gibts ganz andere im amerikanischen Showgeschäft. Und nicht nur da.
dandy67 08.02.2016
4. Musik mit Patronengürteln
Dieses Outfit ist absolut geschmacklos und diskreditiert den gesamten Auftritt. Beyoncé als Pin-Up-Girl für den nächsten Amokläufer...
gesmer 08.02.2016
5. Dünn, arg dünn
Wo immer diese Frau erscheint, wird nichts weiter als sündhaft teurer Protz und blanke Dekadenz inszeniert. Politische Aussagen? Sorry, guter SPON-Autor, aber das können und konnten Leute wie Chicago Beau und Hunderte anderer besser - und gefährlicher! Wer vertreibt den Schrott eigentlich? Vermutlich der Branchenriese - Universal. Oder?
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