Beyoncé und Jay-Z in Berlin Power to the Pärchen

Die US-Popstars Beyoncé und Jay-Z boten im Berliner Olympiastadion eine bombastische Episode "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Das Power-Couple begeisterte mit perfekten, aber nicht immer packenden Szenen seiner Ehe.

Beyoncé und Jay-Z in Berlin
Raven B. Varona/Parkwood/PictureGroup

Beyoncé und Jay-Z in Berlin

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Man hätte so gern noch erfahren, wie es Rumi und Sir Carter geht. Nach ihrer Ankunft am Donnerstagnachmittag in Berlin mussten Beyoncé und Jay-Z erst einmal mit 150 Sachen in die Kinderneurologie des Virchow-Klinikums gefahren werden. Tochter Blue Ivy, 6, war auch dabei, aber offenbar ging es vor allen den erst ein Jahr alten Zwillingen nicht gut. Nach gut einer Stunde konnten die aus Skandinavien angereisten US-Stars das Hospital wieder verlassen und Mama Beyoncé schon wieder lachen. Das hatte die "Bild"-Zeitung ein paar Stunden vor Beginn des Berliner Konzerts der wohl berühmtesten Eheleute des aktuellen Pop-Geschäfts gemeldet - und die Seifenoperdramatik des Auftritts noch ein bisschen erhöht.

Als die Carters, so heißen die beiden bürgerlich, um Punkt 20 Uhr Hand in Hand und ganz in Weiß die Bühne des Olympiastadions betraten, war vom vermeintlichen Kinderstress jedoch nichts zu spüren. Der "CEO des Hip-Hop", wie Shawn "Jay-Z" Carter, 48, gern genannt wird, und seine inzwischen weitaus prominentere Gattin Beyoncé Knowles, 36, werden zusammen auf ein Vermögen von 1,16 Milliarden Dollar geschätzt, in solchen Größenordnungen von Showbiz-Macht herrscht Professionalität über Spontaneität. Als R&B-Royalty, als Königin und König der Black Music, gelten "Queen Bey" und Jay-Z, der den göttlichen Spitznamen "Hova" trägt, wie in Jay-Hova. Und so protokollarisch streng choreographiert präsentierten sich die Majestäten dann auch in Berlin beim zehnten Konzert ihrer Europa- und US-Tour, die noch bis Oktober andauert.

"OTR 2" heißt diese Tournee, analog zu "On The Run", der ersten gemeinsamen Konzertreise der Eheleute vor vier Jahren. Damals gaben sie sich launig als romantische Gangster of Love. "03 Bonnie & Clyde" und "Crazy In Love" sind frühe, stürmische Songs aus den Anfangstagen der Beziehung von Bey und Jay, die nun bereits seit über 15 Jahren ein Paar und seit einer Dekade verheiratet sind. Beide Songs gehören nun auch zur 36 Tracks umfassenden "OTR 2"-Setlist, ebenso wie "Déjà-vu" und "Upgrade U" und das schon schwankende "Drunk In Love" von 2013.

Danach ging's dann rund, und die Öffentlichkeit wurde Zeuge einer großen, musikalisch ausgeschlachteten Soap Opera: Von der Fahrstuhlszene mit Knowles-Schwester Solange, die dem vermeintlich untreuen Jay-Z eine ballern will, über Beyoncés privat-politischen Befreiungsschlag "Lemonade" bis zum Reue-Album "4:44" des Rappers. Und dann erschien vergangene Woche überraschend die Gemeinschaftsplatte "Everything Is Love", auf der sich die Carters offenbar versöhnt im Glanz ihrer angehäuften Errungenschaften sonnen - und dabei ungefähr so authentisch und sympathisch wirken wie Blake Carrington und Alexis aus dem Denver-Clan. Auf der Flucht, on the run, sind diese ganz und gar arrivierten Carters sicher nicht mehr.

Parkwood Entertainment

Warum es live nichts aus "Everything Is Love" zu hören gab, darüber lässt sich nur spekulieren. Die Abfolge der Songs und auf große Videomonitore geworfenen Interludes war exakt dieselbe wie Anfang Juni in Großbritannien und zuletzt in Dänemark und Schweden. Vielleicht "droppten" die beiden ihr Album inmitten der Tour, weil die Ticketverkäufe (zwischen 80 und 300 Euro) nicht jedes Stadion ausverkauft hatten (auch für Berlin gab es noch Karten) und die Künstler sich noch mal in Erinnerung rufen wollten. Wie auch immer: Ein komplett neues Album zu veröffentlichen, das die Stars in ihrer großen, jetzt gehärteten Togetherness feiert und dann auf der Tournee, die den Weg dorthin nachzeichnen soll, keinen einzigen Song davon zu spielen, das kann man kurios finden. Oder es als verschwenderische Luxusgeste nehmen. Ein Powermove.

Beyoncé und Jay-Z in Berlin
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Beyoncé und Jay-Z in Berlin

Davon gab es jede Menge in dieser rund zweistündigen Bombast-Episode von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zu sehen, die vom vorwiegend jungen (und weiblichen) Publikum von Beginn an mit frenetischem Kreischen begleitet wurde. Die Begeisterung, das war hör- und spürbar, galt vor allem Beyoncé, die sich im Zuge ihrer privaten Krise zu einer Ikone für afroamerikanische Consciousness und Feminismus emanzipiert hat.

Sie besitzt die Ehrfurcht gebietende Gabe, inmitten ihrer mitgebrachten Tänzerinnen-Phalanx eine perfekte, ultrakonzentrierte Choreografie zu absolvieren, diese harte und anstrengende Performance aber so mühelos sexy wirken zu lassen, als sei es Teil ihrer morgendlichen Stretching-Routine. Um dann aus dem furiosen Amazonen-Modus in ein mildes Lächeln oder Zwinkern ins Publikum zu verfallen - alles mit minimalen, aber sehr effektiv gesetzten Gesten, royal halt. Nur einmal, als Beyoncé in einem silbernen Dress auf die Bühne kommt, um "Flawless" und "Naughty Girl" zu singen, schaut sie etwas ungnädig, als der störrische Berliner Wind ihr von hinten das Kapüzchen ihres Hoodies an die Lockenmähne drückt. Das war so nicht geplant! Ein schneller Handstreich bändigt das ungezogene Kleidungsstück.

Jay-Z sorgt mit seinen nicht minder souveränen Soloauftritten immer wieder für einen rauen, maskulinen Hip-Hop-Flow, der die manchmal statischen Tanz-Choreos auflockerte. Er zieht sich übrigens öfter um an diesem Abend als seine Frau, eine irgendwie rührende Beobachtung, passend zum großen Wort "Feminist", das zwischendurch kurz auf der Bühne prangt. Allerdings hat es der Rapper leicht, er wechselt schlicht mehrmals die Jacke, während Beyoncé seine Solopassagen nutzt, um sich in komplett neue Outfits zu kleiden. Das schönste ist ein wallendes Abendkleid in Altrosa mit langer, unordentlicher Schleppe, in dem sie ganz an den vordersten Rand der weit in die Menge ragenden Bühnenkonstruktion schreitet, um die Ballade "Resentment" zu singen. Es ist einer der wenigen wirklich packenden Momente des Konzerts.

Beyoncé und Jay-Z in Berlin
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Beyoncé und Jay-Z in Berlin

Denn auch, wenn sich Beyoncé und Jay-Z zum Höhepunkt ihrer Show von einer fahrbaren Bühne, die an einen von innen glühenden Hifi-Verstärker erinnert, in die Mitte des Stadions fahren ließen, um erst zusammen, dann jeweils einzeln ihre größten Hymnen herunterzudonnern ("Niggas in Paris", "Formation", "Run The World (Girls)"), brauchte es am Ende doch ein Medley schmalzigster Fremdkompositionen ("Forever Young" von Alphaville und "Perfect" von Ed Sheeran), um ein hinreichend kitschiges Handylichtermeer in den Tribünen zu provozieren. Ebenso kalkuliert, wenn auch sweet, wirkte das Küsschen, das Jay seiner Bey dann noch zärtlich auf die Wange haucht. Zugabe fiel aus.

Welchen Deal diese beiden Showgrößen miteinander gemacht haben, um dieses lukrative - und sehr unterhaltsame - Spiel in dieser intensiven Form miteinander spielen zu können? Für so viel Indiskretion ließ diese blendende Inszenierung keinen Raum. Künstlerisch war die Partie an diesem Abend in Berlin zumindest ausgeglichen, ein Power-Pärchen, das sich im Perfektionsanspruch auf Augenhöhe begegnet. Fair enough, Hauptsache, den Kindern geht's gut.

insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
tomkey 29.06.2018
1. Helene auf englisch
Wer auf amerikansiche Schlager steht war dort sicher richtig.
bunterepublik 29.06.2018
2. Schöne Idee
Popkultur....
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