Neue Big-Band-Klänge Dieses Blech macht glücklich

In New York und in Berlin, am österreichischen Vorarlberg und an der italienischen Adria-Küste - überall finden sich Jazz-Musiker in Big Bands zusammen. Das Spiel in großen Ensembles bietet fantastische Klangmöglichkeiten.

U.K.Promotion

Von Hans Hielscher


Beim Begriff "Big Band" denken die meisten an Orchester mit vier Trompeten, vier Posaunen, Saxofonsatz und Rhythmusgruppe. Diese Standardformation wurde in der Swing-Ära in den Dreißigerjahren populär und hält sich bis heute. Schul-Big-Bands bieten weltweit Jazz-Talenten eine erste Spielwiese. In Deutschland finden ein paar Glückliche später eine Stelle in den vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk getragenen WDR-, NDR- und hr-Big-Bands. Ansonsten kann kein Musiker allein von Big-Band-Jobs leben.

Doch die Sehnsucht nach vollem Sound, die Suche nach neuen Klangmöglichkeiten aus dem Zusammenspiel vieler Instrumente ermuntern Jazzmusiker immer wieder dazu, Big Bands zu bilden. Die mögen sich oft nur für begrenzte Zeit halten - aber sie beleben immens die Jazzszene, zumal sie sich bewusst von den Traditions-Big-Bands absetzen, zum Beispiel durch Einbeziehung von Elektronik.

Dafür steht das neue Album des Jazzorchesters Vorarlberg mit seiner "electroacoustic Suite for 13-piece Band and Electronics". Komponist Clemens Wenger verbindet Computer-Klänge mit akustischen Instrumenten; dazu deklamiert die Künstlerin Mieze Medusa Poetry-Slam. Jazzig und lustig! Das Vorarlberger Ensemble ist nach dem Vienna Art Orchestra und der Jazz Bigband Graz die dritte Großformation aus Österreich, die europaweit auffällt.

Inspiriert von Richard Strauss und Stevie Wonder

Programmierte Electronics nutzt auch das 15-köpfige JC Sanford Orchestra aus New York. Bandleader/Posaunist Sanford ließ sich als Komponist gleichermaßen von Richard Strauss wie von Stevie Wonder inspirieren. Passt in keine Schublade.

Wo ihre Musik einzuordnen ist, sagt dagegen schon der Name einer anderen New Yorker Bigband: Arturo O'Farrills Afro Latin Jazz Orchestra verzichtet auf jegliche Elektronik und ist traditionell besetzt. Zusätzlichen Drive geben der Band zwei Extra-Percussionisten und Star-Gäste wie der kolumbianische Harfenist Edmar Castaneda und der Pianist Vijay Iyer. Das Afro Latin Jazz Orchestra begann vor mehr als zehn Jahren als eine Haus-Band des "Jazz at Lincoln Center". Der Bandleader und Pianist Arturo O'Farrill ist ein Sohn des legendären Chico O'Farrill, des 2001 verstorbenen Protagonisten des Afro-Cuban Jazz.

Für beachtliche Big Bands abseits der Metropolen, die zeitgenössischen Jazz in traditioneller Besetzung darbieten, steht das italienische Colours Jazz Orchestra aus der Adria-Stadt Senegallia. Der von dort stammende Posaunist Massimo Morganti studierte am Berklee College in Boston, wo er die amerikanische Komponistin Ayn Inserto kennenlernte. Die Schülerin Bob Brookmeyers kam mehrmals nach Senegallia. "Ich entdeckte dort ein Ensemble, das meine Stücke wunderbar spielt", schreibt Inserto in den Liner Notes zum Album "Home away from Home". Die Amerikanerin lobt den Bandleader Massino und das Coulors Jazz Orchestra als "meine Familie, mein Zuhause, wenn ich von zu Hause weg bin".

In Berlin zu Hause ist "The Independent Jazzwerkstatt Orchester". Die 13-Mann-Band kam 2009 zusammen, um Stücke von Charles Mingus zu spielen, die der Trompeter Jürgen Scheele für zehn Bläser, Klavier, Bass und Drums arrangierte. Die originelle Big-Band-CD gehört zu einer 4-CD-Box, die außerdem Aufnahmen mit dem Charles Mingus Trio, der Mingus Dynasty Band und Ulrich Gumperts Workshop Band enthält. Bis auf das Trio spielen alle Bands Kompositionen von Charles Mingus.


CD-Angaben:
Jazzorchester Vorarlberg: Morphing. Laub Records; 13 Euro;
JC Sanford Orchestra: Views from the Inside. Whirlwind Recordings; 18,99 Euro;
Arturo O'Farrill & The Afro Latin Jazz Orchestra: The Offence of the Drum. Motema/ Membran; 13,99 Euro;
Colours Jazz Orchestra: Home away from Home. Neuklang; 16,99 Euro;
Diverse: Mingus, Mingus, Mingus, Mingus. Jazzwerkstatt, 4-CD-Box; 39,99 Euro.



insgesamt 5 Beiträge
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chaps 22.06.2014
1. Danke!
Hallo SPON, danke für diesen Artikel! In letzter Zeit häufen sich glücklicherweise die Artikel über Jazz und ich konnte schon einige gute Bands für mich entdecken. Die CD der Berliner Combo werde ich mir schon mal ordern!
berndbonn 22.06.2014
2. lieber hans hielscher,
ein bischen mehr nach rechts und links schauen, und nicht nur den "traditionellen" big band jazz a´la modern - welcher coleur auch, mit welchen volkstümlichkeiten auch verquirlt - unterstützen! http://www.santafeandthefatcityhorns.com/ ist eine seit ca. 30 j. bestehende 15 mann hohe formation aus las vegas, in der tradition der frühen "chicago", "blood, sweat & tears", "tower of power" und allem was sonst noch großformatig danach erfolge feierte. christopher cross - total untypisch für diesen musikstil - hatte vor einigen wochen als gastmusiker ein konzert mit der band und adelte sie mit dem titel: BEST BAND OF THE WORLD. oder greg adams, viele jahre trompeter bei T.O.P. mit seiner band EAST BAY SOUL http://www.gregadamsmusic.com/. oder kennen sie die vielleicht gar nicht???? mein lieber herr hielscher, dann wird's zeit!!!! SANTA FE spielt jeden montag im palms hotel in las vegas, dienstreise.................! musikalische grüße von bernd aus bonn p.s.: FUNKFILLHARMONIK ist eine weitere sehr beachtenswerte , weil musikalisch vielschichtige großformation, mit dem ehemaligen t.o.p. sänger tom bowes. schluss jetzt, nun beginnt IHR job!!
ambulans 22.06.2014
3. danke,
herr hielscher, für diesen schönen artikel am sonntag. hoffentlich bekommen diese "projekt" viele möglichkeiten, auf den europäischen jazz-festivals aufzutreten und dort "ihr" publikum zu begeistern . verdient hätten sie es!
monoman 22.06.2014
4. Ebenfalls im Bericht vergessen:
Die junge Münchnerin Monika Roscher, Sängerin , Gitarristin und Bigband Leader. Haben bisher ein Album "Failure in wonderland" und dafür gleich den Echo Jazzpreis als Newcomer des Jahres abgestaubt. Von Monika Roscher wird man ganz sicher noch hören. A pro pos hören: http://www.youtube.com/watch?v=lTWnGoD95GM
steppenrocker 23.06.2014
5. Es gibt noch einiges
Der Artikel ist aller Ehren wert, aber es gib viel interessantere Big Bands als die erwähnten. Das derzeit spannendste ist das skandinavische Fire! Orchestra unter der Leitung von Mats Gustafsson, das bis zu 30 (!) Musiker umfasst: https://www.youtube.com/watch?v=6FC7-NWlTp8 Auch Altmeister sind immer noch unterwegs, wie z.B. das Globe Unity Orchestra unter der Leitung von Alexander von Schlippenbach, das Sun Ra Arkestra mit Marshall Allen oder das ICP Orchestra. Auch Gebhard Ullmanns La Tam 11 und Ken Vandermarks Resonance Ensemble sollten nicht unerwähnt bleiben. Es gibt eine Menge zu entdecken.
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