Bigband-Jazz Die Rückkehr der Elefanten

Ist das nicht Opa-Musik? Von wegen: Jazzmusiker aus aller Welt treten gern mit deutschen Bigbands auf. Drei Neuerscheinungen beweisen, wie packend, swingend und funky der Orchestersound klingt.


Deutsche Bigbands hatten stets einen guten Ruf: Im vergangenen Jahrhundert gehörten die Bands von Kurt Henkels, Werner Müller, Erwin Lehn und Kurt Edelhagen zur europäischen Spitze. Die Orchester waren populär, denn neben ihrem Jazz-Repertoire spielten sie auch Tanzmusik und begleiteten die Schlagerstars ihrer Zeit. Doch als Beat-Rhythmen den Swing verdrängten und elektrische Gitarren Bläser-Riffs ersetzten, waren Bigbands nicht mehr gefragt. Sie galten als zu teuer; ihr Klang erschien Jugendlichen als Opa-Musik.

Nun hat sich das Blatt gewendet: Als Robbie Williams seine Frank-Sinatra-Hommage "Swing When You're Winning" herausbrachte und Roger Cicero sein Hitalbum "Männersachen" mit einer Bigband produzierte, entdeckte eine neue Generation die Klangkraft eines Orchesters. Statt einer Batterie von Verstärkern und Lautsprechern wollten nun viele lieber lebendige Musikanten auf der Bühne sehen. Bigbands bieten sie in Kompaniestärke.

Weil die Orchester mindestens zehn Mitglieder haben, gelten sie als die Elefanten unter den Jazz-Besetzungen: In der Regel bestehen sie aus fünf Saxofonen, vier Posaunen, vier Trompeten und der Rhythmusgruppe mit Gitarre, Piano, Bass und Schlagzeug.

Ein Klick ins Netz zeigt, dass Bigbands Konjunktur haben: Von "Aachener Bigband" bis "Zwilling Rizskis Big 18" finden sich nicht weniger als 482 allein in Deutschland. Die große Masse sind Liebhaber-Kapellen begeisterter Amateure, internationale Anerkennung suchen dagegen die professionellen Orchester der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender in Köln, Hamburg, Frankfurt und Stuttgart.

Mit diesen Bigbands treten Stars aus den USA gerne auf. So sollte der Saxofonist Michael Brecker als Solist auf einem Album der Frankfurt Radio Bigband (hr-Bigband des Hessischen Rundfunks) mitwirken. Der damalige Orchesterchef Jörg Achim Keller arrangierte die Melodien aus George Gershwins Oper "Porgy & Bess" für den Amerikaner, doch Brecker starb 2007 an Leukämie.

Seinen Part hat nun Bandmitglied Tony Lakatos übernommen. Und was der aus Ungarn stammende Tenorsaxofonist vor dem phantastisch swingenden Orchester leistet, ist umwerfend. Ein packendes Album!

Ein anderes Spitzenorchester, die Hamburger NDR Bigband, begleitet auf ihrer neuesten CD eine Sängerin: Susi Hyldgaard, die ihre Musik selbst schreibt und von der es heißt, sie sei "dem reinen Popsong so fern wie dem Jazzstandard" ("Die Zeit"). Dass die Kompositionen der 45-jährigen Dänin diesmal dennoch recht jazzig klingen, liegt an den Arrangements der Amerikaner Roy Nathanson und Bill Ware. Und Hyldgaard genießt offenbar, dass eine Bigband ganz andere Klangfarben zaubern kann als eine kleine Besetzung.

Die dritte deutsche Bigband-Neuerscheinung kommt von Roger Cicero. Der Sänger, der mit seinen deutschsprachigen Swing-Nummern die Pop-Charts stürmte, lässt sich wieder von Jazz-Kollegen begleiten. Die spielen diesmal freilich überwiegend Arrangements, die eher funky angelegt sind, als dass sie swingen. Und anders als die Musiker der hr- und NDR Bigband erhalten Ciceros Instrumentalisten kaum Raum für Soli.


CDs Tony Lakatos & Frankfurt Radio Bigband: "Porgy & Bess" (Skip Records); Susi Hyldgaard & NDR Bigband: "It's Love We Need" (Yellowbird Enja); Roger Cicero: "Artgerecht" (Warner Music, erscheint am 3.4.).

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insgesamt 7 Beiträge
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monaco_franze, 27.03.2009
1. Die armen deutschen Bigbands....
Zitat von sysopIst das nicht Opa-Musik? Von wegen: Jazzmusiker aus aller Welt treten gern mit deutschen Bigbands auf. Drei Neuerscheinungen unterstreichen, wieso. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,615434,00.html
Die 4 in der Bilderstrecke des Artikels als Beispiele aufgeführten neuen Alben sind auszugsweise auf "youtube" anhörbar. ==> Müde Musik, das gab es früher schon viel besser und fetziger. Was bei Roger Cicero funkig sein soll, hat sich mir auch nicht erschlossen (hört sich gleich an wie sein früheres Oeuvre). Servus
mbberlin, 27.03.2009
2. ...
Zitat von monaco_franzeDie 4 in der Bilderstrecke des Artikels als Beispiele aufgeführten neuen Alben sind auszugsweise auf "youtube" anhörbar. ==> Müde Musik, das gab es früher schon viel besser und fetziger. Was bei Roger Cicero funkig sein soll, hat sich mir auch nicht erschlossen (hört sich gleich an wie sein früheres Oeuvre). Servus
Cicero ist ein Placebo. Das mögen die Leute.
C. Esser 27.03.2009
3. Vorfreude
Nicht zu vergessen: Bert Kaempfert. Derzeit wird ein neues Album mit tollen Kaempfert-Songs in Berlin produziert, auf das man gespannt sein darf. Für Qualität bürgt der Produzent (Robert Matt) sowie ausgewählte Top-Künstler, die z.T. zum ersten Mal in diesem Genre unterwegs sein werden. Schon das alleine zeigt, daß diese Musik wieder salonfähig ist, selbst ein Charterfolg dürfte beim einen oder anderen Lied nicht ausgeschlossen sein. Ich freue mich sehr auf diese neue Interpretation Kaempferts und kann's gar nicht abwarten, bis die CD im Laufe des Jahres auf den Markt kommt.
kustt110 27.03.2009
4. Ein tolles neues Album wurde leider vergessen
Hallo, wenn schon die Rede ist von "Profiorchester der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender in ... Stuttgart" und von Neuveroeffentlichungen, dann waere da auch die neue CD "Fun Time" der SWR-Bigband unter Leitung von Sammy Nestico zu nennen. Erschienen am vorletzten Montag und einfach grandios. -- Stefan Kuhr
flamingstratman 27.03.2009
5. handgemachte musik
Ich glaube in letzter Zeit eine Rückkehr zur guten, handgemachten Livemusik zu beobachten. Davon profitieren natürlich auch die Bigbands mit ihrem speziellen Sound. Sie konnten dadurch "Neuhörer" gewinnen. Es bleibt zu hoffen, daß sie ihre frisch eröffnete Marktlücke weder durch überlange (und langweilige ?)Soli noch durch abgleiten in beliebige Schlagerartigkeit verschließen. Ansonsten kann ich mich mbberlin nur anschließen :-)
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