Austro-Popper Bilderbuch "Wir wussten - das ist geiler Scheiß"

Goldkettchen und Falco-Pose - Bilderbuch wollen den deutschsprachigen Pop retten. Und das als Österreicher! Wie soll das gehen? Wir fragen Bandkopf Maurice Ernst, Ex-Klosterschüler und bestangezogener Mann des Landes.

Maschin Records

Ein Interview von , und (Video)


Zur Band
Bilderbuch wurde 2005 von dem Klosterschüler Maurice Ernst gegründet. Mit den ersten beiden Alben "Nelken und Schillinge" (2009) und "Die Pest im Piemont" (2011) erspielte sich die Band eine österreichische Fangemeinde. Ein radikaler Stilwechsel auf dem neuen Album "Schick Schock" brachte auch in Deutschland den Durchbruch. Mit ihrem Mix aus Art-Rock, HipHop, Funk und Popzitaten bewegten sie diverse Musikkritiker zu Freudenstürmen. Zur Band gehören neben Sänger Maurice Ernst noch Peter Horazdovsky (Bass), Michael Krammer (Gitarre) und Philipp Scheibl (Drums).
SPIEGEL ONLINE: Glückwunsch, Herr Ernst, Sie sind gerade zum bestangezogenen Österreicher gekürt worden - trotz Goldkettchen und blondierter Haare.

Ernst: Gerade deswegen! Ja, das ist toll.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Band Bilderbuch wird gerade abgefeiert, als Retter der deutschsprachigen Popmusik.

Ernst: Der Erfolg bestätigt uns. Wir wussten, dass das wirklich geiler Scheiß ist. Es gab aber kein Kalkül, wir haben gearbeitet, wie wir es seit zehn Jahren tun.

SPIEGEL ONLINE: Sie vermengen munter Achtziger-Synthies, Metal-Riffs und HipHop, reizen Autotune bis zum Gehtnichtmehr aus und singen Sätze wie "Es tropft dein feuchter Blick auf mein Verlangen". Können Sie verstehen, dass manche Menschen Bilderbuch als Frechheit empfinden?

Ernst: Natürlich. Wir spielen bewusst mit Klischees, die provozieren. Zum Beispiel gibt es einen Haufen homophober Trottel, die nicht verstehen, wieso ein verweichlichter Mann wie ich so auf den Putz hauen kann. Man braucht aber auch Leute, die es schlecht finden, damit die, die es gut finden, es wirklich gut finden. Weil sie sich bestätigt fühlen, dass sie nicht die Trottel sind.

Bilderbuch

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SPIEGEL ONLINE: Warum wirken diese Klischee-Anhäufungen, dieses exaltierte Auftreten bei Ihnen nicht peinlich?

Ernst: Weil wir es extrem ernst meinen. Und weil wir bei allem Zitieren und Zusammensetzen sehr genau auf den Moment achten, bei dem es kippt, ab dem es lächerlich wird. Es muss immer Stil und Qualität behalten. Deshalb haben wir im Video von "Maschin" auch einen Lamborghini gewählt und keinen Porsche oder Ferrari. Das hätte schon zu viele Stereotype mitgebracht.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie dieses große Selbstvertrauen?

Ernst: Seit ich 15 bin, beschäftige ich mich fast täglich mit Musik. Klar wird man da irgendwann besser. Auf der anderen Seite hatte Bilderbuch schon immer eine trotzige Haltung. Wir sehen es als unsere Aufgabe, die deutschsprachige Musik ein bisschen weiterzubringen. Zumindest etwas zu machen, das uns selbst überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr erstes Album war Indie-Rock, das zweite verkopft und düster. Und jetzt das?

Ernst: Wir sind eine getriebene, eine suchende Band. Wir wollten nicht einfach nur die nächste Platte machen, sondern haben uns langsam an eine neue Attitüde herangetastet. Wir haben versucht, einen internationalen Sound zu machen. Wir haben Prince gehört, uns in den HipHop verliebt. Und wir haben extrem mit Collage gearbeitet, uns aus der Popgeschichte das herausgenommen, was wir wollten.

SPIEGEL ONLINE: Oft ist deutschsprachige Musik sehr textbezogen. Das ist bei Ihnen anders.

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Band Bilderbuch: Wie David Bowie aus Österreich?

Ernst: Ja, der Soul war uns wichtig! HipHop, Hamburger Schule oder Ja, Panik - alles großartig. Aber der Punkt war, einen Gegenentwurf zu machen. Gefühl vor Konzeption zu stellen. Zu sagen, warum gibt es nicht mal einen David Bowie aus Österreich? Wir wollten mehr über die Musik kommunizieren. Man muss deswegen ja keine schlechten Texte schreiben.

SPIEGEL ONLINE: In "Plansch" heißt es "Blaues Flair vergießt sich über dich, Du verschüttest viel zu viel versehentlich." Wo kommen solche Textzeilen her?

Ernst: Das hängt bei mir stark mit dem Klang zusammen. Ich bin ein extremer Fan von Ästhetik, narrative Strukturen oder Reime sind mir weniger wichtig. Es funktioniert emotional, ich singe und bleibe dann an schönen Sätzen hängen. Es muss allerdings immer eine Idee, ein Gefühl dahinterstecken.

SPIEGEL ONLINE: Zu Ihren schönen Sätzen gehören auch Plattheiten wie "Lecko mio, dios mio".

Ernst: Sicher. Dabei kommt es eben darauf an, wie man es bringt. Du kannst etwas ironisch sagen, oder überhöht. Da bin ich inzwischen viel sicherer geworden. Bei den ersten beiden Alben hätte ich das noch nicht gekonnt, da hätte ich mich noch hinter größeren Wörtern versteckt. Jetzt kann ich sagen, "Du stehst da, bla, bla, bla", und es klingt schon wesentlich cooler.

SPIEGEL ONLINE: Und muss man das dann inhaltlich verstehen?

Ernst: Wir geben keiner 17-jährigen Schülerin einen Weg vor, damit umzugehen, dass sie jetzt alleine ist. Wir schreiben andere Texte als Casper oder Kraftklub mit ihrem narrativen Ding. Wir hatten Sehnsucht nach ein bisserl mehr. In wenigen Sätzen kann sehr viel Wahrheit stecken, und eine Kombination aus zwei platten Sätzen kann wieder einen Sinn ergeben.

Bilderbuch live

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SPIEGEL ONLINE: Wieso kommt überraschende deutschsprachige Musik jetzt überhaupt aus Österreich?

Ernst: Ich könnte jetzt den Radiosender FM4 nennen oder die sicherlich spannende Jugendkultur. Letztlich ist unsere Musik aber eine Trotzreaktion darauf, wie merkwürdig klein Österreich in den letzten Jahren gedacht hat. Immer die gleichen Gesichter, das sich ständig wiederholende Indie-Ding. Einfach fad.

SPIEGEL ONLINE: Das möchten Sie wahrscheinlich nicht hören, aber man denkt an Falco, wenn man Sie so hört und sieht.

Ernst: Falco hat den internationalsten Pop gemacht, den Österreich je hatte. Das haben wir auch versucht - ohne an Falco zu denken.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Pose haben Sie sich schon ein wenig abgeschaut.

Ernst: Da gibt er uns schon etwas vor. Wir lieben Falco, und wir brauchen ihn, um aus diesem Moloch der österreichischen Musikszene rauszukommen. Weil wir mit ihm wenigstens mal einen hatten, aus dessen Schatten man endlich treten muss. Das ist in Österreich so ein Punkt: Man kann ewig super sagen, aber es ist eben seit 30 Jahren aus. Córdoba 1978 oder Falco, das sind Sachen, die einem irrsinnig auf die Nerven gehen, wenn man aus unserer Generation kommt. Und dieser Klischees haben wir uns jetzt bewusst angenommen, wir haben die alten Helden verwurschtelt.

"Schick Schock" heißt das aktuelle Album von "Bilderbuch", eine Kritik lesen Sie hier. Die Deutschland-Tour der Band startet am 18. März. Tour-Termine finden sich unter bilderbuch-musik.at.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
mel80 04.03.2015
1. Bin begeistert!
Ich habe die Musik schon gehört, da waren die Jungs noch nicht so weit oben. Einfach klasse Texte und tolle Musik! Weiter so.
Alexander Teeee. 04.03.2015
2. Hmm, irgendwie abgekupfert.
Klingt sehr nach MGMT und OKGo... Kommt mir vllt. auch nur so vor....
madtv 04.03.2015
3. Austropop, aha, und was ist mit Wanda?
Die starten gerade ziemlich durch, spielen eine ausverkaufte Tour, Single des Jahres in der Intro, Support von Kraftclub, und das alles, obwohl oder gerade weil sie in der deutschen Presse überhaupt nicht stattfinden.
sysop 04.03.2015
4. #3
http://www.spiegel.de/kultur/musik/neue-alben-haftbefehl-smashing-pumpkins-wanda-juju-jordash-a-1006006.html
Newspeak 04.03.2015
5. ...
Aus deutscher Sicht ist es immer besser, wenn österreichische Künstler Erfolg mit ihrer Kunst haben ;). Insofern, weiter so!
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