Neues Album von Bilderbuch Mamma mea culpa!

Da gibt's nichts zu entschuldigen: "Mea culpa", das neue Album von Bilderbuch, zeigt die Österreicher in brillanter Form. So entspannt und experimentierfreudig (und romantisch) klangen sie bislang noch nicht.

Hendrik Schneider

Von


Physikalisch ist es einigermaßen unmöglich, den Arsch hochzukriegen und sich gleichzeitig zu entspannen. Musikalisch zeigen Bilderbuch, dass es geht: auf ihrem fünften, in der Nacht auf Dienstag veröffentlichten Album "Mea culpa". Darauf fahren die vier Österreicher das Tempo runter, aber die Finesse hoch.

Von dem lahmen Reggae-Weg, den sie mit dem Vorgängeralbum "Magic Life" und auch noch mit der diesjährigen Single "Eine Nacht in Manila" eingeschlagen hatten, sind sie zum Glück wieder abgekommen. Stattdessen halten sie nun Kurs auf Neunziger-R'n'B, Two-Step und Power-Pop-Balladen. Wie Letzteres funktioniert denn auch das gesamte Album: Es geht fluffig mit "Sandwishes" los, erklimmt mit "Mein Herz bricht" ein spannungsvolles Plateau, um sich von dort aus noch mal mit dem Hit-Doppelschlag "Memory Card" und "Checkpoint (Nie Game Over)" in ungeahnte Höhen zu steigern.

Mehr als alle Bilderbuch-Alben zuvor empfiehlt es sich daher, "Mea culpa" an einem Stück von vorn bis hinten zu hören. Wem das dank Verplaylistung schon wie eine konzentrationstechnische Herausforderung erscheint: Mit "Emotion" hat die Band einen instrumentellen Lounge-Jazz-Track von nur 1:33 dazwischen gepackt. Zum digitalen Verschnaufen, sozusagen.

Ich glaub', mir wird schlecht

Entlastet durch den dramaturgischen Bogen, den das gesamte Album spannt, sind die einzelnen Tracks nun konzentrierter. Noch immer bersten sie vor Hooks, aber diese sind nun nicht mehr auf Kontrast hin montiert, sondern auf Dichte. Statt der wuchtigen Soli von Gitarrist Michael Krammer, die in der Regel die besten Bilderbuch-Songs zersägt haben, setzen nun zum Beispiel fedrige Synthie-Streicher sanfte Akzente - ganz ähnlich wie auf Robyns aktuellem Album "Honey", mit dem "Mea culpa" den musikalischen Referenzrahmen und die Geschmackssicherheit teilt.

Fotostrecke

5  Bilder
Bilderbuch: Immer in Pose

In den Momenten, in denen "Honey" jedoch in überkuratierte Belanglosigkeit abgleitet, haben Bilderbuch mehr drauf und können mit ihren Texten und der Stimme von Maurice Ernst gegensteuern. Dass es immer noch Facetten in Ernst' Stimme gibt, die noch nicht auf Platte zu hören waren, verblüfft. Schließlich gibt er von Croonen über Säuseln bis Sprechgesang doch schon so vieles und das meist auch noch in einem einzigen Song. Aber so aufgeraut wie in "Mein Herz bricht" oder so neo-soulig wie auf "Lounge 2.0" hat man ihn noch nicht gehört. Die Neugier auf ihre eigenen Möglichkeiten, die die Band hier an den Tag legt, steckt an.

Und dann sind da noch die Texte. Zwischen Zeitgeist-Aphorismen, Dada und Checker-Pose wechselnd, fungieren sie genauso unterschiedlich im Albumrahmen: Mal sorgen sie für kognitive Dissonanz, dann für verständiges Nicken, manchmal für Poesie, und manchmal kippen sie innerhalb einer Strophe: "Ich glaube an Speed/Ich glaube an Weed/ Ich glaub, mir wird schlecht". Pop als Rollenspiel - nicht enttarnt, sondern zur befreienden Vollendung gebracht.

Albern und von Herzen zugleich

Von den Handy/Candy/App/Internet-Anspielungen mögen Bilderbuch weiterhin nicht lassen ("Mizzy und ich schauen nicht fern/Weil auf Netflix ist Sich-Entscheiden so schwer/Also fahren wir ins Megaplex/Da wo sich das Licht in die Augen flext"), aber es häufen sich dazu die Vierzeilen-Beziehungskurzgeschichten an, die schon ihrem Hit "Bungalow" seine Größe gegeben haben ("Dabei ist es schon viel zu spät").

Nun heißt es in "Mein Herz bricht": "Tausend Scherben wie tausend Gesichter/Doch ich seh nur dich an und tausende Lichter/Tausend Scherben sind tausend Gesichter/Doch du siehst nur mich an, und ich wär' so gern nüchtern".

Und manchmal kommt auch beides zusammen, der Digital-Gaga und das große Gefühl: "Du bist auf meiner Memory Card", wird der Ex auf "Memory Card" sehnsuchtsvoll hinterhergesungen. Das ist Millennial-Romantik aufs Zärtlichste parodiert, albern und von Herzen zugleich.

Und womöglich die Richtung, in die es 2019 noch viel weiter gehen soll: Für Februar ist bereits das nächste Album angekündigt. "Vernissage My Heart" soll es heißen.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.