Hollywoodstar in der Elbphilhamonie Bill Murrays Tango mit Hemingway

Wenn Charakterkopf Bill Murray und Cellovirtuose Jan Vogler sich die Bühne teilen, wird es ernst. Trotzdem wurde in Hamburg gelacht. Denn Murray gab den großen Mimen - und sein Gesang rührte fast zu Tränen.

Bill Murray, Jan Vogler und ein Cello
Peter Rigaud

Bill Murray, Jan Vogler und ein Cello

Von


"This is Jan Vogler!" Aus dem Off ertönte zu Beginn Bill Murrays Stimme, und er ließ keinen Zweifel daran, dass dieser Abend aus Teamwork entwickelt wurde, keine One-Man-Show des Kino-Stars sein sollte. Natürlich war die Mehrheit des Publikums wegen Murray in der Elbphilharmonie, aber das Konzept "Kammermusik plus Literatur" sollte sich selbst tragen.

Bill Murray stand bescheiden außenseitig am Notenpult, Texte vor sich, dezent im schwarzen Anzug, ein großer Flügel für die Pianistin Vanessa Perez in der Mitte. Neben ihm die Violinistin Mira Wang, Ehefrau des Starcellisten Jan Vogler, der rechts das traute Familienbild rundete. Ein biedermeierlicher Hausmusikzirkel der gebildeten Oberschicht, wenn man so will. Aber ein Mann wie Murray sorgt schon dafür, dass der Teekessel nicht zu dominant brummt.

Hausmusik-Zirkel: Mira Wang, Vanessa Perez, Bill Murray und Jan Vogler
Peter Rigaud

Hausmusik-Zirkel: Mira Wang, Vanessa Perez, Bill Murray und Jan Vogler

"Dieses Cello - ich spielte es schlechter als irgendwer sonst auf Welt." Ausgerechnet Ernest Hemingways zwiespältige Erfahrungen mit der klassischen Musik stellte Murray an den Beginn seiner literarisch-musikalischen Reise durch Amerika, die von Jan Vogler standesgemäß mit dem Prélude aus Johann Sebastian Bachs erster Cello-Suite flankiert wurde. Vogler ließ es flott angehen, sein Bach sprudelte so rein, wie kurz darauf der kurze Auszug aus dem Schubert-Trio B-Dur.

Von Gershwin zum Flohwalzer und "Elise"

Nein, repertoiremäßig wurde an diesem Abend niemand überfordert, zwischen Gershwin, Astor Piazolla und Van Morrison oszillierte das Spektrum, und das muntere Kammertrio um Jan Vogler spielte alle Tangobonbons und Filmmusikperlen genießerisch und comedyerfahren aus. Es durfte gelacht werden, auch mal in Flohwalzer-Niederungen und en passant bei Beethovens "Elise", die natürlich vom Publikum mit großem Hallo begrüßt wurde.

Bill Murray kämpfte anfangs ein wenig mit dem üppigen Hall der Halle, die ja eher für Musik konzipiert ist, aber als alter Profi justierte er seine Artikulation in kurzer Zeit perfekt, alle Texte rezitierte er nach der Aufwärmphase mit großer Deutlichkeit und Präsenz. James Fenimore Coopers Passage aus dem "Wildtöter" und - noch ein Hemingway - das lange Zitat aus "Paris - ein Fest fürs Leben" nahmen das Auditorium von Beginn an mit.

Murray gelang das durch intensive Präsenz in Körper und Stimme und eine effiziente Bewegungsregie, die so spontan wirkte, dass man ihm mühelos folgte. Geigerin Mira Wang, auch als Direktorin der Moritzburg Festivalakademie aktiv, unterstützte Murrays Bewegungsdrang nach Kräften, was naturgemäß bei Astor Piazzollas wiegenden Tangosequenzen ("La Muerte del Angel") am besten gelang.

Bescheidene Singstimme, großer Effekt: Bill Murray
Peter Rigaud

Bescheidene Singstimme, großer Effekt: Bill Murray

Diese mündeten in eine von Bill Murrays hinreißenden Gesangsperformances, die er wie "It Ain't Necessarily So" (aus "Porgy & Bess") zu einer perfekten Studie in darstellender Musik transformierte. Sein Stilmittel: aus bescheidener Gesangstimme einen Sturm entfachen. Über Mira Wangs technische Fähigkeiten gab es nach ihrer Interpretation von Jascha Heifetz' hier verwendeter Gershwin-Bearbeitung auch keine Zweifel mehr: kongenial zu Murrays überschäumender Bibelexegese in diesem Gershwin-Format.

Die große ironische Predigt

Ähnlich Effektvolles gelang Murray später mit Van Morrisons leicht frömmelnder Hymne "When Will I Ever Learn To Live In God", die Murray aus brüchiger Ironie in eine hypnotische Predigtform überführte. Alles in wenigen Minuten, großer Gefühlsumschwung, hart an der Grenze zum Kitsch, aber dennoch ergreifend. Ganz große Wirkung, man spürt Murrays grenzenlose Erfahrung an der Live-Front.

ANZEIGE
Bill Murray, Jan Vogler and Friends:
New Worlds

Decca; 18,99 Euro (erscheint am 29. September 2017)

Dankenswert, dass der Veranstalter im Programmheft sämtliche Texte im Original plus deutscher Übersetzung mitgeliefert hatte, denn speziell das Finale mit Texten von James Thurber und Mark Twain (aus "Huckleberry Finn") mäanderten gewagt lange dahin, und wer keine detaillierten englischen Sprachkenntnisse besaß, hatte wohl seine Schwierigkeiten. Umso mehr, als Bill Murray mit Brillanz und Wandlungsfähigkeit die Sprachmelodien und Diktionen der Protagonisten ausgefeilt darbot.

Dass nach rund hundert flotten, pausenlosen Konzertminuten das Finale mit Leonard Bernsteins altbewährten "West Side Story"-Schlachtrössern kein fades Broadway-Gebräu wurde, dafür sorgte das Kammermusik-Arrangement von Stephen Buck und natürlich die brillante Spotlight-Darstellung von Bill Murray, der mit von "Somewhere" bis "America" noch einmal die Rampensau fliegen ließ, mit der Prise wohltuender Ironie, die den ganzen Abend würzig gestaltete.

Als Zugabe lieferten Murray und seine Mitstreiter eine anrührende Version der klassischen Marty-Robbins-Countryballade "El Paso" ("Wir haben das noch nie live gespielt, also geht's schief"!), danach warf Murray - alter Show-Hase - viele rote Rosen ins Publikum. Keine Frage, er war gut drauf, jenseits aller Routine. Der Grantler lächelte wie sein Publikum. Ein denkwürdiger Abend.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.