Neue Musik von Björk "Ich klinge wie ein Glückskeks!"

Das neue Album von Björk heißt "Utopia" und handelt von der Liebe: In Reykjavik hat uns die isländische Sängerin erklärt, warum wir gerade jetzt viel Licht im Leben brauchen - und prophezeit den Beginn des Matriarchats.

Ein Interview von Tobi Müller


Zur Person
  • DPA
    Björk Guðmundsdóttir, 1965 in Reykjavik, Island geboren, ist eine der bedeutendsten Pop-Künstlerinnen unserer Zeit. Bekannt wurde sie als Sängerin der Rockband The Sugarcubes, seit 1993 veröffentlicht sie zunehmend eklektizistische Avantgarde-Pop-Alben (u.a. "Debut", "Medulla"), auf denen sie musikalische Stile und audiovisuelle künstlerische Disziplinen vermischt. Das MoMA in New York widmete ihr 2015 eine umfassende Retrospektive.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrem letzten Album "Vulnicura" ging es um Ihr gebrochenes Herz. "Utopia" handelt nun von der Heilung. Im Video zur Single "The Gate" tragen Sie eine Vulva in der Brust, eine offene Scheide, die einen leuchtenden Organismus gebärt. Was bedeutet das?

Björk: Es geht um einen emotionalen Muskel, den ich trainieren muss. Das Album ist eine Art Yogaübung für mich. Es ist ja kein Zufall, dass das Bild des gebrochenen Herzens schon so lange durch Gedichte geistert. Es ist ein körperliches Bild: Deine Brust implodiert. Nach zwei Jahren oder so kommt dann eine Leere auf, die man wieder füllen muss. "The Gate" handelt davon, dass man an diesem Punkt die Wahl hat: den Muskel zu trainieren oder dein Herz weiter verkümmern zu lassen, vielleicht für den Rest deines Lebens. Wenn man sagt: Ich will Licht in meinem Leben, ich will, dass meine Wunde ein Tor wird, ein "Gate". Wenn man das schafft, hat man vielleicht 50 Prozent Licht und 50 Prozent Dunkelheit. Aber wenn man sich auf die Dunkelheit fokussiert, übernimmt sie bald ganz. Oh, ich klinge wie ein Glückskeks!

SPIEGEL ONLINE: Ein Tor zu sein für etwas anderes: Das beschreibt auch Ihre künstlerische Partnerschaft mit dem jungen Elektro-Musiker Alejandro Ghersi, genannt Arca, der auf "Utopia" viel mehr als ein Produzent zu sein scheint. Man erkennt ihre beiden Handschriften sofort, aber sie werden nicht eins, sondern behalten viel Eigensinn. Ist das eine Art Beziehungsmodell?

Björk: Ja, das macht mich alles so glücklich! Für "Vulnicura" habe ich alles selbst geschrieben und Alejandro kam erst später dazu und machte die Beats. Da war er tatsächlich eher ein Mietproduzent, "a hired gun". Auf Tournee waren wir dann aber gemeinsam. Wir spielten sehr traurige Konzerte in der New Yorker Carnegie Hall, alle weinten. Das war reinigend, wie ein Exorzismus. Am Ende saßen wir da und sagten: Fuck, wir haben uns jetzt etwas Leichteres verdient. Danach haben viel Zeit miteinander verbracht. Alejandro ist 28, wir sind an unterschiedlichen Punkten unseres Lebens, ich bin bald 52 Jahre alt, eine total andere Generation. Aber trotz des Altersunterschieds führen wir eine musikalische Beziehung auf Augenhöhe.

SPIEGEL ONLINE: Man hört das der Musik an. In "Blissing Me" singen Sie auch über diese Beziehung. Da ist die Rede von "two music nerds obsessing": Sind Sie und Arca da auch auf gleicher Hierarchiestufe?

Björk: Ich glaube nicht, dass Hierarchien viel bringen. Wir leben ja längst im Post-Patriarchat, das Matriarchat wird noch in diesem Jahrhundert kommen. Verstehen Sie mich nicht falsch, Alejandro und ich lieben Machos, diese Jungsenergie ist toll. Aber wir setzen die Emotion an erster Stelle. Ich sehe das auch bei meinen Kindern: Gerade gestern habe ich meine 15-jährige Tochter und ihre Schulklasse für zwei Tage ausgeführt. 30 Kids, und die Jungs sind so emotional! Das ist die Utopie für euch Jungs, dass ihr gefühlvoll und verletzlich sein könnt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das in der Kunst nicht längst möglich? Viele Künstler denken doch, dass sie nicht gesellschaftlichen Konventionen entsprechen.

Björk: Viele männliche Künstler leben in steilen Hierarchien, wenn sie einen gewissen Status erreicht haben. In dieser Welt gibt es Praktikanten und ein ganzes System um sie herum. Und ich mag das nicht und ich glaube auch nicht daran. Vielleicht, weil ich eine Frau bin. Vielleicht, weil ich früh eine wichtige Lektion gelernt habe, nämlich wie schmerzhaft es sein kann, wenn man auf einen Sockel gestellt wird. Ich war erst elf Jahre alt, als in Island mein erstes Album erschien. Ich wurde sofort eine Berühmtheit. Ich konnte keinen Bus nehmen, ohne dass die Kinder geflüstert haben: Oh, das Mädchen aus dem Fernsehen! Oh, sie sitzt in der letzten Reihe, weil sie denkt, sie sei etwas Besonderes. Ich fing also an, mich nach vorne zu setzen. Aber da hieß es: Oh, sie sitzt ganz vorne, weil sie denkt, sie sei wichtiger. Aus dieser Zeit stammt mein starkes Verlangen, real zu sein und normale Dinge zu tun. Auch mit den Leuten um mich herum.

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Björk: Nach der Trennung ein "Tinder"-Album

SPIEGEL ONLINE: Der Begriff "Utopia" erinnert auch an vernichtende Ideologien, die ganz mit der Geschichte brechen wollten und Unheil hinterließen, "Tabula Rasa" heißt einer Ihrer neuen Songs. Wie gehen Sie mit diesem Ballast um?

Björk: Ich habe einen seltsamen Sinn für Humor und ich mag diesen Ballast. Ich mag auch das Klischee der "Utopie", ein unglaublich abgenutztes Wort. Ich mache mich über mich selbst lustig. Vermutlich ist Humor generell unterbewertet in meinem Werk. Wissen Sie, heutzutage Hoffnung in die Welt zu tragen, ist natürlich auf eine Art albern. Aber so bin ich! Und sicher hat es auch mit dem Doppelwerk zu tun, also mit "Vulnicura", dem letzten Album, das eine sehr dunkle Energie ausstrahlte. Deshalb musste ich das Licht für "Utopia" besonders hoch halten, damit meine Familie und ich heil aus dieser Situation herauskommen. Was schon wieder absurd ist: Ich als Lichtgestalt, das ist bewusst ein bisschen lächerlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, Utopia sei Ihr "Tinder-Album". Wir dachten beim Stichwort Utopia eher an den gleichnamigen Dialogroman von Thomas Morus von 1516. Auf dessen Insel herrscht strenge Monogamie, das ziemliche Gegenteil von Dating.

Björk: Die Schwierigkeit besteht ja darin herauszufinden, mit wem man monogam leben möchte, nicht wahr? Es geht aber nicht nur um darum... obwohl, doch, einzelne Songs sind auch Dating-Songs, und für jemand ganz Bestimmtes geschrieben. Es geht aber auch um eine metaphysische Ebene. Das Album ist der Beginn einer neuen Lebensphase, die davon bestimmt ist, sich wieder zu öffnen. Ich glaube an Monogamie, deshalb ist das für mich nicht einfach. Ich bin überhaupt nicht offen, das alles macht mir große Probleme! Deshalb schreibe ich solche Songs.

SPIEGEL ONLINE: Mit Offenheit und Verhüllung spielen die Masken und der Kopfschmuck, die Ihre aktuellen Auftritte und Bilder prägen. Masken sind zum einen ein Schutzschild, zum anderen drücken sie Emotionen aus, die mimisch kaum darzustellen sind. Was ist Ihnen wichtiger, der Schutz oder das verstärkte Gefühl?

Björk: Beides, glaube ich. Die Masken erlauben mir, großzügiger zu sein, mehr Ausdruck zuzulassen in der Kommunikation mit Fremden. In Reykjavik mache ich das nie, ich treffe Sie ja heute auch ohne Maske. Leute wie ich wollen aber auch mal mit den Kindern essen gehen wollen, ohne dass alle ihre Telefone rausholen und fotografieren. Ich kann da sehr streng werden. Wenn ich zu Konzerten gehe, trage ich eine dünne Maske aus transparentem Stoff, mein Gesichtsausdruck bleibt also gerade noch sichtbar. Das beschützt mich. Ich kann mich betrinken und dennoch mit meinen Fans reden.

SPIEGEL ONLINE: Masken erlösen Sie von der Zumutung, Sie selbst sein zu müssen?

Björk: Es ist erleichternd, vom Selbst eine Auszeit zu nehmen. Ich beobachte das etwa bei Open-Air-Konzerten. Da klingen heidnische Rituale nach, glaube ich. Da suchen die Leute das Theatrale und lassen das Authentische ruhen. Trüge ich in der Stadt eine Maske, würde man mich narzisstisch nennen. Aber bei einem Festival unter freiem Himmel wirkt das Theatrale plötzlich nicht mehr flamboyant, sondern befreiend.

SPIEGEL ONLINE: Mit anderen zu kommunizieren, wird nicht einfacher, wenn alle mit Ohrstöpseln durch die Gegend wanken. Kopfhörer stellen akustische Einzelkammern im öffentlichen Raum her. Was halten Sie davon?

Björk: Also ich habe sehr viel Musik alleine gehört, immer schon. Als Teenager saß ich vor dem Plattenspieler und hörte ein Album von vorne bis hinten. Unterbrechungen habe ich dabei nicht toleriert. Meine Lieblingszeit dafür war nach der Schule, bevor die Eltern nach Hause kamen. Zwischen 17 und 19 Ihr war ich alleine im Haus und habe ein oder zwei Alben gehört. Und das war die wertvollste Zeit am Tag für mich. Deshalb: Ich bin total für Kopfhörer!

SPIEGEL ONLINE: Wir meinten die Kopfhörer im öffentlichen Raum, nicht im Wohnzimmer. Versammeln wir uns zu wenig?

Kurzkritik: Björk - "Utopia"
  • Vor zwei Jahren thematisierte Björk auf "Vulnicura" die Trennung von Künstler Matthew Barney wie eine Teufelsaustreibung. "Utopia" (One Little Indian, ab 24.11.) ist das Gegenstück: Hier regiert die Liebe, das Matriarchat, die Offenheit. Erstaunlicherweise klingt das nie wie bekiffter Hippiekram, auch dank der kongenialen musikalischen Zusammenarbeit Björks mit dem aus Venezuela stammenden Produzenten Alejandro Ghersi alias Arca. Die Musik selbst liefert den besten Beweis für die beschworene Öffnung: Björks schamanische Gesänge über Streichern, Harfen und Flötenorchester bleiben in der ersten Hälfte fast ohne Puls, Arca umkreist sie mit animalischen, elektronischen Geräuschen bis bis hin zum Bollern eines Presslufthammers. Die Gesänge der beiden verschmelzen gerade nicht und schaffen mit diesem intimen Tanz zweier autonomer Künstler die wohl eigenwilligste Pop-Platte des Jahres. Tobi Müller

Björk: Ach, es gibt ja sehr viele Konzerte, bei denen die Leute zusammenkommen. Für die Musiker ist das allerdings schon wieder ein Problem, weil die Auftritte der einzige Weg sind, Geld zu verdienen. Die kommen nicht mehr zur Ruhe, besonders die jungen. Sie haben keine Zeit mehr für ihre Songs und Alben, sie sind ständig auf Tour. Immer weg von Familie und Freunden zu sein, das nervt! Auf der anderen Seite der Welt brechen sie dann zusammen. Lösen lässt sich das nur, wenn die Künstler mehr Geld vom Streaming sehen. Ich meine: Ich bin okay, meine Generation ist okay, wir haben Häuser gekauft - ich muss kein Geld mehr verdienen. Aber Musiker in ihren Zwanzigern? Wenn wir das Streaming-Problem nicht in den Griff kriegen, können die alle keine Wurzeln mehr schlagen.



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joernthein 19.11.2017
1. Sicherlich ist es so,
das Björk nicht zum MainstreamPopOlymp gehört. Aber sie ist eine wunderbare Künstlerin. Ein Solitär. Mensch kann sich auf sie und ihre Kunst einlassen. Man verbiegt sich dabei nicht. Sie hat etwas zu sagen. Gibt Zuhören. Danke für das wunderbare Interview mit einer wunderbaren Künstlerin.
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