Black-Metal-Trip für Touristen: Und dort links sehen Sie die Hölle

Von und Jörg Böckem

Erst brannten Kirchen, dann starben Menschen. Der norwegische Black Metal erlebte in den Neunzigern einen Gewaltexzess - und machte die Subkultur zum weltberühmten Exportgut. Jetzt schult ein Musiker sogar Diplomaten in dem Genre und nimmt Touristen mit auf Bus-Trips zu den Stätten des Schreckens.

Black-Metal-Szene in Norwegen: Auf dem Norway to Hell Fotos
Stacy Kranitz/Corbis

Als auf den Hügeln über Oslo ein Wahrzeichen des Landes in Flammen stand, blickte die ganze Welt auf das kleine Norwegen. Die hölzerne Holmenkollen-Kapelle, direkt neben der weltbekannten Skisprungschanze gelegen, brannte am 21. August 1992 bis auf ihre Grundmauern nieder, angezündet hatten sie fanatische Black-Metal-Musiker. Es war eines von elf Gotteshäusern, die in diesem Jahr Opfer der Flammen wurden.

"Eine Tragödie," sagt Anders Odden heute. "Danach war der Spaß definitiv vorbei, aus einem ernsthaften musikalischen Avantgarde-Phänomen wurde für eine kurze Zeit ein merkwürdiger Kult, der bis heute weltweit untrennbar mit Norwegen verbunden wird."

Und genau wegen dieses Kults, der sogar schon den Weg ins Kino gefunden hat, steht Odden, langhaarig, blass, mit Bart und schwarzer Lederjacke, nun mehrmals im Jahr vor der wieder aufgebauten Kirche. Er ist dann umringt von neugierigen Touristen aus aller Welt und erklärt unterhaltsam und anekdotenreich, wie es dazu kommen konnte, dass ein paar norwegische Jungs Anfang der Neunziger mit Kirchenbränden und einem brutalen Mord für Schlagzeilen sorgten und das Image des kleinen Landes bis ins neue Jahrtausend prägten.

"Wenn es im Ausland um norwegische Kultur geht, interessieren sich die Leute in der Regel für drei Themen - Munch, Ibsen und Black Metal", sagt Odden, der selbst seit Ende der Achtziger der Black-Metal-Szene angehört, bis heute als Bassist der Band Satyricon. Nebenbei ist Odden Reiseführer der Osloer "Black Metal Bustour", einer bizarr anmutenden, dreistündigen, inoffiziellen Sightseeing-Tour.

Black-Metal-Schulungen für Diplomaten

Auf dem Trip referiert er launig und kenntnisreich die Geschichte des Black Metal und steuert ausgewählte Orte wie die Kirche am Holmenkollen an, einen Übungskeller und einen Mordschauplatz. Jetzt stellt er sein Spezialwissen sogar der norwegischen Regierung zur Verfügung - Diplomaten des Kulturministeriums hatten geklagt, dass sie ständig nach Black Metal und den Kirchenbränden gefragt würden. Ein Thema, über das sie kaum Details zu bieten hätten. Odden soll das künftig mit speziellen Black-Metal-Schulungen ändern. "Typen, die jahrelang an Eliteuniversitäten studiert haben, bekommen jetzt von mir Nachhilfe in Sachen Black Metal", sagt er.

Die Geschichte des norwegischen Black Metal, berichtet Odden, begann Mitte der achtziger Jahre in Oslo. Eine Handvoll junger Metal-Fans begeisterten sich für brachiale Bands wie Venom und Hellhammer und gründeten ihrerseits Bands, um ihren Heroen nachzueifern. Der Name Black Metal geht zurück auf ein gleichnamiges Album von Venom aus dem Jahr 1982. Die Briten machten mit Pentagrammen und umgedrehten Kreuzen auf sich aufmerksam - eher Provokation und Show, die mit echtem Satanismus nichts zu tun hatten. Das beeindruckte viele Jugendliche, die Black-Metal-Bands wie Darkthrone, Emperor und insbesondere Mayhem starteten.

Satanismus, wunderbar!

Mayhems Debütalbum gilt Kritikern als Meilenstein der Rockmusik. In Musik und Attitüde spiegelte sich die Ablehnung der gesellschaftlichen Verhältnisse, des dank Erdöl prosperierenden Kapitalismus und der Vorherrschaft der christlichen Religion in dem von heidnischen Traditionen geprägten Land. Auch die langen, sonnenlosen Wintermonate und die schroffe Natur Norwegens fanden ihren Ausdruck. Satanismus fügte sich da wunderbar ein.

"Damals war Black Metal kein satanischer Kult", sagt Odden. "An all dem Irrsinn, der Anfang der neunziger Jahre geschah, war letztendlich ein manisch-depressiver Schwede Schuld." Der depressive Schwede hieß Per Yngve Ohlin und nannte sich "Dead". 1988 trat er als Sänger der Band Mayhem bei und prägte deren Stil mit todesverliebten Texten und extremen Auftritten. Seinem Bühnennamen gemäß schminkte er sich leichenblass und vergrub seine Bühnenkleidung in der Erde, um sie kurz vor den Auftritten auszubuddeln. Der modrige Geruch sollte seine Erscheinung vervollkommnen.

Im April 1991 nahm er sich das Leben durch einen Kopfschuss mit einer Schrotflinte. Der Mayhem-Gitarrist Øystein Aarseth, der sich Euronymus nannte, fand seinen toten Freund. Bevor er die Polizei rief, fotografierte er die blut- und hirnverschmierte Leiche. Die Fotos schickte er Freunden und Fans. Eines davon zierte später das Cover eines inoffiziellen Mayhem-Albums.

Der Mord - die finale Katastrophe

Der Selbstmord war die Initialzündung für die kurze, von Gewalt, Radikalismus und Extremismus geprägte Phase des Black Metal. "Einigen Jungs genügte es bald nicht mehr, Musik zu machen, sie wollten Zeichen setzen", sagt Odden. Er steht in einem vietnamesischen Café, in dessen Räumen früher der Plattenladen Helvete zu finden war, norwegisch für Hölle. Helvete, geführt von Euronymus, war Keimzelle und Treffpunkt der Black-Metal-Szene.

"Wirtschaftlich war der Laden eine Katastrophe", sagt Odden. "Wir hingen dort ab und hörten Musik, gekauft wurde nichts. Und Kunden, die Euronymus nicht passten, eigentlich fast alle, warf er raus. Er war ein radikaler Nonkonformist, um Geld ging es ihm nicht. Er hasste kommerziellen Erfolg, gut besuchte Konzerte sah er als Niederlage an."

Einer der Stammgäste war der Musiker Kristian Vikernes, ein Rechtsradikaler, dessen Projekt Burzum bis heute Kultstatus in einschlägigen Kreisen genießt. Mit Euronymus gehörte er zu den treibenden Kräften hinter mindestens drei Kirchenbränden, unter anderem dem spektakulären Feuer auf dem Holmenkollen.

Die Brände katapultierten die überschaubare Szene in die Schlagzeilen, die Boulevardmedien schrieben Black Metal zum satanistischen Massenphänomen hoch. Vor allem Vikernes befeuerte die Aufregung, indem er in martialischer Pose Interviews gab, die Kirche schmähte und vor Journalisten damit prahlte, genau zu wissen, wer hinter den Bränden stecke. Aarseth dagegen war gegen öffentliche Aufmerksamkeit, schon nach dem Feuer in der Holmenkollenkapelle hatte er sich gegen weitere Brandstiftungen ausgesprochen.

Möglich, dass dieser Disput zur Katastrophe führte. Am 10. August 1993 besuchte Vikernes seinen Freund Euronymus in dessen Wohnung. Als er wieder ging, hatte er 23 mal auf den Gitarristen eingestochen, ein Stich ging durch die Stirn. "Über die genauen Motive kann man nur spekulieren", sagt Odden, der mit dem Getöteten befreundet war. "Vielleicht wollte Vikernes beweisen, das er der böseste und radikalste von allen war." Vikernes wanderte in den Knast und das Drama machte den Black Metal unsterblich - zumal es nicht bei diesem Toten blieb. Auch der Mord an einem Homosexuellen ging auf das Konto eines Musikers aus der Szene.

Heute spielen nicht nur norwegische Bands aus dem sich ideologisch und musikalisch immer weiter auffächernden Genre in ausverkauften Hallen. "Dass ich heute mit Satyricon in der Oper auftrete und um die Welt touren kann, wäre vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen", sagt Odden. Vermutlich hat er das auch Vikernes, Aarseth und den brennenden Kirchen zu verdanken.

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Vikernes..
spon-facebook-1378982335 18.07.2012
Man weiß nicht, warum Vikernes die Tat begangen hat? Wenn ich mich nicht täusche, hatte er doch in dem Mordprozess auf Notwehr gepocht, da Euronymus einem Freund gesagt habe, er wolle ihn in einen Wald locken und in dort töten. Daraufhin habe Vikernes aus Notwehr gehandelt. So impulsiv kann es aber nicht gewesen sein, da die Wohnung von Euronymus wohl eine halbe Stunde entfernt war. Varg Vikernes ist ein echt mediengeiler Affe, das war er vor allem wieder nach seiner Gefängniszeit, in der er ja erst richtig in der rechten Morast gerutscht ist. Dennoch ist Filosofem ein unglaubliches Album.
2. "einschlägige Kreise"
Geisterkarle 18.07.2012
---Zitat--- Einer der Stammgäste war der Musiker Kristian Vikernes, ein Rechtsradikaler, dessen Projekt Burzum bis heute Kultstatus in einschlägigen Kreisen genießt. ---Zitatende--- Der Satz sollte etwas genauer umformuliert werden. Mit "einschlägigen Kreise" ist nämlich hoffentlich nur "Black Metal Fans" gemeint; der Satz aber ist so mit "rechtsradikal" verknüpft worden, dass man hier meint es mit NSBM zu tun zu haben - was nicht ist! Ob wegen Vargs Geschichte auch Rechtsradikale die Musik hören ... vermutlich. Doch wenn man jede Musik, die ein Rechter hört, verurteilt haben wir ja bald nix mehr (hat nicht mal so nen NPDler was erzählt, er höre gerne Wagner und so? ...) Zum Thema: Cool, jetzt weiss ich, was ich mache, wenn ich mal in Oslo bin!
3. .
Christ 32 18.07.2012
Sänger oder Musiker hört sich im Falle einer Black Metal Band irgendwie ironisch an Als ob die Jungs singen oder musizieren würden auch wenn ich selbst gerne harten Rock höre, aber mit Musik hat Black Metal nur rudimentär zu tun. Ich höre dabei eigentlich nur Lärm im wirren Rythmus und unverständliche Grunzlaute, dagegen ist das Gequitsche vom Jan Deley reinstes Hochdeutsch
4. Black Metal Ende der 80er?
jacksuisse 18.07.2012
...und was ist mit Venom "Black Metal" (1982) bzw. bereits deren frühere Werke?
5. Burzum / Kritian *Varg* Vikernes...
Aladana 18.07.2012
Das alles ist ein sehr schwieriges und komplexes Thema. Vikernes hat für seine Tat 21 Jahre im Gefängnis gesessen, ist heute wieder frei und macht wieder bzw. immer noch Musik. Auf seiner Internetseite nimmt er zur Vergangenheit detailiert Stellung und hat auch zum aktuellen Tagesgeschehen immer wieder eine Meinung. Vieles ist krude, teilweise radikal mit Tendenz nach rechts. Über das alles kann man trefflich und stundelang streiten und wird wohl nie auf einen Nenner kommen. Das große *Aber* - das ist seine Musik. Er ist sehr produktiv und hat selbst nach der langen Haftzeit ein Potential und einen Ausdruck, welcher einem teilweise den Atem stocken lässt. Reiner Blackmetal ist es zwar bei Weitem nicht mehr...aber starke, mächtige Musik in Tiefe und Eindringlichkeit. Die letzen 3 Alben (Belus, Fallen, Umskriptar) zeigen einen musikalischen Giganten... hypnotisch, roh und fein, urwüchsig, ursprünglich, melodisch...und vieles anderes mehr. Das auftretende Problem ist in dem Fall (wieder) einmal die Trennung von Künstler und Werk. Kann / darf man das gut finden ? Eine Frage die sich zum Beispiel auch heute noch bei Richard Wagner und seiner Musik stellt. Antisemit vs. Musik für die Ewigkeit - Thema unzähliger Diskussionen und letzlich gibt es dabei wohl nur eine Möglichkeit: Jeder muss es für sich selbst entscheiden. Burzum's Musik wird bleiben und mit einem hohen Maß an Wahrscheinlichkeit nach Vikernes Tod (in ferner Zukunft) als Klassiker des schwarzen Metal und des Metal überhaupt gelten.
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