Blixa Bargeld: "Ich war ja nie der Punk, der vorm Postamt rumsteht"

Blixa Bargeld war mal eine Underground-Ikone. Heute ist er Feinschmecker. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Einstürzende-Neubauten-Chef, warum er unter die Literaten gegangen ist, was er an getrockneten Shrimps findet - und wie er zum Bionade-Biedermeier wurde.

SPIEGEL ONLINE: Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Sie sind gerade 50 Jahre alt geworden. Lassen Sie mich raten: Sie haben in einem Drei-Sterne-Restaurant gefeiert.

Bargeld: Viel besser, ich habe mir einen Sternekoch in mein neues Haus in Berlin-Mitte geholt, der mich und 70 Gäste bekocht hat.

SPIEGEL ONLINE: Pünktlich zu diesem runden Geburtstag bringen Sie mit "Europa kreuzweise" Ihr erstes Buch heraus, eine Art Tour-Tagebuch, in dem die gehobene Gastronomie eine große Rolle spielt.

Bargeld: Vor allem ist dieses Buch eine Litanei, der Residenzverlag bringt eine entsprechende Reihe heraus. Ich musste erstmal eine befreundete Literaturwissenschaftlerin fragen, was eine Litanei überhaupt ist: Eine eher orale Form, die aus der Liturgie stammt und im Prinzip endlos ist. Deswegen ist das Buch auch so flach.

SPIEGEL ONLINE: Es tauchen neben Auflistungen der Menüs, die Sie verspeist haben, immer wieder dieselben Songtitel auf, das Set, das Sie auf den Konzerten singen.

Bargeld: Wenn ich das Buch mit musikalischen Mitteln beschreiben müsste, wäre es ein Loop. Man kann an jedem Punkt einsteigen und auch wieder aussteigen. Es ist eine einzige Bewegung. Deshalb die immer wiederkehrenden Formeln. Es gibt auch keinerlei Zeiten, keine Reflexion, keine Meinung, nur ein ständiges Jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Nun hat das Wort Litanei einen negativen Beigeschmack, langweilt Sie der monotone Tour-Alltag?

Bargeld: Auf einer Tour wiederholen sich die einzelnen Elemente ständig, da empfinde ich sicherlich einen gewissen Überdruss. Da sind immer der Bus, das Venue, der Soundcheck, das Konzert, das Hotel und wieder der Bus. Das zieht sich monatelang hin. Das heißt aber nicht, dass das als Text langweilig sein muss.

SPIEGEL ONLINE: Nein, aber die Frage ist, ob Sie an der Entzauberung des Mythos Rockstar arbeiten. Im Internet konnte man die langwierige Entstehung der Einstürzende-Neubauten-Alben verfolgen, und nun beschreiben Sie auch noch den banalen Touralltag.

Bargeld: Im Buch ist mir das offenbar so gut gelungen, dass alle denken, ich hätte lauter Fakten beschrieben. Dabei ist mindestens die Hälfte davon frei erfunden. Es handelt sich um eine Komposition. Das ganze Buch ist konstruiert, ich wollte eine Klarheit vortäuschende, scheinbar objektive Sprache, die so nüchtern ist wie eine Aufzählung.

SPIEGEL ONLINE: Als Mensch kommt man Ihnen in dem Buch gerade dadurch nicht sehr nahe.

Bargeld: Darüber haben sich viele sehr geärgert. Dabei habe ich von Anfang an gesagt, ich schreibe über eine Konzertreise in Europa, aber ich spare den Mittelpunkt aus. Ich selbst komme nicht vor, es kommen keine Konzerte vor und meine Bandkollegen erwähne ich höchstens in Halbsätzen. Es ist nur Bewegung da.

SPIEGEL ONLINE: Also ist das Gefühl von Überdruss das einzig Private, dass Sie in dem Buch vermitteln?

Bargeld: Nein, der letzte Satz lautet "I love Europe". Das ist auch so gemeint. Ich bin in drei verschiedenen Städten und Kulturen - in Berlin, Peking und San Francisco - zu Hause, und jedes Mal, wenn ich in Peking bin, fehlt mir etwas von Amerika und Europa und umgekehrt. Während der Tour war ich glücklich, Europa für zwei Monate um die Ohren gehauen zu bekommen. Ich habe wieder gemerkt, wie sehr ich Europäer bin und wie viel ich an Europa mag.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem hat man das Gefühl, dass die einzige Freude, die Sie sich während der Tournee gönnen, die Besuche in Sternerestaurants sind.

Bargeld: Das ist ehrlich gesagt das erste, woran ich denke, wenn ich in eine Stadt komme. Aber es gibt noch ein paar andere Vergnügen, zum Beispiel die Besuche in Museen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich denn Ihre Leidenschaft für Gourmet-Essen entwickelt?

Bargeld: Das ist Bildung, Zungenbildung.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich als Musiker nicht fehl am Platz inmitten all der "Businessmenski", wie sie das Publikum in Nobelrestaurants nennen?

Bargeld: Das ist das größte Problem in guten Restaurants, dass das Publikum nicht gut ist. Aber es gibt Ausnahmen, einmal in Kopenhagen, da passte alles, da waren sogar die anderen Gäste angenehm.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie die Spitzenküche für Kunst?

Bargeld: Ich sehe sie als Kultur und als Bildung. Warum mich das nun gerade so reizt, hängt vielleicht damit zusammen, dass ich viele meiner Leidenschaften meines Rockstar-Lebens, die teils illegaler Natur waren, aufgegeben habe ...

SPIEGEL ONLINE: Statt mit Alkohol und Drogen möchten Sie Backstage, wie Sie es im Buch beschreiben, inzwischen lieber mit Bio-Obst und Sojamilch versorgt werden?

Bargeld: Mit Sojamilch mit Vanillegeschmack kann ich zwar nichts anfangen, das ist grauenvoll. Aber ich lebe ja auch in China, da ist das was ganz anderes, da haben wir sogar eine Sojamilch-Maschine. Morgens essen wir immer frische Sojamilch mit Seealgen und getrockneten kleinen Shrimps. Das ist das Frühstück für Champions!

SPIEGEL ONLINE: … das Sie aber früher in Berlin nie angerührt hätten, oder?

Bargeld: Deswegen macht mir das doppelt Spaß. Ich habe die meisten Dinge in meinem Leben noch nie gegessen. Ich bin Preuße, bei uns zu Hause war mit Kochen nicht viel los. In Berlin wächst nichts und in meiner Jugend gab's auch nichts. Außerdem war ich 30 Jahre lang Vegetarier, meiner chinesischen Frau zu Liebe habe ich das Fleischessen wieder angefangen, weil es in China unglaublich schwierig ist, Vegetarier zu sein. Man bestellt dort ja nicht für sich allein, sondern für alle am Tisch mit.

SPIEGEL ONLINE: Sie essen nicht nur gut, sondern vor allem teuer. Da drängt sich die Frage auf, wie Sie sich das leisten können. Verdienen Sie mit den Einstürzenden Neubauten denn so gut?

Bargeld: Sie dürfen das nicht auf die Einstürzenden Neubauten reduzieren. Ich habe ja auch noch 20 Jahre bei Nick Cave and The Bad Seeds auf dem Buckel und einen Katalog von 50 Alben gemacht, die alle noch erhältlich sind. Außerdem zwei oder drei Filme und DVDs und so weiter. Wenn das nicht wäre, könnte ich mir vieles nicht leisten, die Neubauten sind immer noch Kirchenmäuse.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht viele Beschwerden darüber, dass die einstige Underground-Ikone Blixa Bargeld inzwischen in Nobelrestaurants speist und Maßanzüge trägt?

Bargeld: Jede Menge! Mir wird ständig Verrat vorgeworfen, früher hätte ich dieses und jenes gesagt, das würde alles nicht mehr zu dem 'Haste mal 'ne Mark'-Gebaren passen, das wir früher angeblich draufhatten. Als wäre ich je der Punk gewesen, der vorm Postamt rumsteht.

SPIEGEL ONLINE: Nur ist die Spanne zwischen Punk und Gourmetliebhaber ja ziemlich weit.

Bargeld: Gut, ich bin im Moment kein Hausbesetzer. Das ändert aber nichts an meinen politischen Überzeugungen. Ich denke nicht nachträglich, dass an der Hausbesetzerbewegung in Berlin irgendwas falsch gewesen wäre. Ich stilisiere mich aber auch nicht als eine Art Bommi Baumann unter den Punks.

SPIEGEL ONLINE: Wahrscheinlich hätten Sie sich aber damals nicht in ein Drei-Sterne-Restaurant gesetzt.

Bargeld: Nein, da hatte ich andere Hobbys.

SPIEGEL ONLINE: Hängt das mit dem Alter zusammen? Dass sie heute so viel weniger selbstzerstörerisch und selbstverschwenderisch leben?

Bargeld: Nein, ich betreibe alles mit derselben Bodenlosigkeit wie früher, es hat nur einen anderen Namen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind vor kurzem Vater geworden, ernähren sich bewusst. Fühlen Sie sich wohl inmitten des sogenannten Bionade-Biedermeiers in Berlin?

Bargeld: Bionade-Biedermeier, schöner Begriff, woher kommt der?

SPIEGEL ONLINE: Den hat die "Zeit" geprägt.

Bargeld: Wir haben auch Bionade zu Hause, sogar in San Francisco, dort gibt es die bis jetzt nur in ausgewählten Bioläden. Aber die haben dort inzwischen eine Fabrik gekauft. Ich bin also Teil des Bionade-Biedermeiers! Das kann man mir dann wieder schön vorwerfen: vom Hausbesetzer zum Bionade-Biedermeier!

Das Interview führte Jenny Hoch


Blixa Bargeld: "Europa kreuzweise. Eine Litanei", Residenzverlag, 96 Seiten, 14,90 Euro

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. oh wie peinlich
systemfeind 27.01.2009
Zitat von sysopBlixa Bargeld war mal eine Underground-Ikone. Heute ist er Feinschmecker. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Einstürzende-Neubauten-Chef, warum er unter die Literaten gegangen ist, was er an getrockneten Shrimps findet - und wie er zum Bionade-Biedermeier wurde. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,602439,00.html
fremdschäm...oh Gott wie wie unangenehm . So ein blöder Spießer ...und dann macht er noch Werbung für die "Zeit". Furchtbar .
2. Peinlich
ratzfatzz 27.01.2009
"Außerdem war ich 30 Jahre lang Vegetarier, meiner chinesischen Frau zu Liebe habe ich das Fleischessen wieder angefangen, weil es in China unglaublich schwierig ist, Vegetarier zu sein. Man bestellt dort ja nicht für sich allein, sondern für alle am Tisch mit." Richtig peinlich, dieser Blixa Bargeld.
3. Oh jeh, ob das so gut war für Herrn Bargeld?
shiloh716 27.01.2009
Oh, was für ein Schock. Ich habe selten eine so vollständige Selbstdemontation gelesen wie diese hier. Er versucht zwar noch, seine Bionade-Biedermeierei ironisch abzufedern, aber das hilft auch nichts mehr. Unterm Strich bleibt nur das gute Gefühl, dass ich Punk nie ernst genommen habe. Wie müsste ich mich heute schämen. Das Gerede von Herrn Bargeld ist von dem eines Turbokapitalistischen Hedgefond-Managers zu unterscheiden - Wohnsitze in 3 Ländern, Weltmanngehabe, Sterne-Restaurants, gemütliches Häuschen in Berlin Mitte mit Sternekochgeburtstag... Da sind mir Leute, die einfach protzen und sich nicht noch einen linksalternativen Anstrich geben, viel lieber. Eine weitere Bankrotterklärung der deutschen Linken.
4. Korräktur
shiloh716 27.01.2009
Zitat von shiloh716Oh, was für ein Schock. Ich habe selten eine so vollständige Selbstdemontation gelesen wie diese hier. Er versucht zwar noch, seine Bionade-Biedermeierei ironisch abzufedern, aber das hilft auch nichts mehr. Unterm Strich bleibt nur das gute Gefühl, dass ich Punk nie ernst genommen habe. Wie müsste ich mich heute schämen. Das Gerede von Herrn Bargeld ist von dem eines Turbokapitalistischen Hedgefond-Managers zu unterscheiden - Wohnsitze in 3 Ländern, Weltmanngehabe, Sterne-Restaurants, gemütliches Häuschen in Berlin Mitte mit Sternekochgeburtstag... Da sind mir Leute, die einfach protzen und sich nicht noch einen linksalternativen Anstrich geben, viel lieber. Eine weitere Bankrotterklärung der deutschen Linken.
...NICHT zu unterscheiden sollte natürlich heissen. Ich bin sehr froh, dass alle diese seltsamen Exzentriker heutzutage faktisch nur noch von Randgruppen verehrt werden. Insofern ist der deutsche Schwermut schon auf dem Rückzug. Wenn genug Leute dieses Interview lesen, vielleicht auch noch der Rest. Ich weiss schon, warum ich lieber T-Pain und Lil' Wayne höre als Tocotronic und Blumfeld.
5. Blixa was ?
Born to Boogie, 27.01.2009
Dieser Mann wird völlig überbewertet.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Punk
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 38 Kommentare
Fotostrecke
Blixa Bargeld: Punk und Drei-Sterne-Esser