Neue Archiv-Veröffentlichung Weihnachten für Dylanologen

Mitte der Sechzigerjahre revolutionierte Bob Dylan die Popmusik. Was genau er damals im Studio trieb, ist nun erstmals komplett nachzuhören: Eine neue Archiv-Edition bietet einen Blick hinter die Kulissen.

Sony Music

Als Bob Dylan und sein Kumpel, der Barde Phil Ochs, an einem Abend des Jahres 1966 in einer Limousine durch New York gondelten, merkte Ochs dezent an, dass der neue Dylan-Song "Can You Please Crawl out Your Window" nicht so super geraten sei. Da explodierte Dylan, ließ den Fahrer bremsen und zeterte: "Raus aus dem Auto, Ochs!" Die nächsten zehn Jahre sprachen die beiden kein Wort miteinander.

Eine Geschichte, die erahnen lässt, wie aufgeladen die Stimmung damals war. Kein Wunder, denn Mitte der Sechziger war Bob Dylan im Zentrum eines Orkans. Das lähmte ihn aber nicht, sondern befeuerte seine Kreativität nur noch mehr. Die drei Alben, die Dylan damals innerhalb von 14 Monaten, zwischen Januar 1965 und März 1966, einspielte, veränderten nicht nur seine Karriere, sondern modernisierten die Popmusik insgesamt.

All die Superlative aufzuzählen, die mit den Werken "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited" und "Blonde On Blonde" in Verbindung gebracht werden, wäre öde. Es bleibt aber, dass jedes einzelne dieser Alben Bob Dylan allein schon zur Legende gemacht hätte.

Als "His Bobness" die Elektrizität für sich entdeckte, hatte er den einsam mahnenden Folk-Barden hinter sich gelassen und sich eine E-Gitarre und Band besorgt. Dass er so die geballte Wut der vermeintlich toleranten Folk-Fans auf sich zog, hielt er aus. Songs wie "Subterranean Homesick Blues", "Maggie's Farm", "Visions of Johanna" und insbesondere "Like a Rolling Stone", machten Dylan - unfreiwillig, aber endgültig - zum Sprecher einer Generation.

Auskunft erteilte nur die Musik

Andererseits zelebrierte er seinen Status als unnahbares Phantom: Dylan versteckte sich hinter seiner Sonnenbrille und hielt die nach Deutungen und Erläuterungen lechzenden Verehrer mit schnippischen Kommentaren auf Abstand. Seine Interviews aus jenen Jahren gelten als Klassiker der Auskunftsverweigerung. Auf die Journalisten-Frage, worum es im "Subterranean Homesick Blues" eigentlich gehe, antwortete er damals knapp: "Um absolut nichts!"

So blieb nur Dylans Musik, aus der sich jeder seine Antworten herausdestillieren musste. Das machte es umso spannender, bei ihm einen Blick hinter die Studiokulissen zu werfen. Die Chance dazu boten lange nur illegale Tonträger mit Musik, die der Meister eigentlich nicht veröffentlicht sehen wollte - Bootlegs also.

Diese unerwünschten Veröffentlichungen kontert Dylan seit einigen Jahren mit einer Reihe "offizieller" Bootlegs, der sogenannten "Bootleg-Series", die Studio-Überbleibsel bietet. Nun ist man bei "Bob Dylan - The Cutting Edge 1965-1966: Bootleg Series Vol. 12" angelangt, der wohl wichtigsten Phase in Dylans Karriere.

Was damals im Studio hintenüber fiel, wurde nun frisch aufbereitet und ist in drei Editionen zu haben: Einer 2-CD-Volksversion, einer "Deluxe"-Ausgabe mit sechs CDs und, als Krönung, einer "Ultra-Deluxe-Edition" für Dylanologen, die auf 18 CDs gestreckt wurde und angeblich "alles" bietet, das Dylan in jenen 14 Monaten im Studio einspielte. Also Skizzen, Halbfertiges, Abgebrochenes und irgendwie Unfertiges. Ja, es kommen sogar Songs zu Gehör, die Dylan damals in Hotelzimmern klampfte.

Für manche mag das öde klingen, es ist aber exakt das Gegenteil: Denn so bietet sich die Chance, die Entwicklung einiger spektakulärer Dylan-Songs nachzuempfinden. Von "Like a Rolling Stone" findet man hier zum Beispiel (je nach Edition) bis zu 20 verschiedene Versionen. "Stuck Inside of Mobile With the Memphis Blues Again" ist bis zu vierzehn Mal vertreten - für Dylan-Fans ein Erlebnis der besonderen Art.

Passend zu dieser Veröffentlichung beehrt Bob Dylan dieser Tage mal wieder deutsche Konzerthallen. Dass der Künstler allerdings keine Lust hat, die Erfolge von einst auf der Bühne runterzuleiern, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben: Greatest-Hits-Shows verweigert der Künstler. Stattdessen konzentriert er sich auf Songs aus den späten Jahren seiner Karriere und erfreut sich zurzeit insbesondere an Songs, die einst von Frank Sinatra bekanntgemacht wurden.

Zuletzt spielte er immerhin als Zugabe "Blowin in the Wind". Wer allerdings in die Vergangenheit reisen möchte, sollte sich an die "Bootleg-Series" halten.


Konzerte: Hamburg 09.11, Düsseldorf 10.11, Regensburg 11.11

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    The Bootleg Series Vol. 12

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insgesamt 3 Beiträge
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jot-we 06.11.2015
1. und dann ...
... kam auch schon bald jener sagenumwobene Motorradunfall, über den der Meister bis heute nicht reden mag. Verständlich - hatte er sich körperlich von den Folgen auch schnell wieder erholt - sein Genie scheint im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke geblieben zu sein. Denn in die kreativen Sphären, die 'cutting edge' nun dankenswerterweise ausleuchtet, drang sein Schaffen danach nie wieder vor. Also reinhören, Bobfreaks!
fastbuck 06.11.2015
2. Kompliment, Herr Dallach...
....sehr gute Rezension. Nicht ein falsches-, und kein Wort zuviel. Also gab es außer mir doch noch mindestens einen anderen deutschen Bub, der mit Kopfhörern unter der Bettdecke over and over again "Desolation Row" aufgesogen hat - spellbound and inspired for life. Auch schön in einem deutschen Medium den Namen Phil Ochs zu lesen. Dylan-People, wenn ihr euch neben "Cutting Edge" noch einen Gefallen tun wollt beschäftigt euch mit dem Werk des leider viel zu früh gegangenen Genie from Ohio.
criticos 06.11.2015
3. Maximal einmal durchhören,
dann reichts mit angefangenen, abgebrochenen, vollgequatschten Stücken die es allesamt in fertigen Fassungen gibt. Noch ein bischen dummes Studiogegrinse und der Fan hat die "Authentizität", die er will... Jetzt setzt sich die hemmungslose Resteverwertung, die mit den auf mehrere CDs aufgeblasenen "complete" Jazz-Sessions seit langem gibt, auch hier durch. Und dann Dylan -- von dem im Booklet zu den vollständigen (und dadurch unerträglichen) Basement-Tapes (6 CDs!) zu lesen war, dass er "dem Mammon abgeschworen hat" --: er ist sich nicht zu dumm, "Raubkopien" ("Bootlegs") in Kaufware umzumünzen. Aber ein schöner Service für die armen Zeitgenossen, die seinerzeit nicht an die echten Bootlegs rangekommen sind. Freude mit dieser Ramschware werden sie kaum haben
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