Fund in New York Fast 150 unbekannte Demos von Bob Dylan entdeckt

Schätze aus den Jahren 1969/70: In New York hat ein Sammler 149 bisher unbekannte Rohpressungen von Bob Dylan entdeckt. Sie enthalten Demo-Aufnahmen für drei Alben des Folkstars - darunter ein besonders umstrittenes.

Folk-Messias Dylan (1965): Genervt vom eigenen Status
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Folk-Messias Dylan (1965): Genervt vom eigenen Status

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Die späten Sechzigerjahre waren keine angenehme Zeit für den gefeierten Folksänger Bob Dylan. Nicht genug, dass er zunehmend unter der ihm zugeschriebenen Rolle als Messias und Polit-Sprachrohr der Hippies und Hipster litt, 1969 pilgerten seine Jünger auch noch scharenweise vom nahegelegenen Woodstock-Festival zu seinem Anwesen in White Lake, New York, wo er sich von den Folgen seines zwei Jahre zuvor überlebten Motorradunfalls erholen wollte und alles andere im Sinn hatte als den Rummel um Love and Peace.

Genervt flüchtete er mit seiner Familie nach New York City, in sein Haus in der MacDougal Street im Greenwich Village. Nur wenige Blocks entfernt, in der West Houston Street, mietete er das Erdgeschoss eines Gebäudes, richtete dort ein Studio ein und begann mit den Aufnahmen zu seinen Alben "Nashville Skyline", "Self Portrait" und "A New Morning".

Dort entdeckte der amerikanische Plattensammler Jeff Gold nun 149 Rohpressungen mit bisher unbekannten Demos und Song-Skizzen Dylans aus den Jahren 1969 und 1970 - zumindest für Dylanologen ein wahrer Schatz.

Der Nachlassverwalter der verstorbenen Hausbesitzerin hatte, so berichtet Gold auf der Sammler-Website recordmecca.com, beim Auflösen des Hausbestands zwei Pappkartons mit der Aufschrift "old records", alte Platten, entdeckt. Zwar hatte er in seinem Leben noch keine derartigen Azetat-Schallplatten gesehen, zehn oder zwölf Inch große, mit speziellem Lack bestrichene Metallplatten, die für Probeaufnahmen verwendet wurden, bevor das Magnetband aufkam, doch entzifferte er die Adresse von Columbia Records auf einigen Hüllen und erkannte einige Dylan-Songtitel. Er kontaktierte einen fachkundigen Freund, der wiederum Gold auf den Plan rief.

Ausgerechnet "Self Portrait"

Inzwischen bietet der Sammler einige der Raritäten auf recordmecca.com zum Verkauf an, die Preise variieren zwischen 1500 und 7000 Dollar. Ein Witz, verglichen mit den 1,5 Millionen Dollar, die kürzlich bei einer Versteigerung für den Original-Songtext von "Like A Rolling Stone" bezahlt wurden. Digitale Kopien der Pressungen schickte Gold nach eigener Aussage an Bob Dylans Büro, das sich bisher nicht zu dem Fund geäußert hat.

Laut Gold, der davon ausgeht, dass Dylan die Platten entweder vergessen oder absichtlich der Entsorgung zugedacht hatte, enthalten sie Aufnahmen und alternative Takes zu den Songs aller drei Alben. Andere Outtakes aus den Aufnahmen waren erst im vergangenen Jahr im Rahmen der "Bootleg Series" als "Another Self Portrait" (1969 - 1971) offiziell veröffentlicht worden. Zusätzlich fanden sich auch mit elektrischer Gitarre eingespielte Cover-Versionen von Johnny Cashs Hits "Ring Of Fire" und "Folsom Prison Blues". Auf den Hüllen finden sich schriftliche Anmerkungen und Bewertungen von Dylan selbst und seinem damaligen Produzenten Bob Johnson, der laut Gold die Echtheit der beiden Handschriften verifiziert hat.

Vor allem das Doppelalbum "Self Portrait", eine vordergründig erratisch und nachlässig wirkende Sammlung seichter Coverversionen (u.a. "Blue Moon" und "The Boxer"), mit einem naiven Selbstporträt Dylans auf dem Cover, erregte damals den Unmut vieler Fans, die sich von ihrem Idol vor den Kopf gestoßen fühlten. Gold, der zehn unterschiedliche Sequenzierungen des Albums fand, staunt darüber, wie viel Mühe sich Dylan mit der Zusammenstellung der ungeliebten Platte gegeben hatte. Die Fundstücke gäben zudem einen einzigartigen Einblick in die Arbeitsweise und den kreativen Prozess Dylans.

Dylan selbst gab sich stets gewohnt sphinxhaft hinsichtlich seiner damalige Motivation. Dem "Rolling Stone" sagte er 1984 auf die Frage, warum es denn unbedingt ein Doppelalbum sein musste: "Naja, als Einzelalbum hätte es kaum Bestand gehabt, das wäre wirklich schlimm gewesen, wissen Sie? Ich meine, wenn man schon so eine große Menge Mist veröffentlichen will, dann kann man genauso gut einen Haufen draus machen". Wie wichtig Dylan seine von Frust und Ärger über Hippie-Verehrung und illegale Bootlegger Schaffensphase wirklich war, wird man wahrscheinlich nie erfahren. Jeff Gold jedenfalls kann an den raren Resten des hässlichen Entleins unter den Dylan-Alben nun immerhin ein kleines Vermögen machen.

Korrektur: Das Woodstock-Festival fand natürlich 1969 statt, nicht 1968, wie ursprünglich im Text zu lesen war. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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Seite 1
egon_kallinski 02.07.2014
1. hellsichtig
Woodstock-Begeisterte, die 1968 zu Dylans Haus gepilgert sind? Die hatten eine gute Kristallkugel. Das Festival fand 1969 statt.
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