Neues Dreifach-Album Was es bedeutet, dass Bob Dylan alte Standards singt

Auf "Triplicate" singt Bob Dylan wieder Lieder, die schon Frank Sinatra sang, und erweist sich als dessen Musterschüler. Die einstudierte Lässigkeit erinnert gerade nach Trump an die Geburt dieser Musik aus dem Geist der Krise.

Dylan bei einem Konzert in Spanien (Archiv)
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Dylan bei einem Konzert in Spanien (Archiv)

Von Tobi Müller


Gibt es Zufälle bei Dylan? Dass der erste der 30 Songs von 1929 stammt, als die Weltwirtschaft wackelte und in eine lange Depression fiel? "I Guess I'll Have to Change My Plan" ist auf den ersten Blick kein kapitalismuskritisches Lied. Arthur Schwartz komponierte es für eine Theaterproduktion namens "The Little Show", Howard Dietz schrieb den Text, Thema: gehörnter Liebhaber.

Beide, Schwartz und Dietz, wurden Schwergewichte am Broadway, später beim Film. Doch bekannt wurde der Song erst über den Umweg Europa, weil sich der Prince of Wales so oft das "Lied mit dem Pyjama" wünschte. Der Humor des Songs erscheint uns heute fern: Hat sich der Erzähler doch extra einen blauen Schlafanzug gekauft, sie geht fremd, und jetzt steht er blöd da in seinem Pidschamah.

Doch das Bild vom Mann in Wäsche schafft den Sprung vom Kleinen ins Große, vom Schlafzimmer zur Wirtschaftskrise. Die knisternde Kleidung ist nach der Trennung so nutzlos wie die Aktie nach dem Börsencrash. Aber hey, Hauptsache, "my feet are back upon the ground". Um das zu verstehen, muss man den Sänger hören. Wenn Dylan die erste Silbe swingtypisch vorzieht und verlängert ("Myyyyyy feet are back..."), den Ton zwar trifft, es aber rumpelt im Rachen, dann klingt das cool, aber auch gelogen. Nein, diese Füße stehen noch nicht wieder auf dem Boden.

Rekonstruktion der Unterhaltungslieder

Coolness ist eine Überlebensstrategie, die in ungemütlichen Stadtvierteln entstand. Die gefrorenen Gesten des Cool überspielen die Gefahr eines heißen Moments und verhindern die Eskalation. So kann man auch die historische Blüte des American Popular Song verstehen, die Dylan seit drei Veröffentlichungen und fünf Alben beschäftigt. Nach "Shadows in the Night" (2015) und "Fallen Angels" (2016) folgt mit dem Dreifachalbum "Triplicate" das dritte Werk mit Liedern aus dem Great American Songbook. Das GAS, wie man in den USA oft abkürzt, bezeichnet kein Buch, sondern ein Genre. Gemeint ist die Musik der Zeit von etwa 1900 bis 1950 und der großen Musicals und Filme. Den Gipfel ihrer Kunst erreichten diese Songs zwischen 1930 und 1950, in den dunklen Jahren von Wirtschaftskrise und Weltkrieg.

Viele dieser Songs gelten als "Standards". Harmonien und Rhythmen von Ragtime und Jazz vermischten sich mit europäischen Liedformen zu einer amerikanischen Unterhaltungsform, wie es im Standardwerk "American Popular Song" von Alec Wilder 1972 heißt. Allerdings schloss diese Synthese des Amerikanischen alles Nicht-Weiße tendenziell aus.

Die Komponisten und die Sänger waren weiß, wenn auch viele jüdische oder italienische Namen trugen und damit innerhalb der Mehrheit noch immer am Rand standen. Wie jeder Gründungsmythos hat auch jener des Great American Songbook rassistische Anteile. Erst recht, könnte man argumentieren, wenn man die Songs so spielt wie Dylan.

"Triplicate" orientiert sich keine Sekunde am emanzipatorischen Nachleben der Standards als Vorlage für Bebop und Modern Jazz. Im Gegenteil, Dylan sucht eine Rekonstruktion der Unterhaltungslieder, die er sogar mit einem Country Feel ausstattet, wenn Donnie Herron mit dem Lap Steel Gitarre den Part der Streicher übernimmt.

Musikalisch streberhaft

Traumwandlerisch schön, auch wenn die eine Gitarre die alte Stimme umschwirrt wie ein Luftgeist. Ist es wirklich der Bluesrocker Charlie Sexton, der so melodisch spielen kann? Dieser superweiße, bis aufs Letzte notierte, nie improvisierte, geradezu exzessive Wohlklang ist fast eine Provokation. Allein, es ist zu befürchten, dass Dylan mal wieder schlauer ist und die Sache komplizierter.

Trotz Spitzenorchester im Kammerformat mit zwei Gitarren, der Lap Steel mit dem Country- oder Hawaii-Flair, Schlagzeug, Bass und gelegentlicher Bläsersatz, trotz Wahnsinnsklang der Liveaufnahme in den hohen Räumen der Capitol Studios in Hollywood: Die Struktur des Cool, welche die Krise immer nur notdürftig verdeckt, verschwindet nie ganz. Das liegt am Sänger. Fast alle der ausgewählten Songs sind auch Sinatra-Songs.

Niemand verkörperte die Leichtigkeit im Anblick des Abgrunds mehrheitsfähiger als dieser Sohn italienischer Einwanderer. Dylan erweist ihm auch auf "Triplicate" sehr viel Ehre. Meistens bis hin zu allzu ähnlichen Arrangements: "These Foolish Things" von der dritten, mit "Comin' Home Late" überschriebenem Album von "Triplicate" und "How Deep is the Ocean" vom zweiten Album ("Devil Dolls") sind nur zwei Beispiele dieses Kniefalls.

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Auch das Arrangement von "I Guess I'll Have to Change My Plan", mit dem das erste Drittel eröffnet, zitiert die Version von Sinatra deutlich. Das wirkt musikalisch etwas streberhaft. Selbst der Meister verhält sich wie ein Musterschüler. Wie schon in den beiden Alben davor versucht er, so schön zu singen, wie es seine Stimme halt noch hergibt. Bei einem 75-jährigen Monument wie Dylan, der ein Leben lang anders gesungen hat, ist das nach wie vor rührend. Und verblüffend zugleich - weil er es kann und sich richtig Mühe gibt.

An der Oberfläche der beschädigten Stimme zittern die historischen Erschütterungen, aus denen diese Songs kommen und die wir heute wieder fürchten. Doch Dylans Altersfetisch mit Sinatra und seinem Repertoire sendet nach der Wahl von Donald Trump auch noch andere Signale. Weniger konservative. Der lässige, aber präzise Swing erinnert bei allen Widersprüchen, was die "Rassen"frage angeht, auch an das Versprechen eines ehemals liberalen Amerikas. An den New Deal, an die Befreiung Europas vor dem Faschismus, an die Aussicht auf Konsum für alle.

Lieder für den "common man"

Die Songs und wie sie Dylan spielen lässt, atmen viel Eleganz. Wie die Harmonien auf "Triplicate" die nächsten Akkorde vorbereiten und sie manchmal lange nicht auflösen, wie sie stehen bleiben, bis es für ungeübte Ohren leicht dissonant klingt, ist nicht nur musikalisch raffiniert. Diese Schwebezustände sind wie verlangsamte Höflichkeitsgesten, die jemandem den Vortritt lassen, auf eine Tür zeigen und den Arm etwas lange ausgestreckt halten. Man kann das albern finden. Oder großzügig im Sinne von: das Gegenteil von selbstbezogen.

Und damit ist man ganz bei Dylan, der seine Position gerne verwischt und lieber auf das historische Kontinuum verweist, in dem seine Kunst seit mehr als einem halben Jahrhundert steht. Folk, Blues, Rock, Jazz, Ragtime, Standards - das sind nur zufällige Stationen eines amerikanischen Sängers, der seine Kunst farbenblind betrachten will. Diese Songs, sagt Dylan in einem lesenswerten Interview auf seiner Website, seien Lieder für den "common man". Der Normalbürger unter 70 Jahren kennt zwar diese Songs schon lange nicht mehr. Aber er könnte sie hier kennenlernen und nichts falsch machen dabei.



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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Schsachmalso 31.03.2017
1.
Wenn man meint das American Songbook beschränkt sich nur auf Frank Sinatra hat nicht viel dazu zu sagen und sollte es einfach bleiben lassen.
adramone 31.03.2017
2. Unten durch.
Bob Dylan ist für mich eine Enttäuschung auf der Konzertbühne. Ich habe selten so einen arroganten Live Auftritt eines Musikers gesehen. Im strömenden Regen des Open-Air Konzerts in Tübingen hatte Herr Zimmermann es nicht mal nötig das Publikum mit einem simplen "Guten Abend" zu begrüßen, geschweige denn eine empathische Geste gegenüber dem regendurschnässten Zuhörern zu zeigen. Das Düpieren des Literaturnobelpreis Komitees mit Dylans Abwesenheit passte ganz gut zum Auftreten von Dylan. Leider scheint Dylan im Augenblick nur noch Cover CDs zu veröffentlichen. Da hat man schon kreativere musikalische Phasen von ihm erlebt.
Robert_Rostock 31.03.2017
3.
Zitat von adramoneBob Dylan ist für mich eine Enttäuschung auf der Konzertbühne. Ich habe selten so einen arroganten Live Auftritt eines Musikers gesehen. Im strömenden Regen des Open-Air Konzerts in Tübingen hatte Herr Zimmermann es nicht mal nötig das Publikum mit einem simplen "Guten Abend" zu begrüßen, geschweige denn eine empathische Geste gegenüber dem regendurschnässten Zuhörern zu zeigen. Das Düpieren des Literaturnobelpreis Komitees mit Dylans Abwesenheit passte ganz gut zum Auftreten von Dylan. Leider scheint Dylan im Augenblick nur noch Cover CDs zu veröffentlichen. Da hat man schon kreativere musikalische Phasen von ihm erlebt.
Ja, darüber beklagten sich schon vor fast 30 Jahren die ostdeutschen Fans, als Dylan im Berliner Treptower Park auftrat. Auch bei meinen (deutlich später beginnenden) Dylan-Konzerten hat er nur höchst selten mal was gesagt. Sollte also langsam mal bekannt sein, wie Dylan sich bei Konzerten verhält. Was mich bei den Konzerten in letzter Zeit eher irritierte, war die Tatsache, dass er -anders als vorher- jeden Abend exakt dieselben Stücke in derselben Reihenfolge spielte.
sonntag500 31.03.2017
4. Da Sattel einer noch einmal ....
... einen alten Gaul, um noch einmal richtig Kohle zu machen. Peinlich, wie das Verhalten um den Literatur (?) Nobelpreis.
toskana2 31.03.2017
5. Selbstverliebt
Der Mann kann was, es stimmt! Was ihn mir unsympathisch macht, ist, dass er unsterblich verliebt in sich ist. Anders kann ich mir sein Verhalten in der Nobelpreissache nicht erklären.
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