Neues Album von Bob Dylan im Stream Und noch ein Seitensprung

Fans müssen jetzt ganz stark sein: Bob Dylan schenkt sich zum 75. Geburtstag ein weiteres Album mit American-Songbook-Klassikern und Sinatra-Songs. Hören Sie "Fallen Angels" hier vorab im Stream.

Bob Dylan
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"Schwamm drüber über diesen kleinen Seitensprung", schloss "FAZ"-Kritiker Edo Reents im Januar letzten Jahres gönnerhaft seinen Text über Bob Dylans 36. Album "Shadows in the Night",eine durchaus rührende Sammlung von Songbook-Klassikern aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren, die allesamt auch mindestens einmal von Frank Sinatra interpretiert worden waren.

Dylan und Sinatra? Ein Affront für Fans, die in Dylan eine maßgebliche Stimme des Sechzigerjahre-Aufbruchs gegen Bürgerlichkeit und Verspießerung sahen, also gegen den schal gewordenen Nachkriegsjahre-Schmonz von Anzugträgern wie Sinatra und seinem aalglatten Ratpack aus Las Vegas. Eine Anmaßung zudem, denn bekanntlich kann Bob Dylan gar nicht singen, sondern nur krähen und knödeln. Wie kann, wie soll er sich da ausgerechnet an Sinatra, dem original crooner, versuchen können? Und warum eigentlich?

Dylan selbst hatte für Festlegungen und Vereinnahmungen noch nie viel übrig. Während ihn seine Jünger beim Woodstock-Festival vermissten, schmollte er nicht weit entfernt in seinem Haus, hackte Holz und wollte seine verdammte Ruhe haben: "Ich hatte die Schnauze voll davon, dass ich zum Obermufti geweiht worden war, dass man alles Mögliche in meine Texte hineingeheimniste, dass ich zum Oberpopanz der Rebellion ernannt worden war. Es ging mir auf die Nerven. Ich war nicht der Grüßaugust irgendeiner Generation - dieser Zahn musste den Leuten gezogen werden", schrieb er später in seinen Memoiren, den "Chronicles".

Und jetzt? Jetzt scheint sich Dylan, wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag mal wieder in Zähneziehlaune zu befinden. Alt-Dylanologen wie Kollege Reents müssen ganz stark sein, denn nach "Shadows in the Night" folgt nun am 20. Mai gleich der nächste "Seitensprung" ihres Idols, dem es immer unangenehm war, idolisiert zu werden. Demütig verneigt er sich auf "Fallen Angels" also erneut vor seinem eigenen Idol. Elf von zwölf Stücken, die er als "Jack Frost" auch selbst produzierte, wurden abermals vor allem durch Frank Sinatras Interpretationen bekannt.

Tollkühn nach den hohen Tönen gestreckt

Die einzige Ausnahme ist "Skylark", 1941 von Johnny Mercer und Hoagy Carmichael komponiert, ein American-Songbook-Klassiker schlechthin, aber nie von Sinatra gesungen. Dylan scheint sich, mit sehnender Fiedel, an Linda Ronstadts Version zu orientieren, die sie 1984 zusammen mit dem Nelson Riddle Orchestra einspielte. Wodurch sich dann doch wieder der Kreis zu Sinatra schließt, denn Riddle war, in der legendären Capitol-Records-Phase, dessen Leib- und Magen-Arrangeur.

Wieder sind es vor allem die Balladen, die es Dylan angetan haben, und wiederum bricht er die opulenten Riddle-Streicher-Arrangements auf einen kargen, aber gediegenen Americana-Sound herunter. So wird "All Or Nothing At All", einer von Sinatras größten Hits, den er 1939 für Harry James und sein Orchester zunächst als Ballade, in den Sechzigern dann mit Riddle erst als Plüsch-, dann als Swing-Nummer aufnahm, dann mit Disco-Rhythmus verhunzte, bei Dylan zur lakonisch-beiläufigen Ragtime im schmissigen Viervierteltakt von Standbass und Akustikgitarre.

Dylan-Idol Frank Sinatra
Corbis

Dylan-Idol Frank Sinatra

Singen wie Sinatra kann Bob Dylan natürlich noch immer nicht, aber mehr noch als auf "Shadows in the Night" streckt er sich tollkühn nach den hohen Tönen, den Vokaldehnungen Sinatras, dem Pathos, das ihm immer wieder in der heiseren Kehle zerrinnen muss. Kurios ist das gar nicht, Dylan beim Entstauben und Entdecken dieser alten Lieder zuzuhören. Man spürt vielmehr in jedem der sorgfältig ausgewählten Stücke die Bewunderung und Liebe, die Dylan für den bald hundert Jahre alten Schmachtfetzen "It Had To Be You" oder Swing-Ära-Hits wie "Melancholy Mood", "Come Rain or Come Shine" und "Maybe You'll Be There" empfindet.

Sinatra machte sie populär, als der heute zum Altmeister erklärte Dylan selbst noch ein Knabe war. Es scheint, als gestehe sich Dylan in der Rückbesinnung auf den Sound seiner Kindheit eine ungebrochene Sentimentalität zu, die er mit eigenen Texten nur selten formulieren konnte oder wollte. Man kann das unnötig altersmilde finden, empörend nostalgisch oder schlicht albern. Aber wenn man hört, wie sich Dylan, der oft Zyniker, oft saurer Ironiker war, hier ganz beseelt dem Schmelz und der Naivität hingibt, dann muss das selbst den härtesten Rockisten berühren.

Bringing it all back home

Und ganz nebenbei zeigt er seinen Kritikern eben auch, dass einige dieser alten Songs immer schon stilistische Grenzgänger waren, die sich mit wenigen, sparsamen Handgriffen vom Orchestersound und Swing in jene aus Folk, Bluegrass und Country zusammengesetzte Dylan-Welt übersetzen lassen, die er seit Jahrzehnten bewohnt - bringing it all back home. "Polka Dots and Moonbeams", Sinatras allerersten Hit mit dem Tommy Dorsey Orchestra von 1940, führt er kongenial zurück in die Südstaaten-Ländlichkeit, die auch Billie Holiday und Nina Simone darin entdeckten: "A country dance was being held in a garden", beginnt der Song, ganz logisch also, dass bei Dylan nun eine Steel Guitar den Ton zum gemächlichen Walzer setzt.

Die größte Befriedigung für einen Sänger sei es, eine gut geschriebene Ballade zu singen, sagte Sinatra 1976 in der BBC-Doku "Sinatra Sings". Eine gute Ballade sei in Musik gegossene Poesie. Stets habe er versucht, dem Text gerecht zu werden, die Lyrics so zu singen, wie sie der Autor intendiert habe, denn eine Ballade, so Sinatra, könne "Klage sein, Ausdruck der Freude" - oder sie kann vom Leben erzählen, "tell and sum up the substance of a man's life". Dann sang er "Young At Heart", jenen Millionenseller von Johnny Richards und Carolyn Leigh, den Sinatra 1953 gleich zweimal, einmal solo, einmal mit Filmpartnerin Doris Day, herausbrachte.

"And if you should survive to a hundred and five/ Look at all you'll derive out of bein' alive/ And here is the best part, you have a head start/ If you are among the very young at heart", singt nun auch Bob Dylan salbungsvoll gleich zu Beginn seines neuen Albums. Ein gefallener Engel, der rück- und heimwärts blickt - und dort einen Jungbrunnen entdeckt hat. Die alten Knacker, das sind wir, wenn wir ihm das nicht gönnen.

Liebe Leser, den Vorabstream des Albums mussten wir laut Vorgaben der Plattenfirma leider deaktivieren. "Fallen Angels" ist am 20. Mai regulär auf CD, Vinyl und als Stream erschienen.



insgesamt 19 Beiträge
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solna 18.05.2016
1. Dylan Dog
Dylan 'enstaubt' nicht, er überzieht alles mit einer feinen Staubschicht, die den Liedern und den Hörern nicht gut tut. Dylan is overrated.
nolabel 18.05.2016
2. Früher Jesus,
jetzt Sinatra - der gute Bob hatte schon immer schwere Aussetzer. Viel Licht, viel Schatten - ich halte mich an seine guten Songs und ignoriere seine Ver(w)irrungen.
vulcan 18.05.2016
3. Na ja...
....soll er man machen. Ich kauf's auf jeden Fall. :-) Nicht so ganz das, was ich Dylan hören möchte, aber auch auf Shadows in the night hat mir das eine oder andere Stück recht gut gefallen.
SteadyRollingMan 18.05.2016
4.
Es gibt Dinge im Leben, die sollte man besser sein lassen.
teneny 18.05.2016
5.
Zitat von SteadyRollingManEs gibt Dinge im Leben, die sollte man besser sein lassen.
Ach... Das ist ja schön, dass Sie hier die Benimmregeln vorgeben. Aber warum tut Dylan das, was er doch lassen sollte? Weil er es kann. Und: wenn es ihn je gejuckt hätte, was andere denken, hätte er nicht diese beispiellose Karriere gemacht.
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