Von Uh-Young Kim
Immer wenn es Sommer wird, bevölkern sie die Grünflächen, Festivals und Fußgängerzonen: streng riechende Jungs mit zotteligen Locken, Kinnbärtchen und tiefen Augenringen. An der Gitarre singen sie Lieder von Liebe, Freiheit und Erlösung. Es ist zum Reinschlagen. Der Urheber der meisten dieser Songs heißt Bob Marley - Säulenheiliger von notorischen Weltverbesserern und Held aller Parktrommler. Für seine Anhänger steht der König des Reggae auf einer Stufe mit Jesus. Als T-Shirt-Ikone hat er Che Guevara längst überholt. Seine Songs beruhigen auf magische Weise quengelnde YouTube-Babys. Selbstredend hat sich aber auch schon eine Facebook-Gruppe namens "I Hate Bob Marley" formiert.
Vor 30 Jahren ist Robert Nesta Marley gestorben. Sein Erbe ist heute vor allem als Druckmotiv allgegenwärtig. Devotionalien von Elvis, den Beatles und Michael Jackson mögen in diesen Breitengraden en masse verschleudert werden. Doch Marley beherrscht außerdem noch die Kleiderstangen auf den Märkten Afrikas und Lateinamerikas. In seiner Heimat Jamaika dient sein Konterfei als Blickfang für Touristen, die vom Bob-Marley-Geburtshaus zum Bob-Marley-Museum ins Bob-Marley-Beach-Resort geschleust werden. Am Geschäft mit der Legende verdient Rita Marley mitterweile kräftig mit. Die nach Ghana ausgewanderte Witwe verwaltet den Nachlass ihres Mannes - geschätzter Marktwert: 600 Millionen Dollar. So soll es neben den üblichen rot-gelb-grünen T-Shirts und Flaggen bald schon Schuhe, iPod-Docks und sogar Snowboards mit dem Rastamann geben.
Erster Rockstar aus der Dritten Welt
Die Ausschlachtung des Mythos und die damit einhergehende Ausbreitung von Missverständnissen nahmen ihren Lauf, als Bob Marley am 11. Mai 1981 mit nur 36 Jahren in Miami dem Krebs erlag. 20 Jahre zuvor nahm der Sohn einer schwarzen Sängerin und eines weißen Plantagenaufsehers seinen ersten Song im Kingstoner Studio One auf, einer Art Motown für Reggae. Kurze Zeit später gründete er mit Bunny Wailer und Peter Tosh die Wailers. Diese Supergroup erschloss mit dem Album "Catch A Fire" 1973 erstmals das weiße Rockpublikum für die Musik Jamaikas. Produzent Chris Blackwell passte den rohen Sound der Wailers an westliche Hörgewohnheiten an und machte Marley zum Leadsänger.
Es gab zwar vor ihm schon andere Künstler aus dem Süden, die es zu Weltruhm gebracht hatten. Aber Bob Marley wurde zum ersten Rockstar aus der sogenannten Dritten Welt - mit wilder Mähne, geballter Faust und Joint im Mundwinkel. Sex, Rhythmus und Rebellion vereinigten sich in seiner mystischen Person und dem meditativen Reggae-Offbeat. Davon fühlten sich die Nachfahren afrikanischer Sklaven genauso angesprochen wie Punks aus der britischen Arbeiterklasse.
Mit "Get Up Stand Up" gab Bob Marley die erste globale Parole zur Selbstermächtigung und spätere Hymne der Anti-G8-Proteste aus. Der Revolutionär in Marley musste jedoch oft hinter dem Liebhaber und Friedensstifter zurückstehen. Noch heute wirbt Jamaika als Reiseland mit dem Slogan "One Love" in Anlehnung an Marleys Klassiker. Dagegen wird selten die Geschichte erzählt, dass der im Ghetto aufgewachsene Sänger einen Radio-DJ verprügelte, weil der seine Musik nicht spielte.
Der Prophet galt im eigenen Lande lange wenig. Mit dem Erfolg in Europa und den USA wurde er zur Gottheit verklärt und verdrängte dabei andere Reggae-Talente aus dem internationalen Sichtfeld. Nach seinem Tod schaute die vitale Musikszene Jamaikas nicht lange zurück: Der digitale Dancehall ersetzte mit Computerbeats und weltlichen Themen den spirituellen Roots-Reggae. Außerhalb Jamaikas verbreitete sich Marleys Popversion von Reggae weiter in viele Länder. Sein Sound-Ideal hat bis heute weltweit als lingua franca Gültigkeit - von Künstlern wie Tiken Jah Fakoly aus der Elfenbeinküste bis zum Kölner Popstar Gentleman.
Von den zahlreichen Söhnen tritt besonders Damian Marley, 1978 geboren, in die überlebensgroßen Fußstapfen des Vaters. Auch er versteht es, jamaikanische Musik durch Vermischung zu popularisieren. Griff Bob dazu noch auf Soul zurück, verbündet sich Damian heute mit dem HipHop.
Von Reggae zu Dubstep
Weniger offensichtlich, aber ohne Marleys Einfluss nicht denkbar, ist der Aufstieg der blassen Wunderkinder James Blake und Burial aus der Dubstep-Szene Londons. Wenn bei ihnen der Subbass vibriert, schwingt die Klangästhetik aus dem Reggae mit, der mit den karibischen Migranten ins Vereinigte Königreich kam. 1973 tourte Bob Marley erstmals durch England, 1975 nahm er in London das bekannte "Live"-Album auf und begründete damit Großbritanniens Ruf als zweiter Heimat von Reggae. Auf diesem Fundament entstand über Jahrzehnte der Vermischungen und Mutationen der bass- und rhythmusbetonte Sound heutiger Clubmusiken wie Dubstep. Auch Diplo, einer der wichtigsten DJs der neuen globalen Dance Music, pilgerte zu Marleys Tuff Gong Studio in Kingston - in der Hoffnung, von den Vibes des Meisters inspiriert zu werden.
Ginge es nach der Anzahl von Coverversionen, dürfte Bob Marley ohnehin die meisten Popstars ausstechen. Alleine "I Shot The Sheriff" diente als Vorlage für obskure Fassungen auf Japanisch und Finnisch, als Discostück und Bossa Nova - und Original des Welthits von Eric Clapton. Eine der schönsten Verbeugungen überhaupt ist Johnny Cash mit seiner kongenialen Akustikversion von "Redemption Song" gelungen. Von Outlaw zu Outlaw. So einfach, so gut - ein Lied, wie für jeden Straßenmusikanten gemacht.
Uh-Young Kim moderiert jeden Mittwoch um 23 Uhr die Reggae-Sendung "Massive" bei Funkhaus Europa.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Musik | RSS |
| alles zum Thema Bob Marley | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH