Böhse Onkelz beim Echo Spiele mit den Schmuddelkindern

Am Donnerstag wird in Berlin mit dem Echo einer der wichtigsten Musikpreise der Welt vergeben. Pikant ist dabei die Nominierung der angeblich geläuterten Rechtsrocker Die Böhsen Onkelz als "Band des Jahres".

Von Steven Geyer


"Schon eine Genugtuung": Die Böhsen Onkelz sind für den Echo 2001 als Band des Jahres nominiert
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"Schon eine Genugtuung": Die Böhsen Onkelz sind für den Echo 2001 als Band des Jahres nominiert

Berlin - Wenn Innenminister Otto Schily demnächst sein Aussteiger-Programm für bekehrte Rechtsradikale startet, sollte er bei den Böhsen Onkelz als Paten anfragen. Die Frankfurter Deutschrocker haben es immerhin von Helden der rechten Skinheadszene zu potentiellen Preisträgern des renommierten deutschen Echo-Awards geschafft.

Dass die umstrittene Combo neben Musikstars wie Ricky Martin, Melanie C und Westernhagen und Ehrengästen wie Bundespräsident Johannes Rau sitzen wird, verdankt sie den Spielregeln der Echo-Preise. Die von der Musikindustrie finanzierte Deutsche Phonoakademie vergibt die Awards in 30 Kategorien fast ausschließlich nach den Verkaufszahlen. Wer in den von Media Control ermittelten Jahres-Hitparaden auf den ersten fünf Plätzen landet, ist automatisch im Rennen. Eine 750-köpfige Jury verteilt danach unter den Nominierten zwar noch einmal Punkte. Aber diese gehen in die Wertung nur zu 30 Prozent ein.

Verkaufszahlen entscheiden

"Der Echo Award ist keine Moralinstanz": Werner Hay, Chef der Deutschen Phonoakademie

"Der Echo Award ist keine Moralinstanz": Werner Hay, Chef der Deutschen Phonoakademie

"Bei uns entscheiden ganz klar die Verkaufszahlen", sagt Werner Hay, Geschäftsführer der Deutschen Phonoakademie, "dazu stehen wir auch. Der Echo ist schließlich eine Veranstaltung der Schallplattenfirmen." Sein gemeinnütziger Verein verstehe sich ohnehin mehr als Akademie zur Nachwuchsförderung. Dass die Prestige-Trophäe in diesem Jahr an künstlerische Katastrophen wie DJ Ötzi oder Zlatko gehen kann, muss er "eben einkalkulieren".

So kam es, dass auch die Böhsen Onkelz eingeladen wurden. Trotz Presse-, Musik-TV und Radioboykotts verkaufen sich ihre Alben prächtig. Seit 1995 schafften es alle Onkelz-CDs in die deutschen Top 5, die letzten beiden sogar bis an die Spitze. Die öffentliche Losung "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" wirkte im Sinne der Böhsen Onkelz. Die haben längst erkannt, dass sich die Opferrolle des unverstandenen Unkonventionellen hervorragend verkaufen lässt. In von Pathos überquellenden Texten grüßen sie "die Medien": "Tag Ihr Lügner... Wir waren Euch wohl nicht glatt genug" und mutmaßen, sie seien wohl "zu nah an der Wahrheit".

Mit Hits wie "Türken raus" die Szene auf Rechtskurs gebracht

"Verdammt" und "gehasst" sehen sich die Rockmusiker selbst. Und das alles wegen angeblicher Jugendsünden. 1979 als Punkband gegründet, gehörten die Böhsen Onkelz, provokant bis in die Rechtschreibung, bald zur damals noch kleinen deutschen Skinszene. Die war seinerzeit "noch nicht politisch von Rechten unterwandert", wie die Band heute richtig erklärt. Dass sie mit ihren frühen Hits wie "Deutschland den Deutschen" oder "Türken raus" (von denen neun bis heute indiziert sind) Leithammel der Unterwanderung wurden, wollen sie nicht erkennen. An den aggressiven Texten seien eine harte Jugend und Prügeleien mit Türken-Gangs, nie aber rechtsradikale Einstellungen Schuld gewesen.

"Die Band hat sich klar von ihrer Vergangenheit distanziert", meint Phonoakademie-Chef Hay, der die Echos außerdem nicht als Moralinstanz sehen will. "Man muss die Texte von heute lesen", sagt er, "und man muss Leuten die Wandlung ihrer Meinung zugestehen."

Gerade die Texte sind dafür allerdings ein wackeliger Beweis. Denn während die Metalrocker einerseits immer wieder auf Festivals gegen Rechts rocken, für Opfer rechter Gewalt spielen und mit Anzeigen und Interviews hart an ihrer Persilschein-Kampagne arbeiten, geht es textlich zweideutig zu: "Die Erde hat uns wieder, so wie sie uns kennt", sangen die Onkelz zum Comeback 1992. "Ich bin stolz darauf, gehasst zu werden", später.

Onkelz schaffen Märkte für Rechtsrock

"Was die Böhsen Onkelz heute in ihren Songtexten verkünden", schrieb Poptheoretiker Lutz Neitzert vor vier Jahren im Handbuch "Populäre Musik und Pädagogik", "ist zwar gewiss nicht mehr politisch rechtsradikal und rassistisch, doch noch immer propagiert die Band auf fatale Weise eine zutiefst sozialdarwinistische Weltsicht." Über die Onkelz habe sich, ganz unabhängig von ihrem eigenen Wandel, ein rechter Mainstream gebildet, der noch heute Märkte für Rechtsrock schaffe.

Die Onkelz als Einstiegsdroge. So sehen es auch verschiedene Rock-Acts, die sich die Charts mit den politisch lästigen Kollegen teilen mussten. Peter Maffay, beim diesjährigen Echo unter den deutschen Sängern des Jahres, weigert sich, mit den Onkelz auf derselben Bühne zu stehen.

Frank Spilker (links) und Die Sterne: "Schrecklich, dass so eine Band nominiert ist"
Foto: Gulliver Theis

Frank Spilker (links) und Die Sterne: "Schrecklich, dass so eine Band nominiert ist"

Frank Spilker, Sänger und Kopf der Hamburger Rockband Die Sterne findet es zwar "schrecklich, dass eine Band, die die rechte Szene bedient, bei einer solchen Veranstaltung auftritt". "Andererseits spiegelt sich hier die Realität auf dem Plattenmarkt wider", sagt er. "Der Echo Award ist eben kein Kulturpreis, sondern nur eine Auszeichnung für die Kommerzialität einer Band." Wenn die Böhsen Onkelz tatsächlich den Titel bekämen, würde der Preis selbst ernsthaft Schaden nehmen, meint Spilker.

Campino: "Unsägliche Landser-Heftchen-Lyrik"

Besonders giftig ist das Verhältnis zu den Düsseldorfer Toten Hosen. Nachdem deren Frontmann Campino in Interviews die Böhsen Onkelz mehrfach wegen ihrer Vergangenheit und ihrer heutigen "Landser-Heftchen-Lyrik" angriff, schossen die Frankfurter zurück. Auf ihrem Livealbum lassen sie 5.000 Fans "Scheiß Tote Hosen" gröhlen, auf der Bestseller-CD "E.I.N.S." legten sie mit einer eigens an die Düsseldorfer adressierten Attacke nach.

Dass sie nun neben ihren Kritikern, aber auch neben Madonna, Santana und Bon Jovi, auf der Echo-Liste stehen, sei für die Onkelz "schon eine Genugtuung", wie Bassist Stephan Weidner frohlockt. "Wer hätte gedacht, dass die Onkelz mal mit der etablierten Plattenindustrie in Verbindung gebracht werden würden?"

Um den Echo für die beste deutsche Band zu kassieren, müssten sich die Hardrocker gegen Modern Talking, Pur, Reamonn und eben Die Toten Hosen durchsetzen. Über den Weg werden sie der verfeindeten Band trotzdem nicht laufen. "Die Hosen arbeiten zurzeit im Studio in Spanien am neuen Album", erklärt Clemens Komossa von ihrem Label JKP. "Sie werden in Berlin leider nicht dabei sein."



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