Böhse Onkelz Die Bedeutung der Buhmänner

Die Böhsen Onkelz werden wegen ihrer rechten Vergangenheit noch heute von den Medien boykottiert - trotzdem feiern sie einen Erfolg nach dem anderen. In einem Buch kommen jetzt erstmals ihre Fans zu Wort.

Von Jörg Schallenberg


"Meistens kommen Sprüche von wegen Naziband oder so. Das ist auch wieder ein Grund, warum Onkelz-Fans so zusammenhalten. Entweder man liebt diese Musik oder man hasst sie, dazwischen gibt es nichts." So sieht der 16-jährige Lennart aus Ennepetal sein Verhältnis zu den Böhsen Onkelz. Er ist einer von über 50 Anhängern der Frankfurter Metal-Band, die im kürzlich erschienenen "Buch der Erinnerungen" des Berliner Journalisten und Leiter des Archivs der Jugendkulturen, Klaus Farin, beschreiben, was ihnen ihre "Onkelz" bedeuten. Im Herbst 1998 hatte Farin über mehrere Heavy-Metal-Magazine, über Fanzines und über das Internet einen Aufruf veröffentlicht, in dem er wissen wollte, was die Fans mit ihrer Lieblingsband verbinden. Die Reaktion, so schreibt Farin im Vorwort, war "gewaltig, das Telefon stand nicht mehr still". Das Motiv für dieses Mitteilungsbedürfnis beschrieb ein Anrufer so: "Endlich jemand, ein Journalist, der bereit ist, die Wahrheit über uns und die Onkelz zu veröffentlichen und nicht nur diese Lügen, wir wären alle Neonazis und hirnlose Gewalttäter."

Die Böhsen Onkelz und die Fans als gemeinsames "wir" - diese Haltung zieht sich durch einen großen Teil der ausgewählten Statements: Ob man die Böhsen Onkelz nun vergöttert oder sie mit ihren Texten als Beispiel dafür anführt, dass man lieber gar keine Götter oder Idole anbeten sollte, fast immer beschreiben die Fans einen unmittelbaren Bezug der Band zu ihrem eigenen Leben, der in seiner Direktheit verblüfft und wohl kaum mit anderen Stars zu vergleichen ist.

Der Grund für diese ungewöhnliche Identifikation liegt im widersprüchlichen Werdegang der Böhsen Onkelz: Von der Punk- und Skinheadband mit einigen unverhohlen rassistischen Texten im Repertoire wandelten sie sich ab Mitte der achtziger Jahre immer mehr zu einer Heavy-Metal-Combo, die sich in Texten und Interviews klar gegen Rechtsextremismus aussprach. Diesen Wandel glauben ihnen viele Kritiker bis heute nicht. Für die Fans dagegen, das wird im "Buch der Erinnerungen" deutlich, macht gerade diese gebrochene Biografie die Glaubwürdigkeit der Band aus. Dass Songschreiber Stephan Weidner und Sänger Kevin Russell aus kaputten Elternhäusern stammen und sich in Milieu-, Drogen- und Hooligan-Kreisen durchschlugen, erhöht die Achtung vor ihnen nur noch.

Klaus Farin: "Endlich jemand, der bereit ist, die Wahrheit über uns zu veröffentlichen."
SPIEGEL TV

Klaus Farin: "Endlich jemand, der bereit ist, die Wahrheit über uns zu veröffentlichen."

Ähnlich wie die Musiker sehen sich zahlreiche Fans in ihrem eigenen Leben einem "Kampf gegen Geradlinigkeit und Anpassung" ausgesetzt und fühlen sich von den "Medien", der "Politik" oder gleich von dem "System" an die Wand gedrückt und verleumdet. Andere beschreiben, wie sie die Texte der Böhsen Onkelz vor dem Selbstmord bewahrt oder vom Heroin weggebracht haben." Es gibt aber auch ein paar kritische Anmerkungen, die den Sprung vom Außenseiter-Image zur normalen und kommerziellen Rockband kommentieren: "Irgendwie will das 'Ich gegen den Rest der Welt'-Image wohl bei keinem mehr so recht passen." Auch nicht für die Fans, die laut Farin "überwiegend männlich und jünger als dreißig sind, jedoch aus allen sozialen und Bildungsschichten kommen". So melden sich im "Buch der Erinnerungen", mit Bedacht ausgewählt, Linke, Rechte, Christen, Arbeitslose, Studenten und auch mal eine Chefsekretärin zu Wort.

Um das Phänomen Böhse Onkelz und die enge Bindung zu den Fans umfassend zu dokumentieren, hat Autor Farin den aufschlussreichen Aussagen der Fans einen biografischen Teil gegenübergestellt, bei dem er sich trotz interessanter Abschnitte wie etwa eines längeren Interviews von 1983 aber zu sehr auf die offizielle Böhse-Onkelz-Biografie "Danke für nichts" stützt. Diese hat Edmund Hartsch geschrieben, ein enger Freund der Band, der mittlerweile als Pressesprecher für die Böhsen Onkelz arbeitet. Und obwohl "Danke für nichts" ziemlich schonungslos mit der rechten Vergangenheit der Band umgeht, muss es, wie Farin selbst anmerkt, "kritisch gelesen werden". Das gilt auch für das zweifellos interessante "Buch der Erinnerungen", dem manchmal die Distanz zu Fans und Band fehlt.

Klaus Farin: "Buch der Erinnerungen: Die Fans der Böhsen Onkelz". Tilsner Verlag; Bad Tölz; 143 Seiten; 28 Mark.

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