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Onkelz-Konzert in Hockenheim: Die Banalität der Böhsen

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Böhse Onkelz: Sich leider vollkommen treu geblieben Fotos
DPA/ Alex Laljak/ BO2014

Nach neun Jahren ein ausverkauftes Haus: Bei ihrem Konzert in Hockenheim zelebrierten die Böhsen Onkelz ihre Randständigkeit. Die Fans feierten die Band dafür frenetisch - das gemeinsame Außenseitertum ist die einzige Botschaft der Band.

Schweinsteiger, Klose und Mertesacker waren auch da. Mertesacker lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Boden, das Gesicht im Staub. Klose auf Knien, den Kopf wie im stillen Gebet gegen einen Zaun gelehnt, pinkelte in hohem Bogen durch den Maschendraht ins Gebüsch gegenüber. Und Schweinsteiger hatte sich betrunken bei einer unbekannten Frau untergehakt, reckte die die Faust und brüllte immer wieder: "Nichts ist für die Ewigkeit!". Die Spieler wirkten an diesem Abend nicht, als könnten sie noch ihre volle Leistung abrufen. Aber sie müssen es gewesen sein. Stand ja hinten auf ihren Trikots, schwarz auf weiß.

Auffällig waren diese Hemden deshalb, weil am Samstag während des Spiels die Leute vor allem schwarze T-Shirts trugen. Ohne Bundesadler, dafür mit mit Slogans wie "Ach, Sie suchen Streit?", "Helden leben länger, Legenden leben ewig", "Der Himmel kann warten" oder "Manche führen" auf der Brust und "Manche folgen" auf dem Rücken. Auch fehlte nicht der Klassiker: "Gehasst. Verdammt. Vergöttert." Darin ist schon das ganze Geschäftsmodell wie auch die Theologie der Böhsen Onkelz enthalten. An diesem Abend gaben sie nach neun Jahren vor rund 100.000 Menschen am Hockenheimring ihr zweites ausverkauftes Comeback-Konzert in Folge. Imposante Kulisse, imposante Zahlen. In neun Jahren staut sich offenbar einiges auf.

Zur Einstimmung wahllose Riffs von Limp Bizkit

Weil die Onkelz noch weit mehr Tickets hätten verkaufen können, verkauften sie auch noch weit mehr Tickets - für ein Public Viewing ihrer Konzerte in der Frankfurter Commerzbank-Arena, die damit als emotionales Überlaufbecken diente. Die Musik aber spielte in Hockenheim. Zunächst waren es Limp Bizkit, die dem ohnehin vorgeglühten und keinerlei Einheizung mehr bedürfenden Publikum wahllose Riffs vorspielten und dabei noch entsetzlicher klangen, als man es für möglich gehalten hätte. Kaum war diese Kirmeskapelle aus der Hölle von der Bühne, folgte ein Vorprogramm für den besonderen Geschmack.

Es bestand aus Titten, Titten, Titten. Ausnahmslos alle jungen Frauen, die von den hungrigen Kameras eingefangen und deren Bilder auf eine der Großleinwände geworfen wurden, hatten unter dem Druck der jubelnden Massen ihr T-Shirt zu lüpfen. Sie taten es freudig und stolz. Deutsche Brüste. Und wenn sich mal eine zierte, brüllte die Menge so aufmunternd und sehnsüchtig, bis sie sich nicht mehr zierte, die dumme Gans. Na also, geht doch. Ist ja nur Spaß beziehungsweise ein heidnischer Gottesdienst. Da gehört das Opfer dazu.

Richtig ernst wurde es mit der Religion, als plötzlich ein krächzender Ben Becker die Onkelz mit einem biblischen Metaphernsalat von beeindruckender Wirrnis anmoderierte: "Sie werden auferstehen und fliegen wie die Engel! Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke, und Erde bebte, und die Gräber taten sich auf" und so weiter und so fort. Dann rumpelten endlich die Onkelz auf die Bühne, und siehe, ihre Neffen und Nichten waren begeistert: "Oh, wie ist das schön", skandierte die Südtribüne im Chor.

Wer die Onkelz bis dahin nur von den Aufklebern auf den Heckscheiben tiefergelegter Kleinwagen auf provinziellen Landstraßen kannte, der konnte in den folgenden Stunden viel lernen. Unter anderem, ob Olli Schulz mit seiner legendären Einschätzung richtig lag, es sei "egal ob die rechts waren oder nicht, die sind einfach scheiße". Die Gruppe spielte soliden Altherrenrock, der in seinen stärksten Momenten an arthritischere Motörhead oder gebrauchte Riffs von Iron Maiden erinnerte. In seinen schlechteren Momenten war es gar kein Rock, sondern eine Reihe überraschend tranfunzeliger Balladen, wie sie auch ein Westernhagen, ein Maffay oder der Graf von Unheilig weinerlicher nicht komponiert haben könnte.

"Wir wollen den Moment ganz tief in uns reinschieben!"

Ein Schlüssel zum Erfolg dieser Band ist weniger die Musik, ob "scheiße" oder nicht. Sondern der heilige Ernst ihrer Botschaften. Ständig wird eine "Ewigkeit" beschworen und ein "Sinn" gesucht. Und die Ansagen des erstaunlich schwatzhaften Chefs Stephan Weidner offenbarten, dass die Band genau das auch weiß. In hohem Ton schwadroniert er davon, "bitt're Tränen" geweint zu haben, nun aber glücklich zu sein: "Wir wollen den Moment nehmen und ganz tief in uns reinschieben!" Mit ihrem Pathos liegen die Onkelz ironischerweise im Trend: "Ich will, dass ihr begreift, dass wir nicht hier sind wegen der Juwelen!", beteuert Weidner. Vielmehr diene das Comeback dazu, "dass wir alle zurückkriechen können unter das Dach, das die Onkelz uns immer gewesen sind."

Sie singen so penetrant das Lob der Gemeinschaft, dass im Grunde fast jeder Song als offizielle deutsche WM-Hymne durchgehen würde - zumal er sich von entsprechenden Hits etwa der Toten Hosen nicht unterscheiden lässt. Anders als die Altpunks aus Düsseldorf aber tragen die Altskins aus Frankfurt den schwarzen Hut, wie es auch im Western immer einen Bösewicht geben muss. Natürlich sind auch Freunde von Thor Steinar im Publikum oder junge Männer, die das Geburtsjahr eines gewissen Reichskanzlers in Fraktur als Tattoo zwischen den Schulterblättern tragen. Gewiss ziehen die Onkelz neben anderen Unverstandenen auch Rechtsradikale an. Aber das tut die deutsche Nationalmannschaft auch. In den Augenblicken, da Weidner von der Bühne den aktuellen Spielstand der Partie zwischen Deutschland und Ghana verkündete, wurde der Hockenheimring zu einer ganz gewöhnlichen Fanmeile.

Diese Gruppe ist ihr eigenes Establishment

"Blut ist dicker als Wasser", ruft Weidner, "und Hass ist dicker als Liebe". Die Onkelz und ihre Crew aus "Fanz" funktionieren gemeinsam wie ein U-Boot unter der Oberfläche des Pop. Was das Phänomen zusammenhält, ist allein der Druck der öffentlichen Missbilligung. Würden die Onkelz auftauchen, würden sie sofort als banale Mainstreamkapelle kenntlich - und ihr bedrohlicher Zauber wäre dahin. Die diffuse Ablehnung des Establishment, der angebliche "Hass" der Gesellschaft auf ihre Verlierer - diese Kränkung ist, in einen adoleszenten Stolz gewendet, das eigentliche Kapital der Onkelz. Sie verstehen, damit zu wuchern.

Deshalb war die Presse auf ihrem Volksfest ausdrücklich nicht erwünscht. Man bleibt unter sich, wie Weidner deutlich machte: "Für alle da draußen, die sich gerne an uns reiben, ich habe eine Scheißnachricht für euch: Wir bleiben, das Feindbild Nummer 1, wir bleiben!" Es folgt der entsprechende Song, bei dem die Schriftzüge von ARD, ZDF, "Frankfurter Rundschau" und des SPIEGEL auf den Leinwänden von einem ausgestreckten Mittelfinger verdeckt werden. Diese Gruppe will nicht im Establishment ankommen. Sie ist ihr eigenes Establishment.

Erst nach der friedlichen Veranstaltung schafften es die Onkelz doch noch in die bundesweiten Nachrichten. "Vorsicht auf der Autobahn A6 in der Nähe der Ausfahrt Hockenheim-Ost", hieß es nach Mitternacht im Autoradio: "Dort werfen Personen Gegenstände von der Brücke". Es werden Schweinsteiger, Klose und Merstesacker gewesen sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 141 Beiträge
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1.
wirep 22.06.2014
ziel erreicht, die presse reibt sich immernoch... das video war schon nicht sooo verkehrt :)
2. Mainstreamkapelle...
sappelkopp 22.06.2014
Zitat von sysopDPANach neun Jahren ein ausverkauftes Haus: Bei ihrem Konzert in Hockenheim zelebrierten die Böhsen Onkelz ihre Randständigkeit. Die Fans feierten die Band dafür frenetisch - das gemeinsame Außenseitertum ist die einzige Botschaft der Band. http://www.spiegel.de/kultur/musik/boehse-onkelz-konzertbericht-aus-hockenheim-a-976727.html
...das war wirklich treffend. Musikalische Entwicklung gab es bei den Jungs nie, muss also andere, wohl sehr diffuse Gründe geben, ein Onkelz-Konzert zu besuchen. Dieser neuerliche Auftritt hat wohl nur einen Grund, mindestens einer der Onkelz ist pleite.
3.
vox veritas 22.06.2014
Zitat von sysopDPANach neun Jahren ein ausverkauftes Haus: Bei ihrem Konzert in Hockenheim zelebrierten die Böhsen Onkelz ihre Randständigkeit. Die Fans feierten die Band dafür frenetisch - das gemeinsame Außenseitertum ist die einzige Botschaft der Band. http://www.spiegel.de/kultur/musik/boehse-onkelz-konzertbericht-aus-hockenheim-a-976727.html
Man, man, man. Der SPON ist wieder auf dem Kreuzzug? Ist voll peinlich!
4. Rammstein
Daku85 22.06.2014
Ich kenne mich mit dem "Liedgut" der Onkelz nicht aus, aber ich behaupte mal, das beschriebene Shirt "Manche führen - Manche folgen" gehört zu Rammstein.
5. ????
pukyswelt 22.06.2014
Dem Autor ist bei der Recherche leidern entgangen, dass es sich bei dem "Manche führen"-"Manche folgen"-Shirt um ein Shirt der Band Rammstein handelt.
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