Böhse-Onkelz-Veteran Weidner: Wut im Kopf

Neues Album, alter Frust: Stephan Weidner, Ex-Chef der Böhsen Onkelz, hat ein Solo-Album eingespielt und singt darauf "Bitte töte mich" und "Mich zu hassen fällt nicht schwer". Weidner verachtet die Presse - mit SPIEGEL-Reporter Philip Oehmke hat er trotzdem gesprochen.

Stephan Weidner wollte es an diesem Tag noch einmal versuchen. Er hatte sich vorgenommen, ein Interview zu geben. Das hat er seit über zehn Jahren nicht mehr getan, jedenfalls nicht in der sogenannten seriösen Presse. Er verachtet die Presse und große Teile der Öffentlichkeit, er glaubt, sie habe ihm Unrecht getan, fast ein Leben lang. Denn Stephan Weidner hat vor mehr als zwanzig Jahren als junger Mann Lieder komponiert, die "Türken Raus" hießen, "Deutschland den Deutschen" oder "Du bist Skinhead, du bist stolz".

Diese Texte hängen ihm seitdem nach, doch er will nicht mehr über sie reden, nicht mehr über sie nachdenken. Irgendwann müsse es doch mal gut sein, sagt er. Schließlich ist er jetzt 44.

Gleichzeitig war sich die bürgerliche Öffentlichkeit lange Zeit ebenfalls nicht sicher, ob man mit so jemanden überhaupt sprechen darf, sprechen will, sprechen muss: einem ehemaligen Skinhead, Kopf der Rockgruppe Böhse Onkelz. Einer, dessen erste Platte mit den Böhsen Onkelz wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt wurde. Jemand, der seit dreißig Jahren seine Musik aufnimmt, damit immer reicher wurde; der von seinen Fans immer stärker vergöttert und doch von der Mainstream-Öffentlichkeit geächtet blieb.

Man könnte, wenn man Weidner seine Lieder singen hört – nicht nur die der Böhsen Onkelz, sondern auch jene auf seiner Soloplatte, die vergangene Woche erschien – zu der Ansicht gelangen, diese Ächtung sei ihm egal. Das behauptet er auch immer wieder, aber am Ende, das wird dieser Nachmittag zeigen, stimmt es nicht ganz.

"Mich zu hassen fällt nicht schwer", bekennt Weidner gleich im ersten Stück seiner neuen Platte kämpferisch und selbstbewusst. Weidner glaubt, dass sein Erfolg ihn stark macht.

Schließlich wurde er mit seinen Onkelz, nachdem sich die Band in einem mühsamen, von Skepsis begleiteten Prozess vom Rechte-Parolen-Grölen losgesagt hatte, plötzlich ein Massenphänomen. Statt Rechtsrock komponierte Weidner nun düsteren Prollrock, Musik vom Rand der Gesellschaft für den Rand der Gesellschaft, Krach von wütenden Menschen für Frustrierte.

Dieser Rand der Gesellschaft erwies sich im Prä-Hartz-IV-Schröder-Deutschland auf einmal als größer als gedacht, und als Weidner und die Böhsen Onkelz mit ihren wütenden Liedern ab den neunziger Jahren plötzlich sieben Nummer-eins-Hits sowie mehrere Millionen verkaufte Platten vorweisen konnte, musste man ihn vielleicht doch ernst nehmen.

Im Jahr 2005 löste sich die Gruppe auf; da kamen 120.000 Menschen zum Abschlusskonzert an den Lausitzring in Ostdeutschland, wo die Band auch den Großteil ihrer noch heute devoten Fans hat. Böhse Onkelz waren ein deutsches Massenphänomen, das an der bürgerlichen, medienwirksamen Öffentlichkeit vorbeiging.

"Danke für nichts"

Stephan Weidners erstes Interview nach zehn Jahren soll in seinem Studio in Frankfurt stattfinden, er selbst lebt längst im sonnigen Ausland, doch nun ist er für ein paar Tage hier, um über sein erstes Soloalbum zu sprechen, ein Hinterhof in einer guten Frankfurter Gegend.

Zwei schwarze, schwere und auf den ersten Blick identische Geländewagen parken hier, der eine gehört Weidner. Der andere, wie sich später herausstellt, seinem Freund, dem DJ Sven Väth, der hier auch sein Büro hat. Nebenan in einem Loft lebte Mark Spoon, jener DJ und Erfolgsproduzent, der letztes Jahr überraschend verstarb. Weidner hat ihm auf seiner neuen Platte ein Lied gewidmet.

Von Weidner selbst ist zunächst nichts zu sehen, es begrüßt einen Eddy Hartsch, der Chronist der Böhsen Onkelz, der das Archiv mit den Bergen von vernichtender Berichterstattung über die Band verwaltet und sich immer noch darüber ärgert. Er hat auch die Biografie der Band geschrieben. Sie heißt "Danke für nichts" und bringt damit die Haltung der Band und auch die ihres Anführers Weidners treffend auf den Punkt.

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Stephan Weidner: Selbsternannter Underdog

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