Bolschewistische Kurkapelle Revolutionärer Hupfauf

Ein Blumenkinder-Mix aus "Ruby Tuesday" und "Smells Like Teen Spirit" als fröhlicher Hupfauf - mit ihrem Album "Tänze" zelebrieren die Musikanten der Bolschewistischen Kurkapelle erneut die Kraft der Blasmusik.

Von Michael Pilz


"Tänze" von der BKK
PLATTENMEISTER

"Tänze" von der BKK

Karl Marx war nicht berühmt für Lust, Gesang und Tanz. Karl Marx war niemals Hedonist. Karl Marx war Metaphoriker: "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt." Das hat der Mann im steifen Gehrock zu Papier gebracht. Damit der Mensch, der zum Frivolen neigt, versteht, dass die Verhältnisse nicht lustig sind. Na und? Was tut das Volk, das noch betäubt vom Opium ist, das ihm die herrschende Klasse zur Besänftigung hinwirft? Das nimmt den Alten froh beim Wort. Und bildet Kurkapellen.

Im Marxschen Sinne, im besten Fall, die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot. Die BKK glaubt an die Zahlenmystik und an die Kraft der Blasmusik. Nur alle sieben Jahre trägt sie einen Mitschnitt ihrer Kunst zu Markte. In jeder Platte steckt die Arbeitskraft von mehr als zwanzig Leuten. 1993 waren die "Werke" erschienen. Im Jahr 2000 sind es nun die "Tänze". Von Jimi Hendrix bis Foyer des Arts, von Eisler bis zum militanten Sowjetlied.

Schon 1986 zwang die BKK zum Tanz und probte "Blasnost". Den Perestroika-Soundtrack als Entwurf aus Kunst, aus AgitPop und subversivem Dilettieren. Zwei Jahre später lief im Filmtheater "Babylon" in Ost-Berlin ein DEFA-Film von Günter Jordan. Und während der Premiere blies die Big Band ihre Filmmusik von der Empore. Ein seltsames Gewirr aus Beethovens "Neunter" und Eislers "Ernsten Gesängen", das "Letzte Verzweifelte Hoffnung" hieß, ein Jahr bevor die DDR zusammenbrach.

Die BKK ist streng geteilt in Fußvolk und Führung. Aus Spaß: Die Musikanten und die Funktionäre, die Basis und der Überbau. Zur ersten Leitung zählte Jürgen Kuttner, der später Kult vom Dienst beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg wurde. Er stand mit auf der Bühne als Dozent, bemerkte früh, "dass das Orchester im Grunde innerlich zerrissen ist, beherrscht wird, von ja fast gegensätzlichen Tendenzen: Einerseits von der Anverwandlung an die gemeine Volksseele, andererseits vom Geiste höchster Modernität."

1995 schrieb die Leitung ans Orchester im Duktus des real sozialistischen, innerparteilichen Postverkehrs: "Platte. Konzept der Platte wird sein: westliche Unterhaltungsmusik, die aber in sich so ambivalent war, dass sie die Jugend der imperialistischen Staaten nicht allein betäubte, sondern auch zu Widerstand, Revolution oder Polizistenhauen animierte..."

Berlin, im März 2000. Den Band hat den Fünfjahresplan mehr als nur erfüllt. Die "Tänze" sind so sonderbare Adaptionen und Collagen der bekannten Themen. Wie "Pörpel Hasi und die Explosion", das "Purple Haze" von Jimi Hendrix und "Die Explosion im Festspielhaus" der Einstürzenden Neubauten zum proletarischen Gassenhauer verschmilzt. "My Generation" kommt vor, mit Tuba-Bass und Bläser-Riffs. "Smells Like Teen Spirit" als fröhlicher Hupfauf. Laibachs "Leitbild", Peter Thomas' "Orion" und ein Blumenkinder-Mix aus "Ruby Tuesday", "The Letter" und "Happy Together": "Glücklich zusammen!", singt der Chor.

Dieses verblasen von Pop und Propagenda erinnert den Altlinken an Heiner Goebbels und sein Sogenanntes Linksradikales Blasorchester. Nur anders. Das hat mit dem Verlust der Utopien zu tun und dem Bewahren dieser Utopien in postmoderner Ironie. Die DDR war Zeichenwelt und Zirkusstaat. Was komisch ist, hält Nester warm. Und Pathos hebt das Pathos auf: Der Marschgesang nimmt Popmusik nicht ernst. Die kulturironische Einheitsfront und Avantgarde für alle. Hanns Eisler, das Idol der BKK, muss sie im Traum gesehen haben, die Kurkapelle wahrhaft neuen Typs. Als hätte Karl Marx die Träume zum Tanzen gebracht.

Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot: Tänze (Der Verlag/Plattenmeister/EFA)



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