Popmusiker Bon Iver in Berlin Der Winter kann kommen

Nach schwerer Depression kehrt der gefeierte US-Musiker Bon Iver mit seinem Album "22, A Million" zurück - ein Triumph künstlerischer Verweigerung.

Musiker Justin Vernon alias Bon Iver
Cameron Wittig & Chrystal Quinn

Musiker Justin Vernon alias Bon Iver

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In der Warteschlange vor dem Michelberger Hotel in Berlin-Friedrichshain: Eine mittelalte Frau läuft vorbei und fragt neugierig, was denn hier wohl stattfinde. "Hier spielt gleich der amerikanische Rockmusiker Bon Iver." Bon wer?, scheint die amüsierte Ratlosigkeit auf ihrem Gesicht zu fragen. Und überhaupt: Ein Amerikaner mit französisch klingendem Namen? Rätselhaft. Und so zieht die Frau ihres Weges, während im Innenhof des Hipster-Hotels kurz darauf eines der exklusivsten Konzerte des Jahres beginnt.

Bon Iver (ausgesprochen wie der "gute Winter" auf Französisch), der eigentlich Justin Vernon heißt und diesen Freitag sein drittes Album veröffentlicht, hätte sich über diese Szene gefreut. Nicht nur umgibt sich der 35-Jährige aus Wisconsin gerne mit einer Aura eines eremitischen Mysteriums. Den wenigen Interviews, die er gab, war außerdem zu entnehmen, dass er in den vergangenen Jahren eine schwere Depression und Sinnkrise durchlebte, die ihn vor allem mit seinem unwahrscheinlichen Status als gefeierter Popstar hadern ließen. Am liebsten hätte er aufgehört, einen Diner im Mittelwesten aufgemacht, Burger gebraten, Kaffee ausgeschenkt.

2011, mit seinem zweiten Album, war der bärtige Mann mit dem zotteligen, aber bereits schütteren Haupthaar und der schluffigen Anmutung eines gutmütigen Automechanikers, zu einer Ikone neuerer Indie-Rockmusik geworden. Sein brüchiger Falsettgesang und ein schwebend leichter, gleißend elektrifizierter Andachtsfolk wurden zum Synonym für eine verschüchterte Chorknaben-Innerlichkeit, die zahlreiche junge weiße Popmänner zu jener Zeit erfasste, darunter auch den britischen Sänger James Blake. R&B-Superstar Kanye West hatte das Crossover-Potenzial Bon Ivers bereits frühzeitig erkannt und Vernon als Co-Songwriter für sein Album "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" beschäftigt, auch am brachialen Nachfolger "Yeezus" war er beteiligt.

Bon Iver im Michelberger: Americana aus dem Effektgerät
Michelberger Music

Bon Iver im Michelberger: Americana aus dem Effektgerät

Die Zusammenarbeit mit West und dessen Faible für sonische Verfremdungen und musikalische Abrasion schlägt sich nun deutlich auf "22, A Million" nieder, dem berührenden und verblüffenden Album, mit dem Bon Iver aus der Phase mentaler Zerrüttung zurückkehrt. Wie West auf seinem Liebeskummer-Album "808 And Heartbreak" schaltet auch Vernon eine Filtermembran zwischen seine Emotionen und den Zuhörer, konsequent verzerrt und moduliert er sein Falsett durch einen Vocoder-Effekt.

Worüber er genau in den zehn Stücken der Platte singt, bleibt hinter kunstvoll verrätselten Songtiteln wie "715 - CRKS", "666 " oder "10 d E A T h b R E a s T " und eher fragmentarischen, Stream-of-Consciousness-Versen verborgen. Auf aktuellen Fotos versteckt Vernon sein Gesicht, das Albumcover ist eine obskure Anordnung von Zeichen, Symbolen, Fantasie-Hieroglyphen, Ying und Yang. Ein Puzzle und Suchspiel für die Generation Internet, die so gerne in Codes und Bildern kommuniziert.

Es ist toll, aber warum eigentlich?

Nicht minder verspult und verweht klingt nun auch die Musik: Elektronisches Klimpern Pochen und Geistergewehe addiert sich mit behutsamen, vielfach versampelten Gitarren- Synthesizer- und Saxophonsounds zu einem Klangkaleidoskop - ein von Songstrukturen weitgehend freies Flirren und Tupfen, in dem Vernons artifizierte Stimme zum verbindenden Element wird. All das wirkt auf faszinierende Weise entrückt und suggeriert eine heilige, nach Reinheit und Erlösung strebende Erhabenheit. Es ist toll, aber warum eigentlich?

Im Innenhof des Michelberger Hotels bedürfen solche Fragen bald keiner Antworten mehr. Die hohen, hell gemauerten Wände des Gebäudes werden zu einer Art Kathedrale, kugelrunde Lampions lassen ihre langen Papierfransen im sachten Wind des warmen Herbsttags flattern und rattern, als gehörte auch dieser Soundeffekt zum offenen Konzept des Albums.

Bon Iver im Michelberger Hotel, Berlin, Mittwoch, 28. September
Michelberger Music

Bon Iver im Michelberger Hotel, Berlin, Mittwoch, 28. September

Justin Vernon und seine drei Bandmitglieder sind in Arbeitshosen, Hoodies und Sportkäppis gekleidet. Sie haben sich eine Bühnenanordnung gebaut, die eher an Technokonzerte im Berghain erinnert als an ein Rockkonzert unter freiem Himmel. Die vier Musiker stehen oder sitzen, einige mit Gitarre, hinter Pulten mit Effektgeräten, die im Quadrat zueinander stehen, sodass sie sich beim rhythmischen Erzeugen und der Kommunikation ihrer Klänge und Geräusche untereinander verständigen können. Dem Publikum bieten sie nur ihre Rückenansichten. Schon kapiert: Es geht um die Musik, nicht um ihre scheuen Protagonisten. Ab und zu winkt Vernon linkisch in die Menge oder murmelt ein bescheidenes "Danke fürs Kommen."

Verweigerung als Programm

Das Publikum ist mit dieser Abkehr von jeglicher Rockstarpose mehr als zufrieden und wiegt sich alsbald glückselig im Takt, wann immer sich aus den Klangtupfen für wenige Momente eine Melodie oder ein kohärenter Beat herauskristallisieren. Dann wird klar: Vernons Musik klingt nur hypermodern, indem sie sich aus den Spektren der schwarzen Musik, R&B, Soul und Gospel sowie dem experimentellen Elektronik-Genre speist. In Wahrheit ruht sie aber, in den Westcoast-Sampeln von "10 d E A T h b R E a s T " oder im Heartland-Pathos von "8 (circle)", sicher und solide in der traditionellen amerikanischen Rockmusik. Bei Springsteen und Jackson Browne, James Taylor und Waylon Jennings. Dessen Zurück-zu-den-Wurzeln-Hymne "Are You Sure Hank Done It This Way" gehört zu Vernons Lieblingssongs.

Es sind die klassischen Folk- und Country-Soul-Melodien, pures Americana, das die DNA von Bon Ivers Musik bildet. Kein Wunder, dass sie uns so spontan vertraut erscheint und warm umkuschelt, obwohl sie uns nicht voll instrumental ausformuliert und analog vermittelt wird, sondern mit Geräuschfetzen aus dem Computer.

Bon Iver ist also nicht als Pop-Innovator zu verstehen, auch wenn er sein Genre musikalisch weitet und in die digitale Moderne rückt. Vielmehr sucht er sein Seelenheil vor den Zumutungen der hyperbeschleunigten Zeit, der ökonomischen Härte des Musikbiz und der Ruhmverwaltung in der sentimental-tröstlichen Regression zum unschuldigen Radiosound seiner Kindheit. Die Verweigerung - der Performance, des Interviews oder, wie angekündigt, auch der klassischen Tournee - wird Programm. Und die Musik zum retrograden Eskapismus-Angebot für uns alle: Statt mich von der Außenwelt stressen zu lassen, spiele ich lieber mit mir selbst und baue mir eine Echokammer aus diffusen Melancholie und Sehnsuchtstriggern.

Das hat dann nichts mehr mit Rock'n'Roll und seinen tradierten Mechanismen zu tun, noch nicht mal mehr mit der Dekonstruktion von Männlichkeitsgesten im Pop. Die Sexyness und Lust an dieser Musik liegt allein in der Verheißung auf Versenkung und Auslöschung. "It might be over soon", wiederholt Justin Vernon jubilierend im ersten Stück seines Albums. Der Winter kann kommen.

Bon Iver beim Michelberger-Music-Festival
    Keine Sponsoren, keine Headliner, keine Egos, keine Show - nur ein paar Freunde, die zusammen jammen: Eine Woche lang trafen sich rund 85 Indie-, Alternativ- und Avantgarde-Künstler, darunter Mitglieder von Poliça, Mouse On Mars und dem Ensemble Stargaze von Dirigent Andre de Ridder zum gemeinsamen Workshop in den Studios des alten Berliner Funkhaus in der Nalepastraße. Zu den Initiatoren zählen Bon Ivers Justin Vernon sowie Aaron und Bryce Dessner von der Band The National und das befreundete Michelberger Hotel.
    Am Wochenende werden die Ergebnisse der DIY-Sessions bei einem Festival im Funkhaus vorgestellt.

    Tickets: www.michelbergermusic.com.
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