Ein Tag mit Bonaparte: Ich glaub, ich seh 'nen Computer tanzen

Von Tom Vargen

Der Ausnahmezustand als Alltag: Wer ein Konzert von Bonaparte besucht, der sieht Computer, Roboter und Gartenhecken beim Boogietanzen. SPIEGEL ONLINE hat mit den Irren aus Berlin - der Sensation vom Auf-den-Dächern-Festival - einen Tag und eine Nacht verbracht. Eine Fotoreportage.

Bonaparte: Komm, wir erobern die Reeperbahn! Fotos
SPIEGEL ONLINE

Bonaparte klingt nicht gerade bescheiden. Soll es auch nicht, das ist die Band nämlich auch nicht. Gierig sind sie, gierig nach Spektakel. Gerade soll auf dem Reeperbahn-Festival das Interview starten, da legen Tobias und Mollie noch schnell eine abgefahrene Tanznummer auf den Asphalt.

Es ist Nachmittag. In Hamburg. Es könnte also ein bisschen wärmer sein. Ein Fernsehsender hat eine kleine Open-Air-Bühne für ein Nachmittagskonzert aufgebaut. Auch wenn langsam die Instrumente ausgepackt werden, klar ist: Das ist eine Performance mit ungewissem Ausgang. In den riesengroßen Basskoffer wird ein Mitglied der Band eingesperrt, so macht man dann einen kleinen Ausflug mit Koffer zur Esso-Tankstelle, weg von der Bühne, wo der Mann vom Fernsehen langsam unruhig wird.

Unter das versierte Festival-Publikum mischt sich auf offener Straße alles und jeder, der halt gerade so vorbeikommt. Die einen finden das alles offensichtlich ziemlich komisch, die anderen wissen nicht so genau. Ein Hauch von Anarchie macht sich breit. Ist das alles spontan? Unwahrscheinlich. Oder ist es professionell und einstudiert? Genauso unwahrscheinlich. Aber was spielt das eigentlich für eine Rolle? Die Band reißt das Zepter an sich.

Das Konzert? Kommt schon, erst noch wird "Über den Wolken" angestimmt, das war ein Vorschlag aus dem Publikum. Ansonsten sind die Damen und Herren von Bonaparte allerdings eher im Elektropunk zu Hause.

Bonaparte "Quarantine"
Mehr Videos von Bonaparte gibt es hier auf tape.tv.

Bonaparte bestehen aus drei Musikern und, genau so wichtig, ebenso vielen Tänzern. Und das hat rein gar nichts mit dem deutschen Fernsehballett zu tun. Ein Roboter betritt die Bühne, es blinkt überall. Rätselhaft, was das alles soll. Aber es sieht gut aus. Irgendwann ist der Auftritt zu Ende, und es wurden sogar zwei, drei Songs gespielt.

Wenn man den Schweizer Ensemble-Vorstand Tobias Jundt fragt, wie das mit Bonaparte angefangen hat, dann tut er so, als wäre es das Normalste auf der Welt: Mit dem Auto durch Europa gurken und Leute aufsammeln. Ach, so geht das also, eine Rock'n'Roll Band zu gründen. Eins kommt zum andern, schon feiert man sechsjähriges Bestehen. Leute kommen und gehen. Das ist alles nicht so fest. Wer zur Band gehört, kristallisiert sich erst jetzt heraus.

Es ist Abend, immer noch ein paar Stunden bis zum Auftritt. In der Großen Freiheit 36 spielen die Wahlberliner als Headliner, um halb eins geht's los.

Die Pause nervt, etwas essen, rumhängen, einschlafen und um elf Uhr den Kreislauf wieder hochfahren. Bonaparte übernachten in einem Tourbus, der so groß ist wie eine Dreizimmerwohnung, mit unzähligen Schlafkabinen. Es ist alles sehr aufgeräumt. Ein bisschen Luxus muss sein, immerhin steht man bei der großen Plattenfirma Warner unter Vertrag.

Die Aufregung hält sich in Grenzen, als Achim, der Tourmanager, die Zeit bis zum Auftritt runterzählt. Das ist für Bonarparte das wahre Leben: die Show, der Zirkus, der Wahnsinn. Und schon ist man mittendrin in diesem Dickicht aus Trash und Weltkultur. Irgendwann gegen Ende der Show liegen ein paar Bonapartes auf den Brettern. Sind sie tot oder nur erschöpft? Ihnen ist da wohl alles zuzutrauen.

Klar ist: Die Aftershowparty braucht keiner mehr hinterher.

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