Boom der Solo-Alben: Ein Klavier, ein Klavier!

Von Hans Hielscher

Piano, Bass und Schlagzeug: Das ist die klassische Trio-Besetzung im Jazz. Doch immer häufiger suchen profilierte Jazz-Pianisten das Glück ganz allein mit ihrem Instrument. Ein kleiner Überblick über die neuen Piano-Solo-Alben.

Jazzpiano: Inflation der Solo-Alben Fotos
Augusta Quirk

Die Vorstellung, dass er allein ins Studio gehen würde, fand das Fachmagazin "Down Beat" ganz schön "tollkühn". Denn der Rising-Star-Pianist habe seine Wirkung vor allem im Zusammenspiel mit seinen Begleitern an Bass und Drums erzielt. Da könnte ein Allein-Auftritt dramatisch abfallen. Vijay Iyer wagte ihn dennoch - und sein Album "Solo" wurde ein Erfolg. "Down Beat" gab ihm vier Sterne.

"Solo" erschien beim Münchner Label ACT, das traditionell Pianisten besonders herausstellt. Es produzierte das unvergessene Esbjörn Svensson Trio e.s.t. und hat mit Bugge Wesseltofts "It's Snowing On My Piano" einen Dauerbrenner auf dem Markt. In dieser Woche erscheint das Solo-Album des britischen Aufsteigers Gwilym Simcock "Good Days at Schloss Elmau".

Iro Rantala: Lieber Klavierspielen als Singen

Im kommenden Monat folgt die Solo-CD des Pianisten Iiro Rantala, der von Blue Note zu ACT wechselte. Der Finne Rantala wurde in der Jazzszene als Komponist und Chef des Trio Töykeät bekannt, mit dem er durch die Welt getourt ist. Nun genießt er es, als Solist aufzutreten, wie der stämmige Vierzigjährige erzählt, während er in einem Hamburger Café sitzt: "Nach 18 Jahren im Trio suchte ich eine neue Herausforderung." Der Sohn eines Fahrradhändlers aus der finnischen Provinz hatte als Mitglied des Kinderchors Cantores Minores unter anderem im Kölner Dom gesungen. Zufällig entdeckte der Chorleiter Rantalas Begabung am Klavier; er machte den Jungen zum Begleitpianisten. "Das gefiel mir besser, als eine von 100 Stimmen zu sein", sagt Rantala und lächelt.

Während seines Studiums, Kompositionslehre und klassisches Klavier, gab ihm ein Lehrer Platten der großen Jazzpianisten; neben Mozart-Kompositionen und Gershwins "Rhapsody in Blue" spielte der junge Virtuose nun auch Stücke von Monk und Ellington. Später wurde Rantala in Finnland zu einer Art Botschafter des Jazz. Präsident Martti Ahtisaari lud sein Trio Töykeät zu Staatszeremonien ein; auf internationalen Festivals vertrat es das Land der Seen und Wälder.

Für sein nun erscheinendes Solo-Album fand Rantala ein Leitmotiv. Er widmet zehn Kompositionen seinen "Lost Heroes" - unter ihnen Jean Sibelius, Esbjörn Svensson und Michel Petrucciani. Dabei lässt er Motive oder Spielweisen der verstorbenen Idole anklingen. Ein gelungenes Debüt.

Brad Mehldau und Joachim Kühn: Improvisations-Feuerwerke

Brad Mehldau hatte 1995 schon einmal ein Solo-Album eingespielt. Seitdem ist der Amerikaner, der Bach und Rilke liebt, zu einem Superstar unter den zeitgenössischen Pianisten aufgestiegen. Er arbeitete vor allem mit seinem Trio; die Musik für sein letztes Album ("Highway Rider") arrangierte er für ein Kammerorchester. Höchste Zeit also für einen Alleingang. Den absolvierte Mehldau im vergangenen Sommer "Live In Marciac" - so der Titel seiner Solo-Doppel-CD. Die beginnt mit dem Beifall der französischen Festival-Fans für den Star-Gast. Es folgt ein Feuerwerk von Eigenkompositionen und Popsongs von Radiohead und Kurt Cobain; zudem improvisiert Mehldau über Jazz-Standards wie "It's All Right With Me". Großartig! It's All Right with Brad!

"Joachim Kühns musikalisches Herz schlägt nonstop 24 Stunden am Tag", schreibt der spanische Autor Chema García Martínez im Beiheft zu "Soundtime", einer CD-Box mit Solo-Einspielungen des Pianisten. Der 66-Jährige hat seine Improvisationen in den vergangenen vier Jahren überwiegend in seiner Wahlheimat Ibiza aufgenommen - sie sind Ausdruck von Kühns außergewöhnlicher Kreativität, die über die Musik hinausgeht: Als bildender Künstler schafft der Pianist abstrakte Gemälde. Eine Auswahl schmückt die Cover der sechs CDs in der Box. Joachim-Kühn-Fans können sich freuen.


CDs
Gwilym Simcock: "Good Days at Schloss Elmau" (ACT)
Iiro Rantala: "Lost Heroes" (ACT)
Brad Mehldau: "Live In Marciac" (Warner)
Joachim Kühn: "Soundtime" (Jazzwerkstatt)

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