Boom der Vollbartbands Haare überwuchern Haltung

Schneller, flexibler - und haarloser? Nö! Mit ihren Rauschebärten scheinen sich populäre Musiker wie die Fleet Foxes oder Bon Iver dem gesellschaftlichen Trend zur Selbstoptimierung zu widersetzen. Doch wer zwischen den Gesichtsflusen politisches Bewusstsein vermutet, liegt völlig falsch.

DPA

Von Klaus Walter


Was steckt eigentlich hinter dem Vollbart? In der Diskussion um Simon Reynolds' Thesen zur Retromania ist diese Frage von entscheidender Bedeutung. Immer mehr Musiker verstecken sich hinter üppiger Gesichtsbehaarung, viele von ihnen orientieren sich musikalisch an vergangenen Epochen. Der Einfachheit halber wollen wir dieses Phänomen unter dem Oberbegriff Vollbartbands zusammenfassen. Viele Fans und Kritiker interpretieren den anhaltenden Boom amerikanischer Vollbartbands mit Retrofolk-Schlagseite als Symptom einer Politisierung. Von den Zumutungen des neoliberalen Alltags - schneller, mobiler, flexibler - erschöpfte Subjekte ziehen sich zurück aus dem Hamsterrad, besinnen sich auf die Vergangenheit und verweigern sich den Zwängen der Beschleunigung. Und dem Rasierapparat.

Ihre Musik kündet von einer Zeit, da noch von Mensch zu Mensch kommuniziert wurde, mit nicht mehr als einer Gitarre und naturbelassener Stimme. Optimierungstechnologien wie die Computersoftware Autotune, mit der auch der schlechteste Sänger jeden Ton trifft, waren noch nicht erfunden. Für viele Anhänger des Vollbartfolks ist das bloße Nichtmitmachen bei der permanenten Selbstaufrüstung bereits eine Kritik am digitalen Kapitalismus. Wer daran glaubt, der hält auch die Fleet Foxes, diese unqueerste, geheimnisloseste, bescheidenste und patenteste aller Vollbartbands, für die Krone der Schöpfung, der unverfälschten.

Die amerikanische Band ist das Flaggschiff der seit einigen Jahren grassierenden Folkrock-Retromanie. Robin Pecknold, Sänger und stark behaarter Kopf der Fleet Foxes ist Jahrgang 1986, seine Adoleszenz sollte also im Zeichen von Grunge, Techno und HipHop gestanden haben. Sollte. "Schon in meiner frühen Jugend habe ich Bob Dylan und Joni Mitchell geliebt. Diese Musik sprach mich auf eine andere Art an, und sie erlaubte mir zu flüchten."

Tote Musiker - oder Oasis

Pecknolds Glaubensbekenntnis dient 2009 als Leitmotiv für eine CD, die dem englischen "Mojo"-Magazin beigelegt ist. Unter dem Titel "New Harvest" präsentiert "Mojo" ein "Compendium of Modern North American Song". Compendium - das klingt mehr nach Bibliothek als Discothek und verspricht eine Sammlung von gediegenen North American Songs, zusammengestellt mit viel Sinn für historische Dimensionen. Der Titel "New Harvest" verweist auf Neil Youngs einschlägigen Klassiker "Harvest" von 1972, eines der populärsten Pop-Dokumente der allfälligen inneren Einkehr nach den Turbulenzen der Sechziger.

Das Attribut modern im "Mojo"-Compendium darf man getrost lesen als: Klassiker der Moderne, gerne auch als Absage an die Postmoderne. Bis auf eine Ausnahme - Alela Diane - singen hier Männer, respektive Männerbands. The Low Anthem, The Dodos, Pink Mountaintops und eben Fleet Foxes. Muss man erwähnen, dass alle Männer des Modern North American Songwesens weiß sind? Und (fast) alle Bärte tragen?

"Mojo" und "Uncut", die Zentralorgane der retrogressiven Musealisierung des Rock, feiern Bands wie die Fleet Foxes. Sie dürfen sogar aufs Cover, eine Ehre, die sonst nur Toten, über 60-Jährigen und den Gallagher-Brüdern zuteil wird. Bei "Mojo" und "Uncut" widmen sich jahrzehntelang gereifte Edelfedern des Rockjournalismus auf hohem Niveau der Traditionspflege. Jubiläen werden gefeiert wie sie fallen, 60 Jahre Rock'n'Roll, 50 Jahre Beatles, 40 Jahre T. Rex, 35 Jahre Punk und, ja, 20 Jahre "Nevermind" von Nirvana. Weiße, heterosexuelle Männer schreiben Monat für Monat an der Bibel der weißen, heterosexuellen Rockmusik.

Natürlich kommt in diesen Magazinen auch neue Musik vor, aber immer schön einsortiert in den Kanon der heiligen Tradition. Aktuelle Trends und Mikrotrends wie Post-Dubstep, Witchhouse oder Hypnagogic Pop werden gar nicht erst ignoriert. Solchen Petitessen begegnet man mit der herablassenden Gewissheit, dass sie sich selbst erledigen werden.

Bart tragen, Mascara tragen

Woher kommt der Erfolg dieser sehr britischen Variante des historisierenden Qualitätsjournalismus in Rock mitsamt den Vollbartbands? Beide profitieren von diffusen Zukunfts- und Gegenwartsängsten, beide bedienen antimoderne Affekte. Je chaotischer die Politik, je unübersichtlicher die Verhältnisse, desto größer das Bedürfnis nach Ordnung und Harmonie, in der Welt der Zeichen wie in der Musik. Gegenwart muss man bei den aktuellen Vollbartbands mit der Lupe suchen, der unbedingte Wille zum right here & right now, der guten Pop ausmacht, ist ihnen suspekt.

Auf ihre Art ist diese Haltung wieder zeitgemäß, schließlich haben wir erstmals Zugang zu allen musikalischen Archiven und können uns jederzeit in jede Pop-Epoche zurückbeamen. Trotzdem fragt man sich, was sind das für Leute, diese Pecknolds und Fleet Foxes mit ihrer pastoralen Feinsingerei? Leute, die heute von der Erfahrung und dem Reichtum einer Musik schwärmen, die 15, 20 Jahre vor ihrer Geburt entstanden ist. Leiden sie an eskapistischer Retromanie? Oder vielleicht an einer Krankheit, die Jello Biafra von den Dead Kennedys mal zu einem Song verarbeitet hat: Nostalgia for an Age That Never Existed?

Aber: Bart ist nicht gleich Bart. Eine gewisse Sorte (Voll-)Bart wird seit einiger Zeit in Lebenswelten jenseits der Hetero-Norm gern als queeres Zeichen eingesetzt, nicht nur von schwulen Bären, die Körperpelz zu dickem Bauch tragen, und das auch gut so finden. In Randgebieten des modernen Pop wird der Bart verstärkt als antiviriles Signal verwendet, als Absage an eine traditionelle heterosexuelle Männlichkeit, die über Jahrzehnte das Erscheinungsbild des potenten Rockstars geprägt hat, von Jerry Lee Lewis bis Bruce Springsteen. Diesen in der Regel glattrasierten Typen halten Männer wie Devendra Banhart, Scott Matthew oder, in einem anderen musikalischen Segment, auch Andrew Butler von Hercules and Love Affair mehr oder weniger kunstvoll designte Gesichtsfrisuren entgegen, zu denen sie auch mal Mascara, Lippenstift und hübsche Frauenkleider tragen.

Offen für Operndiven und Märchenprinzen

Der abseitige Look korrespondiert mit einer musikalischen Exzentrik, für die Kritiker bislang nur Begriffskrücken gefunden haben: New Weird Folk oder Weird Americana, das hilft nicht wirklich weiter. Das Adjektiv weird (verrückt, seltsam) signalisiert die Abweichung von einer Norm, die längst nicht mehr verbindlich ist. Leute wie Banhart oder Matthew bedienen sich zwar durchaus in der Vergangenheit, sind aber performativ wie musikalisch unverkennbar Geschöpfe des 21. Jahrhunderts. Sie haben den Eskapisten-Folk der Incredible String Band genauso im Repertoire wie das opernhafte eines Klaus Nomi, die nicht bloß Geschlechtergrenzen transzendierende Theatralik einer Grace Jones oder den narzisstischen Märchenprinzen-Glam Marc Bolans.

Derart disparate Einflüsse kombinieren sie auf gut postmoderne Art mit nicht minder disparaten eigenen Entwürfen. Diese Männer sind nicht bloß queer folks, ihre künstlerische Praxis steht buchstäblich quer zu den Hetero-Normen des Pop, sie queeren diese Normen aktiv. Dabei fungieren ihre häufig wechselnden Bartmoden als Versprechen: Dahinter steckt ein interessanter Kopf.

Ein immerhin sehr markanter Kopf steckt auch hinter den häufig wechselnden Bartmoden eines Mannes, der auch seinen Namen häufig wechselt. Will Oldham nennt sich mal Palace, mal Palace Brothers oder auch Bonnie Prince Billy. Auf der Gesichtsbehaarungsskala steht er ziemlich genau in der Mitte zwischen der Queer-Weird-Fraktion und den retrogressiven Vollbartbands.

Sein Umgang mit den Musiküberlieferungen des Old Weird America, das der amerikanische Starkritiker Greil Marcus in seinem Klassiker "Basement Blues" beschwört, verrät Kompetenz und Hingabe, das imponiert auch Folkrock-Traditionalisten. Bei näherem Hinhören und -sehen offenbaren sich allerdings Abgründe, von denen Traditionalisten lieber gar nichts wissen wollen. Sexuelle Ambivalenzen und moralische Mehrdeutigkeiten muss der Fan der gemeinen Vollbartband nicht gewärtigen.

Aber der will ja auch nichts wissen von den hochinteressanten Varianten des Damenbarts im Pop der Neuzeit. Hinter diesen temporären Bärten stecken interessante Figuren: Peaches, Coco Rosie, JD Samson - ihre neue Band heißt Men. Wir bleiben dran, am Bart.

insgesamt 14 Beiträge
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the_flying_horse, 05.10.2011
1. eine richtige Vollbartband
Es gibt nur eine richtige Vollbartband: Z Z TOP
ThumAndreas 05.10.2011
2. .
Der Vollbart ist schon seit einiger Zeit wieder angesagt, nicht nur in der Musikszene. Einige Prominente Barträger der vergangenen Jahre: George Clooney, Jeff Bridges, Joaquin Phoenix, Conan O'Brien, David Letterman, Harald Schmidt, Christoph Waltz, James Franco, Christian Bale, Mark Ruffalo... Auch in meinem Bekanntenkreis ist die Tendenz seit langem steigend.
schmalhans, 05.10.2011
3. So manches ist viel simpler als man denkt
Autor Klaus Walter hat bei seinen z.T. abenteuerlichen, haarsträubenden und hochtrabenden Theorien über mögliche Motivationen einen Vollbart zu tragen, einen ganz simplen und weitverbreiteten Grund leider unberücksichtigt gelassen: Ein sich beim Mann mit den Jahren bildendes Doppelkinn, das mittels Vollbart einfach nur kaschiert werden soll.
meursault242 05.10.2011
4. Bartpioniere...
...waren schon vor einigen Jahren Nick Cave und seine Bad Seeds, deren progressives musizieren steht wohl ausser Frage und die Band Iliketrains. Thematisch eher in der Vergangenheit verhaftet, der Sound aber so gar nicht.
buchl 05.10.2011
5. und noch simpler:
Zitat von schmalhansAutor Klaus Walter hat bei seinen z.T. abenteuerlichen, haarsträubenden und hochtrabenden Theorien über mögliche Motivationen einen Vollbart zu tragen, einen ganz simplen und weitverbreiteten Grund leider unberücksichtigt gelassen: Ein sich beim Mann mit den Jahren bildendes Doppelkinn, das mittels Vollbart einfach nur kaschiert werden soll.
Aus eigener Erfahrung (in Urzeiten Naßrasierer, seit einem Vierteljahrhundert Vollbartträger): Unlust und Faulheit, die mich davon abhalten, täglich morgens vor dem Spiegel im eigenen Gesicht herumzuschaben (und das mit dem Doppelkinn ist mittlerweile auch noch dazugekommen...)
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