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"Borat"-Soundtrack: Lasst's krachen, Kasachen!

Von Jenny Hoch

Die Komödie "Borat" ist eine wilde Mischung aus Folklore und Satire. Der Soundtrack passt dazu perfekt: Musiker wie der Frankfurter DJ Shantel oder der aus Odessa stammende OMFO machen Osteuropas Volksmusik Beine.

Wer Sacha Baron Cohens "Borat"-Film im Kino sieht, wird sich nicht nur vor Lachen krümmen, sondern auch im Takt der Musik mitwippen. Denn der Komiker hat für seine wahnwitzige Satire neben speziellen Borat-Versionen amerikanischer Song-Klassiker wie "Born to be wild" treffsicher exzellente Balkan-Beats ausgesucht. Das sind nicht irgendwelche kitschigen Gypsy-Lieder, sondern Song-Hybride, gemixt von Musikern, die mit Folklore-Klischees genauso virtuos zu spielen wissen wie Cohen.

Das Stilprinzip, nicht nur des Films, sondern auch der Musik, beruht auf Verwirrung: der Identitäten, der Herkunftsländer, der Sprachen. So spricht der britische Komiker im Film als kasachischer Reporter auf seiner Reise durch die USA neben Englisch mit kasachischem Phantasie-Akzent auch eine selbst erfundene Sprache. Diese setzt sich zusammen aus Hebräisch und irgendeinem Kauderwelsch, das kein Kasache auf der Welt jemals verstehen würde. Ebenso wenig, wie ein Kasache das im Film gezeigte Kasachstan als sein Heimatland identifizieren würde, da es in Wirklichkeit in Rumänien liegt. Ein Roma-Dorf diente dort als pittoreske Kulisse.

Mit dem folklorehaft-trashigen Soundtrack verhält es sich ähnlich. Er vereinigt nicht nur ein eher traditionelles Lied der Roma-Sängerin Usnija Redzepova mit Arrangements des Kusturica-Komponisten Goran Bregovic, sondern bedient sich moderner Balkanbeats von Musikern wie dem Frankfurter DJ Shantel oder dem Ukrainer German Popov alias OMFO.

Letzterer sagt, ihm sei bis heute rätselhaft, wie Cohen an seine Musik geraten sei. Doch wenn man bedenkt, wie weltumspannend der Erfolg des osteuropäischen Sounds mittlerweile ist und wie vielfältig die musikalischen Einflüsse, die ihn ausmachen, dann ist das nicht erstaunlich, sondern eher ein weiterer Beweis für die enorme Vitalität des Bastards namens Balkan-Musik.

Als "Weltheilungsmusik" missdeutet

So hörte Cohen – selbst übrigens britisch-iranisch-jüdischer Herkunft- in einem Club in Tel Aviv zufällig ein paar Stücke von OMFO, der seit dem Zusammenbruch der UdSSR in Amsterdam lebt und sich neben traditioneller Musik aus den Steppen Zentralasiens auch für die deutsche Gruppe Kraftwerk interessiert. Cohen war begeistert von dem ungewöhnlichen Sound-Mischmasch und beschloss, zwei Songs für seinen "Borat"-Film zu lizensieren.

Den Musiker freut das, denn er kann sich gut mit Cohens abgründigem Humor identifizieren, schließlich wurde sein eigener Stil von New-Age-Jüngern früher als "Weltheilungsmusik" missdeutet: "So wie Cohen im Film spiele ich in meiner Musik mit kulturellen Stereotypen." Liebend gerne benutzt er Keyboards, Echos und andere Effekte, um etwa den blechernen Sound von Restaurant-Bands in Taschkent zu erzeugen. Auf der anderen Seite sind in seinen Mixturen stets seltene traditionelle Instrumente wie die Singende Säge oder die Langhalslaute Tar zu hören.

Zur eklektizistischen Folklore kommt in OMFOsMusik ein Faible fürs Kosmische, für Sci-Fi-Sounds mit Augenzwinkern. Zusammen mit anderen russischen Auswanderern spielte er eine Weile in der Elektro-Band Sputnik. Selbstironisch heißt es auf seiner Webseite: "Während die Band in glamourösen Clubs und auf Privatpartys herumpiepste, schlug Popov einen neuen Musikalischen Weg ein – Folklore." Tatsächlich erregte er mit seinem Album "Trans Balkan Express", aus dem auch die zwei Songs für "Borat" stammen, 2004 einiges Aufsehen in der Clubszene.

Auch sein neuestes Werk "We are the Shepherds" ist wieder zugleich vom Balkan und vom All inspiriert und zeigt auf dem Cover Schafe mit Kosmonauten-Helmen. Dazu kommen elektronische Kraftwerk-Reminiszenzen und jener spacig klingende Klangstil, den OMFO in einem "Manifest" als "Erweiterung der Hirtenmelodien durch das Piepsen der Morsecodes" beschreibt.

Stefan Hantel alias DJ Shantel ist vielleicht weniger exzentrisch, dafür aber umso begeisterter, was den "virtuellen Mythos" Balkan-Musik angeht. Die Musiker der Region hätten sich im Laufe der Jahrhunderte stets das Beste aus den verschiedenen Kulturen herausgepickt, erzählt er, der selbst Vorfahren aus der Bukovina, dem rumänisch-ukrainischen Grenzgebiet, hat. Er selbst verbindet diese alten osteuropäischen Klang-Bruchstücke mit selbst gemixten elektronischen Beats – mit enormen Erfolg: Seit Jahren versetzt er mit seinen legendären Bukovina Club-Parties tausende Westler in Ekstase. Auch im Kino werden seine zugleich emotionalen und energetischen Songs immer beliebter: In "Borat" ist ein Song von ihm zu hören, ebenso wie in Dani Levys Kinokomödie "Alles auf Zucker". An der Musik für den neuen Fatih-Akin-Film arbeitet er gerade.

Dass Shantel mit seiner Musik immer noch gerne in die Sparte "Weltmusik" gepresst wird, findet er "kurios". Denn die wollen so einen wie ihn, der die vermeintlich authentische Balkanmusik nicht mit Samthandschuhen anfasst, sondern kräftig elektronisch verfremdet, eigentlich gar nicht in ihren Reihen haben. Shantel kümmert das alles wenig. Für ihn bedeutet diese Musik ein bestimmtes Lebensgefühl. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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