Pianist Boris Giltburg Schumann auf die scharfe Tour

Boris Giltburg gilt als einer der vielseitigsten Pianisten. Dass er mit seinem Facettenreichtum selbst Robert Schumann meistert, zeigt sein neues Album. Er glänzt sogar im Vergleich mit Star-Pianist Grigory Sokolov.

Chris Gloag

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Tanz oder gar nicht! Wobei: Wir befinden uns ja im Schattenreich von Gnomen, Waldwesen, Kobolden mit nicht immer freundlichen Absichten. Tatsächlich laden Robert Schumanns "Davidsbündlertänze" op. 6 nicht gerade aufs Parkett ein. Der Klavierzyklus von 1837 hat mehr mit Chopin als mit Schubert gemein, irrlichtert durch die Fantasiewelt eines fiktiven Geheimbundes, 18 tückische Studien lang. Die unterschiedlichen Charakterstücke verlangen viele Klangfarben vom Interpreten, dennoch muss alles wie aus einem Guss erstehen. Der Pianist kann mit wohlfeiler Virtuosität glänzen oder sich hinter nebelhaft romantischer Auffassung verstecken. Beides falsch.

Alles richtig gemacht hat der junge israelische Pianist Boris Giltburg (1984 in Moskau geboren), der immer noch gern als Geheimtipp gehandelt wird. Sein Schumann klingt gemessen, durchdacht. Beim Zerbrechlichen macht er die Architektur hörbar, er analysiert ohne zu zerpflücken. Es wäre interessant, ihn gemeinsam mit dem Dirigenten-Youngster Andris Nelsons das a-Moll-Klavierkonzert musizieren zu hören: Zwei Brüder im Geiste könnten einen neuen Schumann entdecken.

Die Klippen erfolgreich umschifft

Wenn schon, denn schon: Zu den Tänzen hat Giltburg noch den riesigen "Carnaval"-Zyklus und die "Papillons" hinzugefügt, mehr Schumann geht kaum. Mit dem "Davidsbündlermarsch gegen die Philister" am Ende seines Karnevals schlug Schumann schon 1835 die Brücke zu den "Davidsbündlertänzen". Und der salonhafte Titel "Carnaval - Scènes mignonnes sur quattre notes" war der Frankreich-Leidenschaft von Schumanns Zeit geschuldet. Auch hier umschifft Giltburg alle Klippen des vermeintlich ausinterpretierten Schumann-Schlachtrosses, wobei er stets den Notentext behutsam nach Neuland erforscht.

Da muss er sich dem Vergleich mit dem zehn Jahre älteren deutschen Klaviervirtuosen Florian Uhlig stellen, der soeben seine Schumann-Gesamtaufnahme aller Klavierwerke abgeschlossen hat. Neben diesem äußerst gelungenen Mammutprojekt sieht Giltburg bestens aus: Wie Uhlig setzt Giltburg auf Durchdringung, Klarheit und gezügelte Emotionen, lieber lässt er Strukturen scharf aufscheinen als sich Klängen und Mutmaßungen hinzugeben. Die von Schumann verlangte "Ungeduld" in No. 4 trifft er mit präzisem Anschlag, die "Frische" in No. 8 bläst förmlich durch die Noten. Einen Tick Überschwang mehr als Uhlig gönnt er sich hier und da, aber Uhlig lebt auch seit 1995 in London; da liegt die distanzierte Sophistication ohnehin in der Luft.

Klarheit und scharfe Strukturen

Boris Giltburg spielt, unterrichtet von der Mutter, seit seinem fünften Lebensjahr Klavier, lebt in Tel Aviv, wo er auch seine Studien abschloss. Dann absolvierte er das übliche Pianisten-Wettbewerbsprogramm und eroberte mit Gastspielen von London, Wien und Leipzig bis Seattle, St. Petersburg und Buenos Aires die Konzertsäle. Sein Temperament und seine technische Brillanz nahm er mit interpretatorischem Geschmack in die Zügel, was seinem Spiel schnell individuelles Profil gab. Mit Werken von Prokofiev, Grieg, Liszt, Rachmaninow und Scriabin legte Giltburg ebenso überzeugende Statements auf CD ab.

Vom lange studioabstinenten Piano-Star Grigory Sokolov bringt das russische Melodiya-Label von Zeit zu Zeit ältere Live-Aufnahmen heraus, die stets hörenswert sind. Die im vergangenen Herbst erschienene Doppel-CD vereinigt Werke von Scriabin, tollkühne technische Zauberstücke von Strawinsky und Prokofiev, aber eben auch eine "Carnaval"-Version aus der Zeit, als Sokolov gerade mit 16 Jahren den Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb gewonnen hatte. Sokolov spielt seinen Schumann voll Teenie-Überschwang, angetrieben vom absoluten Willen, etwas Besonderes abzuliefern. Dabei wagt er viel, und es gelingen ihm Überraschungen.

Nur die für Schumann unabdingbare Übersicht bleibt bei Sokolovs jugendlichem Temperament noch ein wenig auf der Strecke. Ist wohl auch der Stimmungslage des Hörers geschuldet, welchen Ansatz man vorzieht. Hier geht Giltburg im Fotofinish als erster durchs Ziel. Derzeit ist Grigory Sokolov, wie in jedem Jahr, wieder auf Tournee, allerdings mit einem eher staatstragenden Programm (Bach, Schubert, Beethoven). Dennoch sollte man ihn nicht verpassen - schließlich kann niemand so wie Sokolov Bekanntes im Wortsinne unerhört darbieten.


CD-Angaben:
Robert Schumann: Carnaval, Davidsbündlertänze, Papillons. Mit Boris Giltburg, Piano. Naxos; 8,99 Euro.
Grigory Sokolov plays Schubert, Schumann, Chopin, Scriabin, Stravinsky, Prokofiev. Melodia; 16,79 Euro.



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Seite 1
kassandraa 08.03.2015
1.
Diese Ansprüche erfüllte Giltburg spielend ohne jede Spur von Anstrengung, mit einem virtuosen Rüstzeug, mit einer unglaublich differenzierten Anschlagskultur. Er kann seine Fingerkräfte so stark , er kann sie aber auch so federleicht einsetzen, dass der Anschlag wie eine zärtliche Liebkosung der Tasten erscheint.
vonwoderwestwindweht 08.03.2015
2. ***
Ich kenne einen Klavier-Professor, der fast jeden Studenten, der bei ihm Schumann mit "virtuosen Rüstzeug" (das haben die alle) erst mal in die Bücherei schickt, damit sie sich Bücher von E. T. A. Hoffmann, Heinrich Heine und Jean Paul ausleihen und vor allem LESEN, um zu verstehen, in welcher geistigen Welt Schumann unterwegs war und dass Schumann keine frühe deutsche Version von Rachmaninov war. Schumann sah sich selbst ebenso stark als Dichter wie als Komponist, der in sonderbaren Traumwelten unterwegs war und reale Menschen mit sonderbaren Phantasienamen bedachte. Diese sonderbare romantische literarische Welt, in der Spielzeug nachts lebendig wurde und ein Eigenleben führte - das war seine Welt und Inspiration. Es gibt Leute, die spielen die Davidsbündlertänze und Kreisleriana und wissen nicht, was die "Davidsbündler" und "Kapellmeister Kreisler" überhaupt waren. Da geht es schon los mit den fragwürdigen Interpretationen. Wenn man über diese Hintergründe nichts weiß, kann man zwar virtuos beeindrucken, wird aber Schumann nicht gerecht. Gibt erstaunlich viele hochgehypte Pianisten, denen Schumann in seiner bizarren, oft zerbrechlichen Welt zu "schwach" ist und künstlich mit allerlei Affektierereien aufgetrommelt werden muss, was sicherlich ein Fehler ist. Das liegt oft daran, dass der Bildungshintergrund fehlt, was schade ist. Eben jener Professor sagte auch mal einen sehr überlegenswerten Satz über Schumann "Schumann ist in seinen Gefühlen IMMER stark". Stark heißt NICHT laut und auch NICHT "brimboriös", sondern wirklich stark, im Sinne von einer Art Aufrichtigkeit im Gefühl. Das ist ein sehr überlegenswerter Gedanke, nicht zuletzt, weil es eine Absage ist an alle Affektiereien und künstliches Zusatzgehabe.
bothnian 09.03.2015
3. Einer, der es verdient hat!
Schön, dass hier ein Pianist gewürdigt wird, der es auch verdient hat und der nicht nur zu der "Stars und Sternchen"-Fraktion gehört. Giltburg ist einer der wenigen echten Künstler, die wir heute noch haben, während sich ein Großteil der heutigen Pianistinnen und Pianisten ja eher auf mechanisches Abspulen von Virtuosität selbst beschränkt. Giltburg zählt zu einer Liga mit Künstler/innen wie Ottavia Maria Maceratini, Pavel Kolesnikov, Danae Dörken: Die sind wirklich etwas besonderes, aber sie alle stehen zu wenig im Rampenlicht. Wenigstens Boris Giltburg scheint nun den Sprung nach vorn zu schaffen!
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