Bossa Nova wird 50 Ipanema für alle!

Vom Barsound zum Massenphänomen: Aus der Vermählung von Cool Jazz und Samba entstand Ende der fünfziger Jahre der Bossa Nova. Zum runden Jubiläum holt das legendäre Label Blue Note einige absolute Raritäten des Genres aus dem Archiv.

Von Knut Henkel


Heloisa Eneida Menezes Paes Pinto heißt die berühmteste Brasilianerin. Weit vor Supermodel Gisele Bündchen oder der omnipräsenten Sängerin Marisa Monte rangiert das einst unbekannte Mädchen vom Ipanema-Strand. Nie gehört? Das kann kaum sein, denn schließlich war es der wiegende Gang der damals 18-Jährigen, der Antonio Carlos Jobim und seinen Kumpel Vinícius de Moraes zum bekanntesten Song Brasiliens inspirierte.

Aus ihrer Feder stammt "A Garota de Ipanema" oder auf Englisch "The Girl from Ipanema" und der Edel-Evergreen sorgte dafür, dass der neue brasilianische Stil in den sechziger Jahren letztlich auch den Sprung über den großen Teich schaffte. Auch nach Deutschland schwappte die Bossa-Nova-Welle.

Nie wieder Sehnsucht

Bester Beleg ist der Schlager "Schuld war nur der Bossa Nova" von Manuela von 1963. Der hatte musikalisch kaum etwas mit dem neuen Sound, einem Kind von Cool Jazz und Samba, zu tun. Aber er setzte dem relaxten Sound aus der Neuen Welt ein - wenn auch kitschiges - Denkmal. Geboren wurde der Bossa Nova Ende der fünfziger Jahre in Brasilien.

Das Genre hat gleich eine ganze Reihe Väter, die für sich in Anspruch nehmen, auch bei der Geburt zugegen gewesen zu sein. Da ist zum Beispiel der französische Chansonier Henri Salvador zu nennen, der mit "Dans mon île" den angeblich ersten Bossa Nova schrieb. Von dem ließen sich, so will es die Legende, der bettelarme Barpianist Antonio Carlos Jobim und sein Dichterfreund Vinícius de Moraes inspirieren. Sie schrieben dem brasilianischen Barsänger João Gilberto den ersten Bossa Nova auf den Leib – "Chega de Saudade". Das Stück erschien 1958, und seine Veröffentlichung gilt als das offizielle Geburtsdatum der Gattung.

In Brasilien löste die Single, der wenig später ein Longplayer folgte, eine Revolution aus. "Es stellte sich heraus, dass keine andere brasilianische Platte so viele Menschen dazu inspirierte, zu singen, zu komponieren oder ein Instrument – genauer gesagt: Gitarre – spielen zu wollen", schreibt der Journalist Ruy Castro in seinem Standardwerk zum Bossa Nova. Das erschien in Brasilien unter dem Titel "Chega de Saudade" (zu deutsch: Nie wieder Sehnsucht).

Sehnsucht nach dem coolen Sound aus Brasilien, der letztlich aus der Fusion der an die Leine gelegten Samba Canção und einer gehörigen Portion Cool Jazz entstand, ergriff nicht nur die Brasilianer wie ein Fieber, sondern auch US-amerikanische Jazzgrößen wie Stan Getz und Charlie Byrd. Die kamen, nachdem sie den zweiten Bossa-Meilenstein, den Soundtrack zum Film "Orfeu Negro" von Jobim und Luiz Bonfá gehört hatten, in Rio de Janeiros Künstlerviertel. Dort lebten die kreativen Köpfe des Bossa Nova, und es dauerte nicht lange, bis sich die Amerikaner mit dem Bossa-Virus infizierten, der sich in den Bars und Cafés der Stadt längst durchgesetzt hatte.

Getz, dem amerikanischen Tenorsaxophonisten, war es dann vorbehalten, für den Bossa-Nova-Durchbruch in den USA zu sorgen. Er lud Jobim und Gilberto nach New York ein, um im legendären Studio des Plattenlabels Verve ein Album aufzunehmen. Dabei wurde auch "The Girl from Ipanema" eingespielt – in Englisch gesungen und interpretiert von João Gilbertos Frau Astrud. Der Hit, nach "Yesterday" von den Beatles das weltweit meistgespielte Stück, brachte den Bossa-Boom zum Sieden. In den USA, wo Jobim und Gilberto nach dem Militärputsch von 1964 in Brasilien lebten, rissen sich die Stars von Frank Sinatra bis Ella Fitzgerald darum, mit den Bossa-Großmeistern zusammenzuarbeiten.

Der Bossa Nova war in den Kanon der internationalen Musikkultur aufgenommen worden. Und dort sorgt der groovende Sound, dessen Markenzeichen neben dem wispernden Gesang eine virtuose akustische Gitarre und der zurückhaltende Clave-Beat sind, bis heute für exzellente Unterhaltung.

Opulentes Geburtstagsständchen

Jüngstes Beispiel für die Bossa-Aktualität ist außer den Erfolgen von Brasilectro bis Nouvelle Vague das neue Album von Brasil-Mastermind Milton Nascimiento. Der ist zum 50. Geburtstag des Bossa Nova mit den Jobim-Söhnen ins Studio gegangen, um sich sowohl vor dem charmanten Sound als auch vor dem kongenialen Duo zu verneigen, das den zu verantworten hat.

Dem steht auch das legendäre Blue Note-Label nicht nach: Pünktlich zum Geburtstag wurden 13 überaus seltene Klassiker neu aufgelegt. Aus den Tiefen des Archivs wurden Highlights wie die Aufnahmen von Schlagzeug-Ikone Milton Banana und seinem gleichnamigen Trio oder von Luis Bonfá und Elza Soares zu Tage gefördert. Mit dabei ist auch der Bossa Nova-Soundtrack von Jobim und Luiz Bonfá zu "Orfeu Negro".

Abgerundet wird die Geburtstagsserie mit einer umfangreichen Compilation. Unter den 45 Titeln finden sich nicht nur die einschlägigen Verdächtigen wie Lou Rawls, der das "Girl from Ipanamea" interpretiert, sondern auch Musikerinnen wie Stacey Kent, die den Bossa Nova erst jüngst für sich entdeckt haben. Eine Tatsache, die dem opulenten Geburtstagsständchen zusätzlichen Charme verleiht und sicherlich auch Heloisa Eneida Menezes Paes Pinto freuen würde. Die Frau, der der Bossa Nova den Durchbruch zu verdanken hat, betreibt heute eine Boutique in der Nähe des Stadtstrandes von Rio.



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