Top-Dirigent Nelsons Der Schattenmann für Schostakowitsch

Dass Dmitrij Schostakowitsch unter Stalin zu leiden hatte, änderte nichts an der Qualität seiner Werke. Andris Nelsons beginnt jetzt einen Zyklus mit Schostakowitschs Musik aus dieser Zeit - und raubt einem den Atem.

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Zweimal abgeblitzt, aber kein Grund zur Sorge. Nachdem weder die Berliner Philharmoniker noch die Macher vom Lucerne Festival Andris Nelsons ein Leitungs-Angebot machten, bleibt der lettische Dirigent seinem Boston Symphony Orchestra treu, an das er sich ja erst im August 2015 weiter gebunden hatte - bis 2022.

Gut so, denn wenn man seine jüngste Schostakowitsch-Aufnahme mit dem amerikanischen Top-Orchester zum Maßstab nimmt, musiziert Nelsons derzeit am optimalen Ort. Bei diesem Schostakowitsch stimmt alles, nicht nur die Präzision, sondern auch der Enthusiasmus. Da trübt nicht einmal das düstere CD-Motto "Unter Stalins Schatten" den glänzenden Eindruck.

Marketing regiert auch hier, und man ahnt es: Dieser Schostakowitsch soll in Serie gehen.

Tief konzentriert und lächelnd

Und live in concert, wie diese Aufnahme entstand, klingt es gleich noch mal so überzeugend: Wer einmal erlebt hat, wie Andris Nelsons tief konzentriert, aber stets lächelnd mit fordernden Gesten beim Dirigieren förmlich ins Orchester greift, als ob er den Klang selbst formen will, den wird die Intensität seiner Schostakowitsch-Interpretation kaum überraschen.

Die 10. Symphonie, erst nach Stalins Tod 1953 uraufgeführt, bündelt so viele gegensätzliche Emotionen, dass Forscher und Fans sie gern als eine Verarbeitung von Schostakowitschs existenziellen und künstlerischen Nöten unter der Herrschaft des mörderischen Sowjetführers nahmen. Zu forsch interpretiert, wie häufig, wenn Leben und Kunst als deckungsgleich wahrgenommen werden.

Mit seinem Ideenreichtum hatte Schostakowitsch selbst in dunkelsten Zeiten sogar die Kulturdiktatoren seiner Heimat getäuscht, als er - etwa in der 5. Symphonie - die Vorgaben gleichzeitig bediente und dennoch sanft karikierte. Der Künstler war den Politkommissaren überlegen - was ihn allerdings nicht vor Ängsten um Leib und Leben bewahrte.

Der verhaltene Beginn der "Zehnten" signalisiert Nachdenklichkeit, vorsichtiges Reflektieren und in Teilen fast optimistische Ausbrüche. Dennoch herrscht weitgehend ein klangliches Bild von Beklemmung in dichten Klangstrukturen vor. Sorgfältig gestaltete Schostakowitsch diesen Kopfsatz, für den sich Nelsons und seine Bostoner über 25 Minuten Zeit nehmen. Alle Details bekommen Gewicht, mit größter Klarheit leuchtet Nelsons die Themen aus, baut wie mit kreiselndem Sog die Spannung auf, die sich in der Mitte des Satzes entlädt.

Idylle und Ekstase

Danach sinkt langsam wieder die Nacht der schleichenden Melancholie herab. Das kann man schon als mental-klangliches Porträt des Komponisten sehen, zumindest wenn man Andris Nelsons' schlüssiger Dramaturgie folgt.

Das Boston Symphony Orchestra, in den USA als eines der "großen fünf" unter den Klangkörpern gefeiert, kann diese Präzision mit jener scheinbaren Leichtigkeit und Eleganz aufbieten, wie Andris Nelsons sie sich wünscht.

Diese mitreißende Präzision realisieren die Streicher des Ensembles anschließend im kurzen Allegro, bevor die Bläser übernehmen und es so richtig krachen lassen. Es wirbelt, schmettert, fetzt fast rücksichtslos - Stalins Wesen stand wohl Pate bei der Gestaltung dieses zügellosen Ausbruchs. Themen daraus tauchen auch im sanfteren dritten Satz wieder auf und konterkarieren seine mitunter tänzerisch träumende Idylle.

Auch im vierten Satz arbeitet sich Schostakowitsch erst durch ein düsteres Andante zum rhythmisch scharf akzentuierten Allegro vor, das nach mehreren Anläufen vom ekstatisch aufrauschenden Orchester buchstäblich mit Pauken und Trompeten gekrönt wird. Ein Befreiungsschlag, man atmet ordentlich durch und fühlt sich ein klein wenig wie Schostakowitsch, der nach eigenen Angaben das Werk in drei Monaten 1953 komponierte - nachdem Stalin im März gestorben war und Schostakowitsch seit acht Jahren keine Symphonie geschrieben hatte.

Pikante Beigabe: Nelsons und die Bostoner eröffnen die CD mit der knackigen Passacaglia aus Schostakowitschs zunächst erfolgreicher Oper "Lady Macbeth von Mzensk", jener Oper, deren Moskauer Aufführung 1938 Stalin entsetzte. Nach gelenkten Verrissen der Aufführung verschwand sie von allen Spielplänen. Erst im folgenden Jahr gelang es Schostakowitsch, die Funktionäre mit seiner raffinierten 5. Symphonie wieder zu besänftigen.

Die Live-Aufnahme von op. 93 entstand in Boston im April 2015 und soll den Auftakt für weitere Aufnahmen mit Nelsons und seinem Orchester sein, die Symphonien 5 bis 9 sollen folgen. Premiere gelungen, darf man sagen - und dafür gibt einen Tusch fürs Ensemble und den jugendlichen Chef. Weiter so!

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