Boyband-Fanatismus: "Wir konnten das Verliebtsein üben"

Von

Das Ende der britischen Boyband Take That vor zehn Jahren ließ viele Fans verzweifeln: "Es wird schwer, ohne Take That weiterzuleben", schrieben die Teenager-Freundinnen Angela und Heidi damals einer Zeitung. SPIEGEL ONLINE hat sie besucht.

Stuttgart - Natürlich leben sie noch. Vor zehn Jahren, in ihrem Brief, schien die Zukunft keine Chance zu haben: "Wir durchleben schreckliche Tage", schrieben die damals 16-jährigen Mädchen Angela und Heidi der "Stuttgarter Zeitung", "wir haben Kontakt zu anderen Fans und wissen, dass für sie - und natürlich auch für uns - eine Welt zusammenbricht. Auch von ihnen sind viele selbstmordgefährdet, und wir hoffen, dass sie diese Tragödie einigermaßen verkraften. Also Caro, Anke, Sara und alle anderen, seid vernünftig." Es ist eine Botschaft an alle schockierte Fans. Es ist die Reaktion auf zerstörte Mädchenträume. Es ist Tag vier nach der Trennung von Take That.

Mitte der neunziger Jahre präsentierte Manager Nigel Martin Smith dem deutschen Musikmarkt fünf zuckersüße Jungs, die auszogen, um die europäische Antwort auf die erfolgreiche amerikanische Boyband New Kids on the Block zu werden und tatsächlich: Schon nach kurzer Zeit eroberten Take That mit Schmachtfetzen wie "Back For Good" oder "Babe" die Herzen der anvisierten Zielgruppe.

Take That waren die wohl erfolgreichste Musikgruppe Großbritanniens seit den Beatles. Doch nach mehreren Nummer-eins-Hits und vielen ausverkauften Tourneen forderte die jahrelange Akkordarbeit und der Streit innerhalb der Band ihren Tribut. Als schließlich das jüngste Bandmitglied, Robert Peter Williams, Soloambitionen anmeldete, zerbrach die Band vollkommen. Er, Robbie, ist der einzige, der die Byoband-Hysterie überstanden hat und erfolgeich Platten veröffentlicht.

Frühjahr 2006. Angela Zuckschwerdt sitzt auf dem Sofa ihrer Stuttgarter Wohnung und zerknautscht mit dem rechten Arm ein abgewetztes Kopfkissen. Mit rotem Faden sind dort die Initialen "TT" in den schwarzen Stoff eingewebt. In der linken Hand hält sie ihren alten Leserbrief. Neben ihr sitzt Heidi Roloff. Sie hat das Dokument der Teenager-Angst seinerzeit mitverfasst.

Hallo Welt, hier trauert Stuttgart

Zehn Jahre sind seit den schrecklichsten Tagen ihres Lebens vergangen. Zehn Jahre nach verständnislosen Eltern, spottenden Medien und der Veröffentlichung ihres herzzerreißenden Appells. Angela Zuckschwerdt schämt sich nicht für den Brief. Sie ist jetzt 26 Jahre alt und Krankenschwester. In ihrem Badezimmer hängt ein Handtuch mit dem Logo der britischen Boyband, und an ihrer Eingangstür hängt ein Poster: Mark Owen, Robbie Williams, Gary Barlow, Howard Donald und Jason Orange sind noch immer allgegenwärtig. Ihre erste große Liebe war Take That.

Angela und Heidi wollten ein Zeichen setzen: Hallo Welt, hier trauert Stuttgart! Sie wollten ihren vielen verzweifelten Brieffreundinnen Mut zusprechen, auch wenn die meisten von ihnen gar nicht die "Stuttgarter Zeitung" lasen. Sie konnten es nicht ertragen, dass ihr Musiklehrer über das Ende ihrer Lieblingsband thriumphierte. "Endlich ist es vorbei", habe damals der genervte Pädagoge gesagt, erinnert sich Angela.

Damals, Frühjahr 1996, löste der Abschied der Popgruppe europaweite Teenie-Krisen aus. Enttäuschte Fans versammelten sich zu Massenprotesten, der Musiksender Viva strahlte Sondersendungen aus, und bei der Jugendzeitung "Bravo" musste sich ein ganzes Team mit Anrufen verzweifelter Fans befassen.

"Ich habe nie wieder so eine Leidenschaft entwickeln können", sagt Heidi Roloff heute. Sie ist mittlerweile Erzieherin und Mutter eines 16 Monate alten Sohns. Die Trennung von Take That überwand sie trotzdem schnell. Die Verlassene tröstete sich mit einem musikalischen Gegensatz. Die Großmäuler der Rapband Rödelheim Hartreimprojekt waren ihre neuen Helden, die alten Lieder schnell vergessen.

Jetzt hört Roloff, die leidenschaftlich Rollenspiele im Internet spielt, fast nur noch mittelalterliche Musik. Von der Pop-Welt der neunziger Jahre hat sie sich inzwischen Jahrhunderte entfernt. Auch mit ihrer ehemaligen Schulfreundin Angela hat sie nicht mehr viel zu tun. Seit drei Jahren hatten die beiden keinen Kontakt mehr. Ohne Take That fanden sich keine gemeinsamen Interessen mehr.

"Ich bin der Popkultur treu geblieben", sagt Angela Zuckerschwerdt, und es klingt fast wie eine Entschuldigung für fehlende musikalische Weiterentwicklung. Neben ihrer Stereo-Anlage liegen CDs der Söhne Mannheims und des Schmusepoppers Sasha. An den Wänden hängen Poster und Sammelkarten der "Herr der Ringe"-Trilogie.

"An Take That konnten wir das Verliebtsein üben"

Beide sind noch einmal in den Keller gegangen und haben Erinnerungsstücke hervorgeholt: eine Eintrittskarte für das Take-That-Konzert in der Stuttgarter Schleyer-Halle, ein Schulreferat mit liebevollen Buntstiftzeichnungen, Hunderte von Fotos, sauber abgeheftete Zeitungsausschnitte und Klebe-Tattoos aus der "Bravo".

"Wir haben unser gesamtes Taschengeld für Take That ausgegeben, hatten sämtliche Jugendmagazine, Poster, CDs - alles", sagt Angela. Die gesammelten Fanartikel werden behandelt wie die Briefe eines verflossenen Verehrers. "An Take That konnten wir das Verliebtsein üben", sagt Heidi. Doch wenn die Angebeteten eine beliebte Boyband sind, macht es das Üben nicht unbedingt leichter. Ständig bekamen sie zu hören, ihre Traumboys seien nicht echt, zusammengecasted, affektiert - und sowieso alle schwul.

Nachdem die beiden Freundinnen in einer Unterrichtspause den Trauerbrief geschrieben hatten, gingen sie demonstrieren. Ganz klassisch bastelten sie für ihre fünf Lieblinge ein riesiges Plakat und pinselten abgewandelte Take-That-Songtitel auf Pappe: "Please come back for good" und "Relight my fire" stand dort zu lesen. Vor der Schleyer-Halle protestierten sie gegen die Trennung. Es regnete an diesem Tag, und die vorbeihastenden Passanten lachten. Stuttgart hatte kein Herz für trauernde Popfans. Das Ende der ersten großen Liebe ist immer ein brutaler Schmerz.

Robbie Williams wird nicht kommen

Wenn die jungen Frauen heutzutage Anhänger ähnlich geformter Bands wie die deutsch-amerikanische Gruppe US 5 sehen, dann zeigen sie Verständnis: "Ich denke dann immer: Wir waren genauso", sagt Heidi Roloff, "nur vielleicht nicht so extrem."

Vor wenigen Wochen kündigten vier ehemalige Mitglieder von Take That eine Reunion-Tour an. Nur Superstar Robbie Williams wird nicht kommen. Angela Zuckschwerdt und Heidi Roloff auch nicht. Das Ende von Take That war auch das Ende ihrer Jugendzeit. Das Ende ihrer Freundschaft. "Die Zeit ist einfach vorbei", sagt Heidi Roloff.

Angela Zuckschwerdt hört sie manchmal noch, die alten Lieder. Dann legt sie "Never Forget" oder die Bee-Gees-Coverversion "How Deep Is Your Love" in den CD-Player. Eine Gemeinsamkeit ist Angela und Heidi nach all der Zeit geblieben. Nach jahrelanger Dauerberieselung können sie noch immer alle Texte von Take That auswendig mitsingen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Take That - zehn Jahre danach: Die Boys und die Fans