Brasilianischer Pop-Export CSS Lass die Highheels an, Lovefoxxx!

Ihr Bandname bedeutet "Müde, sexy zu sein", und nun sind sie es wirklich: Die brasilianische Elektro-Rockband CSS hat genug vom Medien-Hype. Auf ihrem zweiten Album gibt sich die Gruppe betont erwachsen. Schade!

Von Thomas Winkler


Das Leben als Sexsymbol hat auch seine Schattenseiten. Fragen wir doch mal Luísa Hanaê Matsushita, die sich nicht umsonst das an billige Pornos erinnernde Pseudonym Lovefoxxx zugelegt hat. "Ich liebe Highheels", stöhnt sie, "aber ich kann in den Dingern einfach nicht laufen".

Das hochhackige Gehen ist zum Glück nicht ihre vornehmste Aufgabe. Als Frontfrau von CSS soll sie vor allem singen, sich bei den bereits legendären Live-Auftritten der brasilianischen Band auf der Bühne herumwälzen und, nicht zuletzt und vor allem, gut aussehen. Denn seit die Gruppe von der britischen Musikpresse entdeckt wurde und zudem nach London gezogen ist, ist Lovefoxxx vornehmlich damit beschäftigt, ihre Rolle als Aushängeschild eines der heißesten Elektropunk-Acts auf der Insel angemessen auszufüllen.

Dieser Rolle allerdings scheint Matsushita nun allerdings überdrüssig geworden zu sein. Zum Gespräch über "Donkey", das zweite Album ihrer Band, im Foyer eines Berliner Hotels erscheint die Sängerin in eher schlabbrigen Jogginghosen, die langen, schwarzen Haare noch vom Bett zerzaust. Ja, klar, es sei schon cool, eine Mode-Ikone zu sein, stöhnt die an diesem Morgen eher Derangierte, während ihr silberner Nagellack leise abblättert, "aber ich fühle mich kein bisschen wie ein Sexsymbol. Es ist doch so: Alle, die in den Medien auftauchen, können zum Sexsymbol werden".

Sie immerhin prangte allerdings erst kürzlich auf dem Cover des brasilianischen Modemagazins "RG Vogue". Auch die für ihren hysterischen Hype bekannten Musik-Weeklys aus London stürzten sich wie Verdurstende auf den Import aus dem exotischen Brasilien. Nicht nur bot die Band einen atemberaubenden Anblick; nicht nur hatte der Erfolg von CSS mit einem offenherzigen Fotoblog von Lovefoxxx im Internet begonnen; nicht nur parlierten sie in Songs wie "Paris Hilton" respektlos über Prominente; nicht nur versorgte die 24-Jährige den Boulevard mit zusätzlichem Stoff, indem sie eine Affäre mit dem Klaxons-Gitarristen Simon Taylor-Davis begann: Auch musikalisch bot der piepsige, bisweilen erschütternd dünn produzierte Elektropop ihres 2005 in Brasilien erschienenen und vor zwei Jahren noch einmal im Rest der Welt veröffentlichten Debüts eine Alternative zum Britpop-Einheitsbrei.

Instrumente konnte keiner spielen

Nun allerdings scheint es so, als wollten Lovefoxxx, Adriano Cintra, der Bassist und musikalische Kopf der Band, und die sich an Gitarre oder Schlagzeug abwechselnden Luiza Sá, Carolina Parra und Ana Rezende endlich das Versprechen einlösen, das der Bandname schon immer gab. Schließlich steht CSS für "Cansei de Ser Sexy", übersetzt: "Müde, sexy zu sein", angeblich ein Zitat von Beyoncé Knowles.

Bislang waren CSS zwar genau das Gegenteil: ziemlich sexy, jetzt aber ist alles anders: "Donkey" verabschiedet sich musikalisch vom Nu Rave, von der Elektronik, ja eigentlich sogar von England. Fast scheint es, als wollten CSS die Platte machen, die zu ihrer Plattenfirma passt. Schließlich war es SubPop, das Label aus Seattle, das einst den Grunge-Rock von Nirvana und Konsorten erfunden hat, die CSS vor drei Jahren entdeckten und noch heute veröffentlichen.

Lovefoxxx allerdings macht anderes für den Stilwechsel verantwortlich. "Am Anfang", erinnert sie sich, "hatten wir zwar unsere Band gegründet und propagierten sie über unseren Fotoblog, aber wir waren ja noch nie aufgetreten. Wir hatten ja noch nicht einmal Songs." Alle sechs Gründungsmitglieder, fünf Frauen und ein - homosexueller - Mann, trafen sich auf der Kunsthochschule, verdienten ihr Geld mit Computerjobs und verkündeten, eigentlich sei nicht São Paulo ihre Heimat, sondern eher das Internet. Ein Instrument konnte keiner spielen, und das Debütalbum wurde im Schlafzimmer von Bassist und Produzent Cintra eher amateurhaft "einfach zusammengeklopft", wie Lovefoxxx meint. Für die neue Platte habe man sich erstmals ein vernünftiges Studio leisten können und zudem durch die vielen Live-Auftritte in den vergangenen beiden Jahren endlich gelernt, mit den Instrumenten umzugehen. "Wir sind jetzt eine richtige Band", verspricht die Sängerin.

Billig, aber naiv - das war einmal

Und diese Band macht richtige Rockmusik. Und schreibt Songs übers Feiern ("Let's Reggae All Night"), über die Sehnsucht nach der nächsten Sommerliebe ("Give Up") und über jugendliche Richtungslosigkeit ("How I Became Paranoid"). Aber auch über Manager, die einen übers Ohr hauen wollen ("Rat is Dead"), und die Schulden, die sie einem hinterlassen ("Left Behind").

Die Songs von CSS sind schwer autobiografisch. Vor allem die beiden Stücke über den treulosen Manager Eduardo Ramos, von dem sich die Band im April trennte. Gehen musste auch dessen Lebensgefährtin, die damalige Bassistin Ira Trevisan. Das Paar habe in Saus und Braus gelebt, sich eine Wohnung in Paris gemietet, "und wir hatten nicht mal Geld, um zum Arzt zu gehen", erzählt Lovefoxxx. Die Wut, die auf dem Album zu hören sei, sei nicht zuletzt Folge dieses Zerwürfnisses, das mittlerweile die Anwälte beschäftigt.

Man könnte auch sagen: CSS sind erwachsen geworden. Vorbei die Zeiten, in denen ihr Sound vielleicht billig klang, aber dafür auch bezaubernd naiv. Die das Debütalbum beherrschende Elektronik ist nahezu völlig verschwunden, übrig bleibt eine Rockband aus Brasilien, die mitunter drei Gitarren gleichzeitig einsetzt, um einen böse dräuenden Soundwall zu errichten, der aber immer etwas ungelenk wirkt, ironisch gebrochen vielleicht, wenn man's positiv sehen will.

Vielleicht klappt es dank der neuen Härte ja endlich mit dem Erfolg in Südamerika. Gerade mal ein paar tausend CDs habe man in Brasilien vom ersten Album verkauft, die Aufregung über CSS im fernen Europa hat bislang noch nicht zurückgestrahlt in die alte Heimat. In São Paulo, erzählt Lovefoxxx, erkennt sie niemand auf der Straße, kaum jemand dreht sich nach ihr um. Dafür müssten dann wohl doch wieder die Highheels zum Einsatz kommen.


CSS: "Donkey" (SubPop/Cargo) ist am 25. Juli erschienen



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