Rap-Star Emicida: "In Brasilien geht nichts ohne Korruption und Betrug"

Rapper Emicida: Mit HipHop gegen das System Fotos
Corbis

Massenproteste gegen die Fußball-WM: Warum gerade jetzt? Im Interview spricht der brasilianische HipHop-Star Emicida über die Gründe für die Ungerechtigkeit in seinem Land und wie er dagegen ansingt.

SPIEGEL ONLINE: In Brasilien wächst die Wirtschaft wie nie zuvor, mit Fußball-WM und Olympia stehen absolute Mega-Events an. Denken Sie, das ist gut für alle Brasilianer?

Emicida: Ich mag große Events eigentlich sehr. Es ist phantastisch, wenn verschiedene Menschen und Kulturen zusammenkommen. Was mich aber immer wieder erschreckt, ist die schlimme Korruption, die damit verbunden ist. Das ist das große Problem: Nichts geht ohne Korruption und Betrug. Für die Ausländer, die als Gäste kommen, ist es eine coole Reise: Sie tanzen Samba, machen Slumtouren und lernen Capoiera. Aber eigentlich ist das verlogen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Emicida: Unsere Schulen im Land sind miserabel ausgestattet, die Krankenhäuser eine Katastrophe, die Polizei killt Leute, wie sie gerade Lust hat, und der Staat hält sich nicht an Gesetze. Ich bin Brasilianer, ich liebe Fußball, aber ich möchte, dass die Regierung auch die Vorraussetzungen schafft, dass es allen Brasilianern in ihrem eigenen Land gutgeht. Und nicht nur den Ausländern, die für ein paar Wochen hier zu Gast sind.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich nicht beides miteinander verbinden?

Emicida: Sicher, aber wenn ich mir die Realität ansehe, bin ich da sehr skeptisch. Das Geld der Welt kommt hierher, die Reichen und die Mittelschicht haben ihren Spaß damit, aber die, die weinen und verzweifeln, die werden auch weiter weinen und verzweifeln - so geht es in Südamerika seit 500 Jahren. Mein großes Vorbild Tupac Shakur meinte einmal: "Some things never change". Und so ist es leider: Die Ungerechtigkeit wird bleiben. Wir werden unserer Selecão zujubeln - aber danach werden die meisten meiner Landsleute weiter weinen und hungern.

SPIEGEL ONLINE: Welche Probleme hat Brasilien noch?

Emicida: Rassismus, Ausgrenzung, Vetternwirtschaft. Es gibt keinen Wohlstand ohne Korruption und Lügen. Das ist auch die traurige Wahrheit der WM. Und Korruption herrscht nicht nur in der Politik, die ganze Gesellschaft ist davon durchsetzt. Aber das schlimme ist, dass das im Kapitalismus immer so ist. Der Kapitalismus ist das Problem.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile ist HipHop neben dem schnellen Baile-Funk, der aus den Favelas kommt, der beliebteste Musikstil in Brasilien. Kann HipHop dazu beitragen, die Lage in Brasilien zu verbessern?

Emicida: Es ist doch so: Geschichtsunterricht ist interessant, aber Bücher erzählen fast immer nur die Geschichte der Weißen und der Wohlhabenden. HipHop aber erzählt unsere Geschichte, die der Ausgegrenzten und Abgeschobenen. Ikonen wie Zumbi dos Palmares erzählen unsere Geschichte im Samba. Samba erzählt vom Leiden und von der Freude der Brasilianer, und im HipHop möchte ich das ebenfalls aufnehmen. HipHop hat eine gewaltige Kraft hierzulande - um Dinge zum Besseren zu verändern und um Menschen eine Stimme zu verleihen.

SPIEGEL ONLINE: Auch US-Rapper singen oft über diese Missstände. Sind Sie von ihnen beeinflusst?

Emicida: Der US-HipHop ist unser aller großes Vorbild. Wir in Südamerika haben uns daran orientiert, haben unsere Spices dazugepackt und so unseren eigenen Stil entwickelt. Ich denke, das ist das Coole: HipHop ist weltweit ein Ding - aber überall ganz unterschiedlich.

SPIEGEL ONLINE: Der brasilianische HipHop wurde im ländlichen, schwarzen Nordosten und in den Favelas des Landes geboren. Was zeichnet ihn stilistisch und musikalisch aus?

Emicida: Die Poesie ist unser Grundmotiv. Brasilien ist ein literarisches Land, Gedichte und alltägliche Sentimentalität gehören zu unserem Kulturgut, gerade bei der Landbevölkerung. Moderne Musik ist die großartige Weiterentwicklung der Ausdrucksformen dieser reichen Gefühlswelt. Der HipHop kam nicht nach Brasilien, wir haben ihn für uns entdeckt, vor allem in den Ghettos. Wir haben versucht, ihn mit unserer Lebenswelt zu synchronisieren, lokale Musik-Styles beeinflussten sich gegenseitig. Ich finde das großartig, das ist sehr speziell am HipHop in Lateinamerika. Wir, die Armen, geben uns selbst unsere Musik, um unser Leid auszudrücken - aber auch unsere Wünsche für die Zukunft.

Das Interview führte Marcel Malachowski

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Brasilien nicht systembedingt korrupt
raber 19.06.2013
Die Antworten vom Rap-Star Emicida finde ich zutreffend für Brasilien mit Ausnahme, dass es Schuld des Kapitalismus sei. Korruption, Vetternwirtschaft und Betrug gibt es genauso in Kuba, Nord-Korea, China, Venezuela usw. Nicht zu vergessen damls die Sovietunion und DDR. Leider haben sich weltweit die Wertvorstellungen geändert und jetzt ist Geld zu haben das Ziel einer immer grösser werdenden Mehrheit und die Mittel dies zu erreichen immer unmoralischer. Viele ausländische Firmen verdienen an der Korruption mit und sind Akteure.
2.
testthewest 19.06.2013
Zitat von sysopMassenproteste gegen die Fußball-WM: Warum gerade jetzt? Im Interview spricht der brasilianische HipHop-Star Emicida über die Gründe für die Ungerechtigkeit in seinem Land und wie er dagegen ansingt. Brasiliens Rapper Emicida setzt sich gegen Ungerechtigkeit ein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/brasiliens-rapper-emicida-setzt-sich-gegen-ungerechtigkeit-ein-a-906589.html)
Das Grundproblem seit ihr selber. Wieso warten die Armen auf jemand, der sie rettet? Wieso muss der Staat alle retten? Gut, schafft den Kapitalismus ab, wenn ihr wirklich glaubt der Mensch sei anders. Führt ein, was immer ihr glaubt das funktioniert - es wird sowieso scheitern. Habt ihr eure Politiker nicht gewählt? Gibt es niemand der integer ist, den ihr wählen könnt? Es ist das übliche Geheule ohne realistische Lösungsvorschläge und ohne wirkliche eigene Aktion - some things will never change! Denn wenn er wirklich was für sein Land und Leute tun will, sollte er sich selber zur Wahl stellen - immerhin scheint er dort ja bekannt zu sein!
3.
carahyba 19.06.2013
Zitat von testthewest... Habt ihr eure Politiker nicht gewählt? Gibt es niemand der integer ist, den ihr wählen könnt? Es ist das übliche Geheule ohne realistische Lösungsvorschläge und ohne wirkliche eigene Aktion - some things will never change! Denn wenn er wirklich was für sein Land und Leute tun will, sollte er sich selber zur Wahl stellen - immerhin scheint er dort ja bekannt zu sein!
Die Aktion ist in Gang gekommen, Sie scheinen es nicht bemerkt zu haben, deshalb verfehlt der Kommentar auch das Thema. Im Gegensatz zu Ihnen kenne ich das brasilianische Wahlgesetz, das Parteiengesetz, welches zum x-ten Male vor Kurzem geaendert wurde und deren vielfaeltigen Gestaltungsmoeglichkeiten. Diese muessen geaendert werden und die korrupten Eliten, die sich mit diesen und anderen Instrumenten an der Macht halten. Dann macht es auch Sinn sich demokratisch zur Wahl zu stellen. Ihre Ratschlaege wirken laecherlich, oder Sie wissen nicht worueber Sie reden. In Brasilien haben die Abgeordnetensitze in den "municipios", den Parlamenten der Bundesstaaten und im Unionsparlament festgelegte Preise, diese Preise werden von "Dritten" gezahlt.
4. optional
big t 19.06.2013
Naja, meckern auf hohem Niveau. Wenn in Deutschland die Korruption auf einem derart niedigen Niveau wäre, wie in Brasilien, gäbe es weder Staatsverschuldung, Bildungsschere oder sonstiges. Soll der Herr doch mal hierhin kommen und sehen, was hier für Gelder verschoben werden um unsinnige Bauprojekte durchzusetzen etc. Allein Stuttgart 21 sind doch insgesamt 20 Milliarden und mehr, die als reine Korruption und Bestechung gewertet werden müssen, denn Nutzen hat das Projekt aus den 1980er Jahren heutzutage wohl eher nicht, oder? Oder jeder möge in sein iegenes Dörfchen schauen, wenn eine Straße sarniert wird um sie direkt im Anschluss für irgendetwas wieder aufzureißen, das man hätte sofort miterledigen können, woran dann aber niemand zusätzlich verdient hätte. Da gehen in jedem 1000 Seelenkaff doch jährlich Millionen an Bestechungsgeldern durch.
5. @testthewest
anonimus 19.06.2013
Ich kann nicht glauben, dass ich das gerade wirklich gelesen habe. Sie sind sich schon darüber im Klaren, dass angesichts einer korrupten Staatsmacht der einzige Ausweg für die Bevölkerung die Ausübung von roher Gewalt ist? Welche übrigens gerade durch Massenproteste und Demonstrationen schon im Vormarsch ist. Ist das Ihre Idee von "Veränderung herbeiführen"? Und ja, wenn ich Politikern meine Stimme gebe und ihnen mittels meiner Steuerzahlungen ekelhaft überzogene Gehälter zahle, dann haben diese bitteschön für MICH zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass sich meine Lebenssituation verbessert. Leute wie Sie machen die Welt jeden Tag ein bisschen grausamer. Schämen Sie sich!
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Zur Person
Rapper Emicida, 1985 im ländlichen Nordosten Brasiliens geboren, wuchs in den Favelas von São Paulo auf. Sein Debütalbum "Pra Quem Já Mordeu um Cachorro por Comida Até que eu Chegue Longe", das es lediglich als Tape auf der Straße zu kaufen gab, machte ihn 2008 stadtbekannt und verhalf ihm zu einem Auftritt beim nationalen Fernsehsender Globo TV.
  • 2010 erschienen die ersten beiden professionellen Alben "Sua Mina Ouve Meu Rep Tamem" und "Emicídio". 2011 folgte eine erfolgreiche Südamerika- und USA-Tour.
  • Emicida beteiligt sich immer wieder am politischen Diskurs des Landes, sei es als Musiker, Blogger oder Teilnehmer von Diskussionsrunden. Mit einer Kampagne für das Raubkopieren und gegen die Major-Labels verärgerte er im vergangenen Jahr die Musikindustrie. Seit der Kontroverse wurde die Textzeile eines seiner Songs, "Fodase voces, fodase suas leis!" (Fickt euch und eure Gesetze!), zu einem Schlachtruf der aktuellen Protestbewegung.
In diesem Jahr ist Emicida auf Tour durch die USA und Europa. Am 21. Juni spielt er in Frankfurt, am 22.6. in Zürich.

Fläche: 8.514.877 km²

Bevölkerung: 196,526 Mio.

Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff

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