Bratschist Nils Mönkemeyer Fünf Kantaten für ein Halleluja

Mit der Bratsche wird man selten berühmt. Nils Mönkemeyer spielt sie aber so gut, dass manche Geiger neidisch werden. Obendrein pflegt er ein originelles Repertoire - höchste Zeit für ein Comeback der oft verachteten Viola.

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Manche Klassikfans rümpfen die Nase, wenn das Thema Bratsche anklingt: Angeblich flüchten sich weniger talentierte Geiger zur Bratsche, im Orchester spielt die Viola als Füllstimme nur die dritte Geige, und obendrein gibt es kaum achtbare Solo-Kompositionen für das Instrument.

Um all das kümmert sich der junge Bratschenvirtuose Nils Mönkemeyer wenig, denn wie Paul Hindemith, Johann Sebastian Bach oder Benjamin Britten liebt er sein Instrument. Er kennt es eben besser als die Nörgler. Was man nicht nur seinem Spiel, sondern auch seinem Gespür für Repertoire-Ideen anmerkt.

Für seine neue CD "Weichet nur, betrübte Schatten" hat er sich die Komponisten Antonio Rosetti (1750-1792) und Franz Anton Hoffmeister (1754-1812) vorgenommen: beide zu ihrer Zeit hoch angesehene Meister. Rosettis Viola-Konzert in G-Dur - eine CD-Premiere - spielt Mönkemeyer mit einem Groove, der an den Jazzmaster Stéphane Grappelli erinnert. Der swingende Zugriff passt blendend zu dem rhythmisch packenden und melodisch höchst eingängigen Stück, Mönkemeyer verschleift keine Note, jeder Akzent sitzt. Eine wunderbare Klangerfahrung. Und eben keine Violine, eher ein tenorales Cello auf Speed.

Plädoyer für Sinnlichkeit

Auf Experimentierpfaden wandelte Mönkemeyer schon mit seinem originellen Album "Ohne Worte" (Sony), für das er mit seinem Klavierpartner Nicholas Rimmer unter anderem Lieder von Schubert und Schumann "ohne Worte" einspielte - ein Plädoyer für die sinnlichen Qualitäten der Bratsche. Und ein weiterer Beweis für den Rang Mönkemeyers, der sich längst der Wertschätzung berühmter Kollegen wie Yuri Bashmet erfreut.

Noch selbstbewusster wirkt sein Bearbeitungszugriff auf der "Schatten"-CD: Fünf Kantaten-Vokalsätze von Johann Sebastian Bach hat Mönkemeyer ausgewählt, bearbeitet und arrangiert und sie gemeinsam mit den Solisten der Staatskapelle Dresden unter Leitung von Helmut Branny eingespielt. Aus den rund 300 Kantaten des sakralen Bach-Kosmos fünf musikalische Häppchen auszuwählen, um sie neu darzustellen, zeugt nicht gerade von mangelndem Selbstbewusstsein. Aber Nils Mönkemeyer triumphiert mit virtuosem Elan und Freude am neuen Klang: Halleluja!

Die titelgebende Komposition "Weichet nur, getrübte Schatten" (aus BWV 202) ragt etwas aus dem Kantaten-Quintett heraus, hier spielt Mönkemeyer gepflegt innig und besonders dicht mit seinem Solisten-Ensemble zusammen - offenbar waren sich alle nicht nur einig über die musikalische Gangart, sondern entwickelten enormen Spaß am Experiment. Es wird sicher nicht das letzte bleiben, denn Mönkemeyer ist stets offen und neugierig. Er setzt auf Risiko - und kann sich das erlauben: Seit er 2006 den Deutschen Musikwettbewerb gewann und in Moskau aus dem renommierten Yuri Bashmet-Wettbewerb als Sieger hervorging, waren seine Weichen auf Erfolg gestellt.

Man macht dem Mönkemeyer allenthalben Mut - Endzeit für Bratscher-Witze.


CD Nils Mönkemeyer: "Weichet nur, betrübte Schatten" mit den Dresdner Kapellsolisten unter Leitung von Helmut Branny (Sony).



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