Pop-Jazz-Debüt im Vorabstream Sie nannten sie "Big Bad Brenna"

Mit ihrer Stimme begeisterte Brenna Whitaker schon Stevie Wonder, nun veröffentlicht die US-Sängerin ihr erstes Album. Eine beeindruckende Newcomerin, die nach besseren Zeiten klingt - hier im Albumstream.

Nick Spanos

Von


Den Albumstream finden Sie am Ende des Artikels

Es muss frustrierend sein: Da ist man ein Riesenfan von Stevie Wonder, ist selbst Sängerin und hat eine eigene, regelmäßige Show in einem Hotel in Los Angeles. Und dann kommt der Wonder tatsächlich dorthin, um einen zu hören - doch ausgerechnet an diesem Abend singt man nicht in dem Hotel, sondern bei einer Hochzeitsfeier außerhalb der Stadt.

An dieser Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein - wenn es sich bei der Sängerin nicht um Brenna Whitaker handeln würde. Seit zwei Jahren schon tritt die junge Frau fast jeden Samstag im W-Hotel am Hollywood Boulevard als Guest in Residence auf, hat dort ihre eigene Sechs-Mann-"Little-Big-Band" und inszeniert musikalische Klassiker aus vergangenen Glanzzeiten Hollywoods. Eine Stimmgewalt in hübschem Gewand.

Stevie Wonders Tochter Aisha, von den Qualitäten Whitakers restlos überzeugt, bequatschte ihren Vater, das Hotel nach dem erfolglosen ersten Versuch noch ein weiteres Mal aufzusuchen. Was er zwei Wochen später auch tat.

Diesmal war Whitaker wirklich da, sang ihm zu Ehren einen Wonder-Song. Begeistert packte Wonder seine berühmte Harmonica aus und spielte ein Solo. Dem Lied folgten vier weitere, dem Auftritt folgte eine Empfehlung an das legendäre Label Verve, der Empfehlung folgten ein Plattenvertrag, eine Aufnahmesession im heiligen Capitol-Studio und schließlich das Debütalbum "Brenna Whitaker".

Als dem Whiskey noch kein Red Bull zugemischt war

So kitschig, so erfreulich. Es gibt eine regelrechte Schwemme von Alben, deren Interpreten die Fünfziger- bis Siebzigerjahre glorifizieren, die sich orientieren an Stars wie Sarah Vaughan, Ella Fitzgerald, Carmen McRae oder Anita O'Day.

Und es ist ja auch reizvoll, sich auf diese Zeiten zu berufen. Die Musik wirkte authentisch, die Instrumente waren akustisch, dem Whiskey war noch kein Red Bull zugemischt. Bessere Zeiten eben. Doch vieles, was heute erscheint, ist doch nur ein Abklatsch ohne neue Facetten.

Anders bei Whitakers Erstling: Der Auftakt-Song "Black and Gold" beginnt spektakulär wie eine James-Bond-Oper mit opulentem Orchester und cleverem Arrangement. Eine historische Einspielstimme wie einst bei George Clooneys "Good Night, and Good Luck" sinniert über die Geheimnisse der Erotik zwischen Mann und Frau, ein satter Kontrabass setzt ein, dann Whitakers Organ, unterlegt mit huschendem Besen über die Snare Drum, und auf dem Höhepunkt bläst die kraftvolle Brass-Section, von der auch der Sitznachbar in der U-Bahn noch was hat, wenn man den Song über Kopfhörer hört.

"Black and Gold" ist eine raffinierte Coverversion des australischen Elektro-Pop-Künstlers Sam Sparro, der mit seiner Debütsingle 2008 überraschend in die britischen Top-10-Charts einstieg. Nur bei Whitaker klingt's halt ein wenig jazziger, denn sie wuchs in Kansas City auf. Ihre Eltern verdienten ihr Geld damit, alte verfallene viktorianische Häuser aufzukaufen, sie zu renovieren und wieder zu verkaufen.

Lieder von zeitloser Schönheit

Dieser Prozess habe sie inspiriert, sagt Whitaker, alte Dinge neu zu machen und doch den Charakter nicht allzu stark zu verändern. Das habe sie auf ihre Musik übertragen.

Schon an der Elementary School nannten Mitschüler Whitaker wegen ihrer wuchtigen Stimme "Big Bad Brenna", als 17-Jährige zog sie nach New York. Dort ließ sie sich am Broadway von Background-Sängerinnen Gladys Knights ausbilden, im Anschluss wechselte sie aufs Pasadena Jazz Institute, wo sie Kristi Blake, Marketing-Chefin des W-Hotels, entdeckte und vom Fleck weg buchte.

"Ich spiele Klavier, seit ich zwei Jahre alt bin", sagt Whitaker: "Ich war eins dieser Kinder, das immer alle Serien-Melodien, Werbe-Jingles und Filmsoundtracks nachspielen konnte. Ich hatte sieben verschiedene Klavierlehrer. Ich hab die Noten immer vor dem Unterricht auswendig gelernt und dann so getan, als ob ich sie lesen würde. Auf diese Weise habe ich gelernt, nach Gehör zu spielen. Das ist ein Riesengeschenk."

Doch auch ihre Stimme ist ein Geschenk. Variantenreich klingt sie. Mal wie die junge Randy Crawford, mal wie Adele, mal wie Christina Aguilera an ihren besten Tagen. Am liebsten interpretiert Whitaker Komponisten wie George und Ira Gershwin, Harold Arlen, Cole Porter, Duke Ellington oder Leiber und Stoller. Auf "Benna Whitaker" nahm sie sich Klassikern wie Dorothy Moores "Misty Blue", Lesley Gores "You don't Own Me" oder Dionne Warwicks "Anyone Who Had A Heart" an. Lieder von zeitloser Schönheit, die trotzdem vom Zeitgeist hinweggefegt wurden.

Produziert hat das Ganze David Foster, der schon Diana Krall, Michael Bublé oder zuletzt Melody Gardot unter seine Fittiche nahm und sie groß rausbrachte. Etwas weniger Pomp hätte der Platte gut getan - doch was will man meckern angesichts weitaus größerer artifizieller Dauerbeschallung durch Funk und Fernsehen.

Hilfreich beim Start von Whitakers Karriere dürften freilich nicht nur ihre stimmlichen und pianistischen Qualitäten sein, sondern auch ihr Erscheinungsbild. Blond, roter Lippenstift, enge Kostüme, schmachtende Blicke. Ganz Diva eben. Und so würde es nicht verwundern, wenn sie eines Tages nicht nur Lieder in 007-Manier singt, sondern auch als Bond-Girl im Film auftauchen würde.

Brenna Whitaker

Brenna Whitaker: Brenna Whitaker (Album Stream) auf tape.tv.


"Brenna Whitaker" erscheint am 23.10. bei Verve Forecast/Universal. Im November kommt Brenna Whitaker für vier Konzerte nach Deutschland, hier die Tourdaten.

Mehr zum Thema


insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chaps 19.10.2015
1. Nachdem ich
dem Ratschlag des Spiegels gefolgt bin und Flash deinstalliert habe, höre ich nix! SPON, stellt doch mal eure Seiten um!
spon-facebook-10000142866 19.10.2015
2.
Der Verweis auf Melody Gardot passt hier leider auch, ist beides absolut belangloses, überproduziertes Gedudel mit öden Pop-Rhythmen.
m.u. 19.10.2015
3. Brennan Whitaker
war mir bislang kein Begriff. Ich tue es nur ungern, aber: Danke SpOn! In meinen Ohren klingt Brennan Whitaker wohltuend!! Nicht wieder so eine "Trallala-Jule"!
istnichtwichtig 19.10.2015
4. Das ist es nicht!
Der Vergleich mit Adele oder Melody Gardot hinkt. Die Stimme klingt nicht sehr besonders und die Arrengements, die man bei Youtube findet, sind es auch nicht. Wen man stattdessen entdecken könnte, wäre Morgan James, die solo oder mit Post Modern Jukebox singt...
karldachs 20.10.2015
5.
Läuft auch nicht auf dem iPhone ....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.