Abgehört - neue Musik Mutter beim Pole Dance, Vater im Ikea-Bett

Zwei unterschiedliche Alben aus der Mitte des Lebens: Britney Spears jagt mit Sex und Selbstoptimierung dem alten Popglanz hinterher, Die Höchste Eisenbahn feiern mit einer Softpopparty die Widersprüche des Daseins.

Von und


Britney Spears - "Glory"
(RCA/Sony, seit 26. August)

"Glory", das neunte Studioalbum von Britney Spears, handelt von Sex. Das machte schon die Vorabsingle "Make Me…" klar, samt Video, in dem Britney und ihre Freundinnen sich im Clip-im-Clip-Casting ein Boytoy ausgucken. In der langen Form wird es dann fast schon ein Konzeptalbum.

Da verspricht die Sängerin also Pole Dance und Twerken in der "Private Show", dem Song zum neuen Duft. "Clumsy" schiebt die Clubsound-Regler hoch und spielt auf Oralsex an. Dann wieder dreht man ein Sextape, weil man so überdreht ist wie Teenager auf der Übernachtungsparty. Manchmal reicht es aber auch, bloß den Rücken zu reiben. Blöde Momente gibt es in dieser Welt nur, wenn geredet wird, statt ins Bett zu gehen. Außer vielleicht, wenn auf Französisch geredet wird, denn die Sprache geht als Romantik-Indiz durch.

Bei der Musik hätte der hypereffiziente Produzent Max Martin, der Britney in den 19 Jahren ihrer Karriere so gute Dienste geleistet hat, mutmaßlich das Budget überstiegen - dankenswerterweise wurde aber auch auf Prollbeats der Marke Will.i.am verzichtet. Zu hören sind unspektakulär zeitgemäße Beats und Sounds, die auch Selena Gomez oder Hailee Steinfeld gestanden hätten - der nächsten Generation von Popsängerinnen, die mit Britney aufgewachsen sind.

Wenn Britney Spears heute über Sex singt, fehlt dem der Hauch des Skandalösen, der früher oft mitschwang. Dafür behandelt sie aber das Thema mit der Selbstverständlichkeit einer Mittdreißigerin, die eben inzwischen weiß, was sie will. Und weil die Musik dazu ja eigentlich okay klingt, wirkt es so, als habe Spears nach all den Turbulenzen ihres Lebens eine Art Basis gefunden, auf der sie in einem anderen Beruf wahrscheinlich jahre-, ja jahrzehntelang weitermachen könnte.

Doch Pop ist nicht so, Pop fordert den immer neuen Reiz ein im Tausch gegen die umkämpfte Aufmerksamkeit. Für die hätte Britney Spears wahrscheinlich Songs mit mehr Bekenntnis-Charakter liefern müssen, die ihre persönliche Geschichte verhandeln. So was scheint auf "Glory" nur momentweise auf, im stolzen Ich-komm-schon-selbst-zurecht von "Just Luv Me" oder in der Akustikgitarre von "Do You Wanna Come Over", die erinnert an "Like I Love You" von - ausgerechnet! - Justin Timberlake.

Und so diskutiert die Klatschöffentlichkeit schon wieder Britneys Auftritt bei den MTV-Awards, der doch auch grundsolide in Glitzergelb war, aber eben nicht so spektakulär, nicht so zeichengeladen, einfach nicht so wichtig wie der von Beyoncé direkt davor. MTV habe Britney beschämt, indem sie diesen Ablauf so geplant hätten, kommentierte das US-Onlinemagazin "Daily Beast". Sage keiner, Britney Spears habe es leicht. (5.7) Felix Bayer

ANZEIGE

Die Höchste Eisenbahn - "Wer bringt mich jetzt zu den Anderen"
(Tapete/Indigo, seit 26. August)

Der Traum von dem Haus, das man zusammen mit Freunden bauen wollte, ist erstmal auf Eis gelegt. Man hat ja nicht mal die gemeinsame Hütte am See auf die Reihe bekommen. Bei der ewigen Liebe droht langsam der Lack abzugehen; Schwüre bezüglich dieses Themas wurden so oft wiederholt, dass sie wie Phrasen klingen. Und wenn man sieht, wie der alte Schulfreund eine Karriere im Turbobeschleuniger hinlegt, 18-Schlafzimmer-Villa inklusive, dann will man sich einfach nur in sein klappriges Ikea-Bett verkrümeln.

Auch auf dem zweiten Album von Die Höchste Eisenbahn, einem relativ jungen Berliner Ensemble aus für Popverhältnisse relativ alten Musikern (bekannt unter anderem durch Tele, Tomte, Kid Kopphausen und Acadian Post), gibt es reichlich Funkmeldungen aus der Phase des Lebens, über die sich hartnäckig das Gerücht hält, sie sei die ergiebigste und produktivste Zeit, die dem Menschen zur Verfügung stünde. Doch in Wirklichkeit, seien wir ehrlich, werden nur die geilen Abende kürzer und die Problemgespräche länger. Wie wir leben wollen? Ach, weiß nich.

Hört sich für ein Popalbum ziemlich öde an. Klingt aber auf "Wer bringt mich jetzt zu den anderen" nach ganz großem Kino. Klare Worte, dem Chaos abgerungen. Strahlende Melodien, aufblitzend aus dem Zwielicht des Alltags. Mit seiner wie hingeworfenen, verlümmelten Eleganz wirkt das Album wie die Antithese zur angestrengten Selbstoptimierung, mit der Britney Spears momentan Selbstzweifel der mittleren Lebensphase zu bewältigen versucht.

Man nehme nur das Höchste-Eisenbahn-Lied "Gierig": Am Anfang die gemeine Selbsterkenntnis "Du verletzt mich nicht, ich verletz mich mit dir", am Ende die versöhnliche Aussicht "Sei nicht so traurig, du bist nirgendwo allein", dazwischen keine einzige Lüge.

Wie die das schaffen, obwohl ihre Songs so soft gespielt sind und so sweet gereimt klingen, dass ihr nicht mehr richtig junges, noch nicht richtig altes Publikum glaubt, in Massen die eigenen Kinder auf die Konzerte mitschleppen zu müssen? Die Höchste Eisenbahn, so unaufgeregt bis schluffig die Künstler auch wirken, sind clevere Dichter und Musiker, die aus der vielbeschworenen Uneigentlichkeit immer wieder zum Eigentlichen zurückfinden.

Textlich haben sie bei den besten deutschen Songwritern der vergangenen Jahrzehnte gelernt, musikalisch erinnern sie immer mal wieder an den Westcoast-Pop der Siebzigerjahre, bei dem großer, anstrengender, irrer Aufwand betrieben wurde, um extrem lässig und ausgeruht zu klingen. Tom Liwa trifft Steely Dan, Niels Frevert macht mit Fleetwood Mac rum.

Ein einziger Widerspruch? Nicht bei Die Höchste Eisenbahn. Hier wird Pop zur Aufforderung, das Leben als Paradoxon zu leben, ohne daran zugrunde zu gehen. Oder wie es im aktuellen Hit "Lisbeth" heißt, der möglicherweise und irgendwie so eine Art, nun ja, Liebeslied ist: "Eins für die Hoffnung, zwei für die Angst, drei für die Dinge, die du mir nicht sagen kannst." (9.0) Christian Buß

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fritzthacat 31.08.2016
1. Die Nacht übertreibt
Die Höchste Eisenbahn erweist sich erneut insbesondere textlich als grandios. Selbst wenn eihem die jeweilige Musik nicht zusagen sollte, sind die Texte von DHE und nebenbei auch jene von OK KID tatsächlich lesenswert. Und passend zur fortgeschrittenen Stunde läuft das ältere Stück von der Eisenbahn "Die Nacht übertreibt". Live. Großartig.
sekundo 02.09.2016
2. Ihr Kommentar
Zitat von fritzthacatDie Höchste Eisenbahn erweist sich erneut insbesondere textlich als grandios. Selbst wenn eihem die jeweilige Musik nicht zusagen sollte, sind die Texte von DHE und nebenbei auch jene von OK KID tatsächlich lesenswert. Und passend zur fortgeschrittenen Stunde läuft das ältere Stück von der Eisenbahn "Die Nacht übertreibt". Live. Großartig.
ist wie der Artikel: nichtssagend!
sekundo 03.09.2016
3. Pole Dance und
Ikea-Bett. Was haben beide mit Rhythmik, Harmonik, Melodie, Dynamik, Arrangement, Instrumentierung, Stimmumfang, Phrasierung, Artikulation, Produktion, Komposition oder Virtuosität zu tun?!?!?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.