Show-Premiere in Las Vegas Britney kommt nach Hause

Mit 32 schon im Ruhestand? Britney Spears hat ihren ersten großen Show-Auftritt in Las Vegas absolviert. Die Spielermetropole galt früher als Vorrenten-Gig für alternde Megastars, heute ist sie eine echte Karriere-Alternative. Die Stadt hat sich längst als Mekka elektronischer Clubmusik neu erfunden.

AP/ Caesars Entertainment

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Es war keine Offenbarung, aber es war wohl auch kein Desaster: Popstar Britney Spears, 32, hat am Freitagabend in Las Vegas die erste von insgesamt 100 geplanten Show-Auftritten im Axis-Theater des "Planet Hollywood"-Resorts über die Bühne gebracht - und die Resonanz der US-Medien fiel überwiegend positiv aus. Zwar lästerte der "Rolling Stone" über Britneys notorisch hilflose Tanzbewegungen ("hauptsächlich Armwedeln"), und der "Hollywood Reporter" zeigte sich irritiert, wenn in der Vollplayback-Show dann doch mal echte Gesangs- und Atemgeräusche zu hören waren, doch insgesamt scheint das Entrée der schicksalsgeplagten Popsängerin in die Glitzerwelt von Vegas gelungen zu sein.

Statt wie sonst auf Tournee größtenteils neues Material zu präsentieren, ist der "Planet Hollywood"-Gig eine Best-of-Show. Nur zwei Stücke vom jüngst veröffentlichten neuen Album "Britney Jean" waren zu hören: "Work Bitch" und "Perfume". Den Rest der knapp 90 Minuten langen Show bestritt sie mit Hits aus den vergangenen zehn Jahren ihrer Karriere: "Baby One More Time", "I'm A Slave 4 U", "Lucky" und das unlängst in Harmony Korines Teenager-Kinoballade "Spring Breakers" in den Popkultur-Kanon übernommene "Everytime". Opulente Tanz-Choreografien und Spezialeffekte sorgten für den nötigen Pomp, zur Premiere der ironisch "Piece Of Me" betitelten Show vor rund 4600 Zuschauern erschienen zahlreiche Stars, darunter Miley Cyrus, Katy Perry und Selena Gomez.

Zwei Jahre lang soll Britneys Engagement in der Spielerstadt dauern. Spears ist die erste Top-40-Künstlerin, die den Schritt nach Las Vegas wagt, während sie noch aktuelle Singles und Alben in den Charts hat, zudem dürfte sie mit 32 Jahren die jüngste Künstlerin sein, die diesen früher belächelten Eintritt ins Show-Rentenalter unternimmt. Las Vegas, das stand für gesetztes, gelacktes Entertainment vom Rat Pack bis Liza Minnelli und Barbra Streisand, von Elton John bis Celine Dion - überteuertes Spektakel für amüsierwilliges, zumeist älteres und betuchtes Publikum.

Las Vegas ist lukrativer

Doch die Gesetze der Musikbranche - und die Gesetze von Las Vegas - haben sich verändert. Mit CD-Verkäufen allein finanzieren sich Popkarrieren längst nicht mehr; selbst etablierte Stars wie Katy Perry und Lady Gaga, die hohe Medienaufmerksamkeit bekommen, klagten in diesem Jahr über rückläufige CD-Umsätze. Britney Spears, die Mutter aller Popsternchen jüngerer Prägung, konnte von ihrem letzten Album "Femme Fatale" noch 276.000 Exemplare in der ersten Woche verkaufen, aber das war 2011. Als Ende November "Britney Jean" erschien, griffen in den USA gerade noch knapp über 100.000 Fans zu, ein Tiefpunkt in der Charts-Geschichte einer der erfolgreichsten Künstlerinnen des vergangenen Jahrzehnts.

Natürlich spielen hierbei auch andere, künstlerische Faktoren eine Rolle: "Britney Jean" ist ein schwaches Album, dem Hits wie "Toxic" oder "Gimme More" fehlen, und längst sind nachgewachsene Stars wie Miley Cyrus und Katy Perry attraktiver für die junge Zielgruppe als Spears, deren Fangemeinde mit ihr ins dritte Lebensjahrzehnt eingetreten ist. Aufzufangen sind die Verluste nur mit extensiven Tourneen, doch die sind kostspielig und aufwändig.

Eine moderne Popshow, wie Lady Gaga, Pink oder Rihanna sie auf die Bühne bringen, erfordert hohen logistischen und personellen Einsatz, sie erinnert mit Tänzern, Akrobatik und Bühnendeko eher an einen Zirkus als an ein Konzert. Umso höher müssen die Ticketpreise geschraubt werden - ein Teufelskreis. Eine Las-Vegas-Show hingegen, die nicht mit einer Flotte Tiefladern durchs Land gefahren werden muss, sondern immer am selben Ort aufgeführt wird, erlaubt durch ihre günstigere Produktion nicht nur größere kreative Freiheit, sondern verspricht auch höhere Einnahmen für Veranstalter und Künstler, zumal Engagements in Las Vegas traditionell hochdotiert werden: 300.000 Dollar soll Spears US-Medien zufolge pro Auftritt bekommen. Und das ist noch nicht einmal besonders viel, gemessen an der halben Million, die Celine Dion für einen Abend in Vegas kassiert.

Mekka der amerikanischen Clubkultur

Spears Schritt nach Vegas mag also auf den ersten Blick kurios erscheinen, als erschöpfter Schritt in den Vorruhestand, in Wahrheit aber ist sie eine durchaus clevere Karriereentscheidung. Geht es mit der Entwicklung im Popgeschäft weiter wie in den vergangenen Jahren, also stetig bergab, wird sie kaum die einzige junge Künstlerin bleiben, die sich fest in einem der Glitzer-Hotels buchen lässt.

Denn Las Vegas ist längst nicht mehr der Hort frühverrenteter Lebeleute, die es am Roulettetisch krachen lassen, bevor sie sich zum Galakonzert ihres alten Schwarms im Plüschsessel bequem machen. Seit einigen Jahren, befeuert auch durch den Erfolg der bei der Jugend populären "Hangover"-Filme, hat sich das Image der Spielermetropole radikal gewandelt. Die pomadige Casino-Bräsigkeit wich einer verruchten Hipness, die vor allem die Clubszene anlockte. Las Vegas, das ist für die junge Generation nicht mehr der gefüllte Plastikbecher am Ausgabeschlitz des einarmigen Banditen, sondern die wohltuende Vitaminspritze im luxuriösen Ausnüchterungsbus am Morgen nach der langen Clubnacht.

Seit Superstar-DJ Paul Oakenfold 2008 als erster eine feste Residenz-Stelle in einem Vegas-Club annahm, wurde die Stadt zum Spielplatz und Mekka für elektronische Musiker jeglicher Couleur. Star-DJs wie Calvin Harris, Deadmau5 oder Afrojack sind Stammgäste in Las Vegas und ziehen ein junges, trinkfreudiges Publikum an, die internationale EDM-Szene (EDM = Electronic Dance Music) verlagert sich nach und nach von europäischen Schauplätzen wie London oder Ibiza in die Wüste von Nevada.

So kommt die elektronische Musik, die ja mit Disco, House und frühem Techno Ende der Siebziger in den Clubs von Chicago und Detroit entstand, über lange europäische Umwege wieder nach Hause, was vor allem amerikanische Künstler stolz macht. Da ist es nur folgerichtig, wenn Britney Spears, eine der größten Dancepop-Ikonen der vergangenen zehn Jahre, nun als Galionsfigur des Mainstream-Establishments in Las Vegas ankommt. So gesehen hat sich dann doch nicht viel verändert seit Sinatras Zeiten.



insgesamt 9 Beiträge
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h.hass 29.12.2013
1.
Die Casino-Mafia zahlt eben am besten... allerdings dürfte es dem Ruf nicht unbedingt förderlich sein, wenn man als Showstar dort strandet.
gjhjhjjhjhhjhj 29.12.2013
2.
"die internationale EDM-Szene (EDM = Electronic Dance Music) verlagert sich nach und nach von europäischen Schauplätzen wie London oder Ibiza in die Wüste von Nevada." wow schon lange nicht mehr so einen Quatsch gelesen Las Vegas hat weder die Anzahl von guten Clubs noch können sie mit täglich/wöchentlich guten DJs aufwarten hinzu kommt das die paar Clubs die Las Vegas hat unglaublich teuer sind der momentane "Star" der Szene ist sicher nicht Las Vegas sondern Berlin - es gibt haufenweise Clubs, 7 Tage die Woche gute Musik und es ist Spottbillig
Tahlos 29.12.2013
3. Oha
"..ist die erste Top-40-Künstlerin.." Damit ist vermutlich ihr Alter gemeint oder? Wo hat die denn eine Top 40 Platzierung? Andererseits möchte ich darauf auch garkeine Antwort.
retterdernation 29.12.2013
4. Richtig - das weltweite Mekka an elektronischer Musik
... liegt in Berlin. Zwar gibt es nicht die ganz großen Namen, dafür aber viele. Alle neuen Trends werden mittlerweile in diesem Bereich, in Deutschland und speziell Berlin entwickelt... in den Clubs, wie Kater Holzig oder Berghain, geben die Dj's den weltweiten Trend vor. Auch in anderen Deutschen Städten, werden natürlich diese Trends aufgenommen und weiter entwickelt... der im Artikel erwähnte Dj Oakenfold bewegt sich mit seinem Hart-Trance-Programm dort, wo man bei uns, vor sieben bis zehn Jahren stand. Wenn Frau Spears schlau wäre, würde sie ihr nächstes Album von der Deutschen/Berliner Dj-Szene produzieren lassen, dass wäre dann an Kreativität und Qualität vermutlich wieder ein Burner... wenn ich jetzt einmal Namen, wie Fritz Kalbrenner oder Sascha Brehmer erwähne... gibt aber noch viele, viele andere. Berichtet doch darüber mal...
kritilligenz 30.12.2013
5. Britney
Zitat von Tahlos"..ist die erste Top-40-Künstlerin.." Damit ist vermutlich ihr Alter gemeint oder? Wo hat die denn eine Top 40 Platzierung? Andererseits möchte ich darauf auch garkeine Antwort.
Britney hatte zahlreiche Nummer-1-Alben und -Lieder. Hinzu kommen eben viele weitere in den Top 40 platzierte Werke.
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