Liebe Britney,
wir dachten, das ist ein falscher Eintrag bei Wikipedia: geboren am 2. Dezember 1981 in McComb, Mississippi, USA. Du wirst an diesem Freitag 30, das ist so unglaublich wie Aliens oder ein Wiedererstarken der FDP. Drei Jahrzehnte gibt es Dich schon, Du wunderbare Skandalnudel, Du Popmonster, Du Aerobic-Queen!
Nachgerechnet haben wir, immer wieder, ungläubig staunend, aber es stimmt: Du bist erst 30 Jahre alt. Du bist SCHON 30 Jahre alt! Irgendwie hast Du es geschafft, die Zeit anzuhalten. Und gleichzeitig in der Chronologie nach vorne zu schnellen.
Du bist doch noch so jung, haben wir gejuchzt! Du bist doch bereits steinalt, haben wir geächzt unter der Last der Erinnerungen an gefühlte tausend Platten und Skandale und Scheidungen und Zungenküsse mit nun aber mal wirklich in die Jahre gekommenen Popheldinnen. Wenn es eine dialektische Art des Alterns gibt, Dir ist sie gelungen.
Wieso, haben wir uns gleich messerscharf reflektierend gefragt - denn Du, bestes Dance-Blondchen der Nach-Madonna-Ära, verdienst alle Weihen der Spekulation (schaut euch die Publikationen zu Frau Ciccone an, Roland Barthes würde blass werden über so viel Auslegungswut!) - also gefragt haben wir uns: Weshalb sehen wir Dich einerseits als Methusalem der Postmoderne? Weil Du so wahnsinnig viel erlebt hast! Karrierestart mit zehn auf der Professional Performing Arts School in New York, Werbespots, Broadway-Produktionen. Mit elf Micky Maus Club und Begegnung mit Christina Aguilera und Justin Timberlake, zwei weiteren Homunculi des Castingshow-Betriebs.
Zwischen Borderline und Federline
Und dann 1999: "Baby One More Time". Die erste Hymne des Spätkapitalismus. Rechtzeitig zum Jahrtausendwechsel und seinen Millenniumsängsten hast Du uns versichert: Es ist noch nicht vorbei! Jetzt nicht nachlassen, da geht noch was! Frühjahr 2000 dann "Oops! ... I Dit It Again". Das ultimative Stück zur Logik des Mehrwerts: Huch, ich hab's schon wieder gemacht, bin weiter dran, kann nicht aufhören - das sagen der Kapitalist und übrigens auch der Süchtige. Mann, Britney, Du alte Systemdiagnostikerin im Schulmädchendress, allein für diese zwei Songs preisen wir Dich als - 30 hin, 30 her - unsterblich!
Es folgten Neben- und Zwischenwerke, "Britney" und "In the Zone". Bei Ersterem hast Du Dich auf ein Niveau dekonstruktiver Unentschlossenheit hochgeschraubt, die jeden Gender-Theoretiker entzücken musste. "I Am Not A Girl Not Yet A Woman" hieß der bedeutendste Song. Britney, Du post-post-feministisches Wunderkind, da hast Du in einem Blubberlied gleich mal klargemacht, wie aus biologischem Basismaterial gesellschaftliche Subjekte werden.
Aber, wie gesagt, Schwellenkunst. Es kam in dieser Zeit, wir sprechen von den Jahren ab 2004, zum großen Entgleisungstheater. Borderline und Federline, das sind die Leitmotive dieser Phase. Sie endete im Ronald Reagan UCLA Medical Center, wo die kalifornische Psychiatrie die neuesten Medikamente an Dir ausprobierte und die Justiz einen Paragrafen, der bis dahin nur Menschen im Koma oder Gehirntoten vorbehalten war. So wurde dein Vater dein Vormund.
Sexuell heiter, aber keineswegs obszön
Er entschied über Deine Finanzen, wen Du treffen, was Du in der Öffentlichkeit sagen, wen Du anrufen durftest. Britney, Du Tragödin des Gazettenunwesens, die damals für rund 20 Prozent des Umsatzes der beiden größten Paparazzi-Agenturen in L.A. sorgte. Die rund 400 Millionen Dollar in die Kassen von Jive Records, ihrem Label, spülte. Mit der die Kosmetikklitsche Elizabeth Arden mal locker 100 Millionen kassierte. Ach, und da wären noch die 150 Millionen Dollar, die mit den Tourneen zusammenkamen.
Dennoch: Überwachen und Strafen, selbst Deine SMS-Nachrichten wurden damals kontrolliert. Britney, Du fleißigste aller Girlies aus der Medienkaserne des neuen Jahrtausends, Kontrolle, die kanntest Du schon, aber da hat Dir das Schweinesystem disziplinarisch noch mal richtig Bescheid gegeben.
So hat sich dieser Eindruck verfestigt, dass Du viel älter bist als 30, Du Leid- und Bühnengeprüfte. Wie lange schüttelst Du schon Deine blonde Mähne, zwängst Dich in knappe Glitzeroutfits, räkelst Dich durch Pfützen und auf Sofas und Stühlen, hantierst mit Peitschen und Gürteln und allem, was nach Schlangen aussieht, insofern Du nicht wirklich, wie anno 2001 bei den MTV Video Awards, mit einer Python um den Hals auf die Bühne kommst. Britney, Du alte Chefgymnastikerin!
Und dann haben wir eine Folge der Musical-TV-Serie "Glee" gesehen. Da trittst Du als Du selbst auf, erscheinst den weiblichen Helden, jungen Frauen zwischen 17 und 19, wenn sie beim Zahnarzt in die Narkose sinken. In ihrem Schlummer der Anästhesie erkennen sie Dich als Ikone eines selbstbewussten, sexuell heiteren, aber keineswegs obszönen Mädchentums, als Star der Adoleszenz, wie sie sein sollte. Wild, ironisch, aggressiv, unbeugsam.
Chiffre für Freiheit
Das war der Umschlagmoment, als uns klar wurde: Du bist noch total jung, im Sinne von zeitgemäß, aktuell, modern. Du bist nicht Deine eigene Wachsfigur wie Madonna mit ihrer krampfig-ideologischen Korrektheit. Du trittst nicht immer gleich als Deine eigene Kunstausstellung auf wie Lady Gaga. Du lässt Dich nicht als Über-Babe des globalen Marketings fetischisieren wie Rihanna.
Du bist, sagen wir besser: Du SCHEINST viel mehr - nämlich Teil unseres kollektiven Unbewussten geworden zu sein. Das zeigt uns die Folge von "Glee". Du bist in unsere kulturellen Tiefenschichten vorgedrungen. Du tauchst auf, wenn die Zensur weg ist, das Distinktionsgehuber, das Über-Ich der Geschmackswächter, die Dich nicht in den Popkanon lassen wollen.
Wenn wir träumen, tanzt Du über die Bühne des Begehrens, als Zeichen unseres Wunsches nach Sexyness und Unbeschwertheit, der nicht mit Naivität zu verwechseln ist. Denn Du Britney, tapferste Veteranin des großen Assessmentcenters, in das sich Entertainment verwandelt hat, und das sagen wir jetzt mit vollem Ernst, das heißt mit einer Miene, die Madonna machen würde bei irgendeiner Kundgebung für mehr Kabbala und Weltfrieden - Du bist eine Chiffre für Freiheit.
Dafür danke. Und Glückwunsch!
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