Britneys Skandal-Cousine Absturz-Alli will hoch hinaus

Cousine, beste Freundin, Partygefährtin - im schlimmsten Jahr der Britney Spears war Alli Sims stets dabei. Jetzt ist ihr der Kontakt zur Königin der PR-Peinlichkeiten untersagt - und sie versucht, selbst ein Popstar zu werden. Könnte klappen.

Von Meike Werkmeister


Man könnte Alli Sims das "Gesicht der Krise" nennen. Der persönlichen Krise der Britney Spears. Alli Sims war Britneys engste Vertraute im Jahr 2007. Jenem Jahr, in dem America's Sweetheart vor den Augen der Welt abstürzte. In dem sie sich den Kopf rasierte, zugedröhnt bei den MTV Awards auftrat, wiederholt ohne Unterwäsche das Haus verließ, das Sorgerecht für ihre Kinder verlor und schließlich gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingewiesen wurde.

Bei fast jedem dieser Ereignisse war Alli Sims an Britneys Seite, auf unzähligen Bildern sind die beiden zusammen zu sehen. Kein Wunder, dass Alli für die Boulevardpresse schnell zur Mitschuldigen an der Tragödie wurde. Und für Britneys Vater zu einer der Personen, zu denen der Popstar heute keinen Kontakt mehr haben darf.

Jetzt hat Alli einen Weg gefunden, ihrer Freundin trotzdem eine Nachricht zu schicken: Per Song, den man bei iTunes kaufen kann. Daran kann sie Britneys Vater, Jamie Spears, nicht hindern. Unter seiner Vormundschaft steht die 27-jährige Britney seit ihrem Zusammenbruch; er hat die Vollmacht über ihre Konten, ihre Karriere, ihre Kontakte. Seine Lösung für die offensichtlich psychisch instabile Tochter: Er schickte sie ins Tonstudio, wo sie mit prominenter Unterstützung das bisher wohl beste Album ihrer Karriere aufnahm ("Circus"), das sie momentan auf über 50 Konzerten rund um den Globus live präsentiert.

Man fragt sich: Hätte die junge Frau nicht eher eine Kur als eine Welttournee gebraucht?

Alli Sims ist jedenfalls so, wie Britney heute sein könnte, wenn sie vor zehn Jahren nicht zum Kaugummi-Abziehbild einer ganzen Generation geworden wäre: Eine ganz normale, gesunde, junge Frau. Mit Südstaaten-Charme, naturbraunen Haaren, Normalgewicht und einem Lachen, das tief aus dem Bauch kommt.

Britney und Alli sind beide im Jahr 1981 geboren, beide in Louisiana, ihre Großeltern sind verschwägert. Als Kinder spielten sie zusammen, träumten den gleichen Traum von der Gesangskarriere, bis Britney die Welt eroberte - in Schuluniform. Alli ging stattdessen in ihrer weiter zur Highschool. Britney sah sie fortan nur noch, wenn sie eines ihrer Konzerte besuchte. "Ich dachte: ich kann es nicht erwarten, bis ich da oben stehe", sagt Alli im Interview. "Aber ich habe es ihr immer gegönnt. Ich wusste: Meine Zeit wird kommen."

Als die Cousinen sich dann 2007 in L.A. zufällig wieder über den Weg laufen, könnte ihr Leben nicht unterschiedlicher sein: Alli hat ein Studium in Business-Marketing in der Tasche, organisiert als Assistentin einer Hochzeitsplanerin die Feste von Sting, Eva Longoria und Heidi Klum. Britney lebt in Scheidung in einer Villa in Malibu mit ihren beiden verwahrlost wirkenden Söhnen, bis ins kleinste Detail dokumentiert von etwa 40 Paparazzi, die jeden Tag auf den nächsten Skandal lauern. Sie kann eine Freundin gebrauchen. Und Alli etwas Hilfe bei der Verwirklichung ihres Traums, den sie immer noch nicht aufgegeben hat.

So wird Alli Britneys persönliche Assistentin und zieht zu ihr. Britney stellt ihr die richtigen Leute vor, die mit ihr an Demosongs arbeiten. Währenddessen nähert sich Britney ihrem Zusammenbruch, obwohl Alli im September 2007 noch fröhlich behauptet: "So ein Quatsch, ihr übertreibt. Britney geht es gut, unser Leben ist in Ordnung."

Einige Menschen, mit denen sich Britney damals umgab, zerrte ihr Vater mittlerweile vor Gericht. Weil sie ihr Drogen gegeben und sie vorsätzlich in den Wahnsinn getrieben hätten. Auch Alli gehört für ihn zu dieser Gruppe. Doch während gegen den damaligen Manager Osama Lutfi und den Paparazzo-Geliebten Adnan Ghalib einstweilige Verfügungen laufen, hat Daddy Spears Alli lediglich den Ruf verdorben, indem er sie aus Britneys Haus und Leben schmiss. "Ich wollte immer nur ihr Bestes", sagt Alli. "Ich finde es ungerecht, dass man mich zum Sündenbock macht."

Also steht Alli plötzlich wieder allein da. Doch so einfach gibt sie nicht auf. Sie hat immer noch keinen Plattenvertrag, als ein Freund ihr den Song "Driving Blind" vorspielt - und Alli darin genau jene Nachricht erkennt, die sie Britney und der Welt schicken möchte. Sie beschließt, ihn auf eigene Kosten herauszubringen. "Klar ist es mutig, mein ganzes Geld da reinzustecken", sagt sie. "Aber ich will es wenigsten versucht haben."

Die Kontakte, die Alli in den vergangenen Jahren durch Britney, Hochzeitsplanung und Promi-Partys gesammelt hat, kann sie nun nutzen. Eine Freund dreht ihr zum Sonderpreis das Musikvideo. Ein anderer, Ryan Seacrest, der berühmteste Radio-Moderator der USA, spielt den Song in seiner bundesweiten Show. Die Maschinerie Alli ist angelaufen.

Das wichtigste Marketing-Instrument bleibt allerdings ihre Cousine, das versucht Alli nicht einmal zu verstecken. Der Song "Driving Blind" erzähle das Ende ihrer Freundschaft, sagt sie. "Ich will Britney damit sagen, dass sie mir fehlt. Dass es schwer für mich ist, nicht mit ihr sprechen zu dürfen. Klar werden alle wieder sagen, dass ich sie für meine Zwecke ausnutze. Aber sie war einfach das erste, woran ich beim Singen dachte. Ich will einfach nur ehrlich sein."

Hübsche Melodie - oder Trittbrettfahrerin?

Es war nicht schwer für Alli, mit dieser Geschichte Aufmerksamkeit für die Veröffentlichung zu wecken. US- Magazine werden über sie berichten, der Promi-Blogger Perez Hilton hat schon seinen obligatorischen Verriss abgeliefert ("Was für ein beschissener Song"). Mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass die Mehrheit seiner Leser ihm widersprach: "So schlecht ist der doch gar nicht."

Es wäre auch zu leicht, einfach auf "Driving Blind" einzuhauen. Es ist ein radiokompatibler Poprock-Song mit eingängigem Refrain. Es würde niemanden überraschen, hätte Avril Lavigne (übrigens auch eine Freundin von Alli) ihn aufgenommen oder Ashlee Simpson. Zugegeben, gesanglich haben beide mehr Power (oder die besseren Tontechniker). Aber "Driving Blind" ist nicht schlechter als vieles, was derzeit in den US-Charts steht.

Es kommt jetzt also darauf an, ob Musikfans in der Nummer eine hübsche Melodie erkennen - oder doch nur den verzweifelten Versuch einer Trittbrettfahrerin. Alli glaubt fest daran, dass sie mit Hilfe von Web-Seiten wie MySpace so viel Aufmerksamkeit bekommt, dass Radiosender den Song in ihre Playlists aufnehmen. Und dass dann eine große Plattenfirma anbeißt und das Spiel richtig beginnt. "Ich will Teil der Musikwelt sein", sagt Alli. "Ich will beweisen, dass ich das Zeug dazu habe."

Und eines Tages möchte Alli natürlich auch auspacken darüber, wie es wirklich zum Zusammenbruch von Britney kam. Welche Rolle sie gespielt hat. Was sie denkt über das strenge Regime von Daddy Spears. "Aber erst, wenn ich mir selbst genug Respekt erarbeitet habe", sagt sie. "Wenn die Menschen mir glauben, dass ich die Wahrheit sage. Im Moment würde mir doch nur unterstellt, dass ich aus Berechnung handele."

Ob Britney "Driving Blind" wohl schon gehört hat? "Ich weiß es nicht", sagt Alli und es ist einen Moment lang still. "Aber ich hoffe, sie tut es bald. Ich möchte ihr damit sagen: Ich werde immer deine Freundin sein. Irgendwann sind wir wieder zusammen. Ich weiß: Eines Tages wird der Anruf kommen."



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