SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie sich davon versprochen, in einer Rockband zu spielen?
Davies: Eine Gang zu finden, in der ich mich wohlfühlte. Es geht im Rock'n'Roll um Einheit. Viele der besten Bands bestehen nicht unbedingt aus virtuosen Musikern, aber als Einheit sind sie eine Macht, weil sie einander unterstützen. In Jazz- und Blues-Bands duellieren sich einsame Virtuosen, in guten Rock'n'Roll-Bands fügt man sich ins Team ein. Die Rolling Stones funktionieren so. Das Zusammenspiel von Charlie Watts und Keith Richards ist einzigartig. Bei den Kinks lief es ähnlich: Ich bin kein auffällig guter Gitarrist, aber gemeinsam waren wir toll, weil wir kommunizierten, und so entsteht die herrliche Magie des Rock'n'Roll.
SPIEGEL ONLINE: Klingt gut, passt aber nicht zu den Legenden über die wilden Streitereien bei den Kinks.
Davies: Spannungen gehören zur Kreativität. Ohne Strom droht die große Ödnis. Einige unserer besten Platten sind aus purer Anspannung heraus entstanden, so wie "All Day and all of the Night". Ein herrlich brutales Stück Musik. Ich liebe es. Was Aggressivität angeht, übertrumpft es alles, was heute so als wild gilt wie die Foo Fighters. Rockbands sind wie Fußballmannschaften! Auch große Fußballteams kultivieren Aggressivität. Sir Alex Ferguson, der Trainer von Manchester United, ist zum Beispiel ein Meister darin, vor einem Spiel Anspannung zu erzeugen. Seine Verteidiger müssen unter Strom aufs Spielfeld laufen, und um das Beste aus ihnen herauszukitzeln, quält und ärgert Ferguson sie vorher in der Kabine. Klingt brutal, ist aber nur ein faszinierend effektives Psychospiel.
SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie eigentlich Fußballprofi werden wollten?
Davies: Das war ein sehr großer Traum, ja. Aber dann habe ich mich am Rücken verletzt, und die Sache hatte sich erledigt. Schade, denn ich hatte Talent. Lange war ich Kapitän der Schulmannschaft. Ich war auch Klassensprecher, eben ein Typ, der gerne den Ton angibt. Aber leider körperlich zu anfällig.
SPIEGEL ONLINE: Was wäre Ihr Traumteam gewesen? Arsenal?
Davies: Nein, ich hatte immer nur die Nationalelf im Kopf. Das meine ich ernst, mit einem robusteren Körper wäre ich dort auch gelandet. Mein Platz war im zentralen Mittelfeld: verteidigen, kontrollieren, austeilen. Mein Idol war ein Deutscher: Franz Beckenbauer, der Kaiser. Leider war mein Körper nur für die Kunst bestimmt.
SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Liedtexte sind bestimmt von präzisen Beobachtungen des Alltags. Woher nehmen Sie die Details?
Davies: Ich habe meistens ein Notizbuch bei mir, aber absurderweise schreibe ich da gar nicht viel rein. Das meiste, was mir so auffällt, speichere ich in meinem Kopf ab. Ein Lied wie "A Dedicated Follower Of Fashion" habe ich in wenigen Minuten in die Schreibmaschine getippt. Fragen Sie mich nicht, woher es kam. Damals war ich jung und wagemutig. Je älter man wird, desto mehr wägt man ab, was man schreibt. In mir trage ich einen gewaltigen Vorrat an Erinnerungen und Eindrücken. Wenn ich in einer Woche ein Album geschrieben haben müsste, könnte ich in diesem Augenblick anfangen, indem ich meine inneren Notizen abrufe.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Texte für Ihr Meisterwerk, das Konzeptalbum "The Village Green Preservation Society", das voll von detaillierten Beobachtungen des englischen Alltags ist, auch aus dem Gedächtnis verfasst?
Davies: Ja, das meiste. Die Inspiration für "Do You Remember Walter" war zum Beispiel ein Kindheitsfreund. Solche Lieder schreiben sich wie von selbst. Ich habe von Anfang an den Alltag als Thema meiner Texte bevorzugt. Lieder über ganz normale Menschen ohne Glamourfaktor. Aber es ist bedauerlich, dass die meisten, die hier früher lebten, längst weggezogen sind. Ich habe hier kaum noch Freunde, sehr merkwürdig. Letztes Jahr kam Jimmy, ein nach Kanada ausgewanderter Jugendfreund von mir, zu Besuch. Wir fuhren einen Nachmittag lang auf Fahrrädern durch die Straßen von Muswell Hill. Am Ende waren wir beide sehr melancholisch, weil alle Menschen von früher weg sind. Nur ihre Häuser sind geblieben.
SPIEGEL ONLINE: Sind die meisten Ihrer Lieder autobiografisch?
Davies: Das hätte ich früher abgestritten, aber heute ist mir klar, dass das wohl so ist. Dass es in einem Lied wie "Shangri La" vor allem um mich geht, wurde mir erst spät bewusst. Wenn man zwei, drei Romane eines Schriftstellers gelesen hat, hat man oft das Gefühl, den Autor zu kennen. Bei Popsongs funktioniert das ähnlich. Ich habe aus meinen Liedern viel über mich gelernt.
SPIEGEL ONLINE: Wie schreiben Sie? Warten Sie auf Inspiration oder haben Sie feste Arbeitszeiten?
Davies: Zurzeit schreibe ich ein Musical über die Kinks. Ich komme jeden Tag hierher in mein Studio und arbeite dann bis in die Nacht. Wenn ich erst mal an so einem Projekt dran bin, fällt es mir schwer, später abzuschalten. Auch in der vergangenen Nacht konnte ich kaum schlafen und lag bis drei Uhr morgens wach. Dann bin ich wieder aufgestanden und habe weitergemacht. Nachts habe ich eigentlich schon immer die besten Sachen geschrieben. Dann träume ich noch irgendwie benebelt vor mich hin und gerate nicht in Versuchung, irgendetwas zu analysieren.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind so etwas wie der Chronist des Londoner Stadtteils Muswell Hill, haben ihn in vielen Liedern verewigt. Wenn man hier die Straßen entlangspaziert und die Straßenschilder liest, fühlt man sich wie in einem Kinks-Song. Wie geht man hier mit Ihnen um?
Davies: Ich gelte als der verrückte Kauz, der sich in seinem Studio verbarrikadiert. Gestern war ich in Irland, da wollten mir viele auf der Straße einfach die Hand schütteln. So was ist einerseits bewegend, andererseits gibt es mir eine Bestätigung, dass ich existiere. Ich habe immer wieder das Gefühl, nicht zu wissen, wo ich hingehöre, was der Sinn meiner Existenz sein könnte. Immerhin weiß ich, dass ich nach London gehöre. Die Gegend hier ist magisch. Schauen sie mal aus dem Fenster.
SPIEGEL ONLINE: Und?
Na, das Licht strahlt hier in Nordlondon einzigartig. Was auch daran liegt, dass wir auf einem Hügel leben. Man ist hier von Hampstead bis Highgate einfach dem Himmel viel näher als im Rest der Stadt. Die Farben da unten sind einfach blasser, und da, wo ich bin, ist es sowieso immer bunt!
Das Interview führte Christoph Dallach.
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