Britrocker Damon Albarn Der Pop-Snob

Nach der Band Blur und dem virtuellen Pop-Projekt Gorillaz startet Multitalent Damon Albarn ein neues Unternehmen: The Good, The Bad And The Queen ist eine veritable Supergroup. Sympathischer wird Albarn dadurch aber auch nicht.

Von Jörg Böckem


Nein, mögen muss man den Kerl nicht. Damon Albarn, geboren 1968 als Sohn eines Oxford-Professors in London, ist ein arroganter Schnösel, er inszeniert sich in Interviews als missverstandener Künstler, und Menschen, die ihm unter seinem intellektuellen Niveau erscheinen, straft er mit Verachtung.

Supergroup The Good, The Bad And The Queen (v.l.: Simon Tong, Paul Simonon, Damon Albarn, Tony Allen: "Was es bedeutet, britisch zu sein"

Supergroup The Good, The Bad And The Queen (v.l.: Simon Tong, Paul Simonon, Damon Albarn, Tony Allen: "Was es bedeutet, britisch zu sein"

Schon Mitte der neunziger Jahre, zur Hochzeit des Britpop - damals war er als Songschreiber und Sänger der Band Blur zu erstem Ruhm gelangt - gab er im Lagerkampf mit den Kollegen von Oasis den hochmütigen Mittelstandsintellektuellen und selbstgefälligen Egomanen. Gegen die lustig pöbelnden Gallagher-Brüder, Arbeiterkinder aus Manchester, sah er eher blass aus.

Seitdem hat er schauderhaften Kunstrock aufgenommen, ist durch Afrika gereist, hat die Gefilde der Weltmusik unsicher gemacht, sich als Weltverbesserer inszeniert und Sätze von sich gegeben wie: "Man kann kein wirklicher Musiker sein, bevor man nicht in Afrika war." Ein reizender Kerl. Na gut, er hat sich auch gegen den Irakkrieg engagiert. Aber das hat ja fast jeder.

Man könnte Albarn getrost vergessen, wenn er nicht so unglaublich talentiert wäre: Mit Blur hat er wunderbare Gitarrenpop-Hymnen wie "Song 2" oder "Boys & Girls" aufgenommen. Und in den vergangenen Jahren, während Oasis, aufgerieben in ewigem Bruderstreit und dem vergeblichen Versuch, ihre grandiosen ersten beiden Alben zu wiederholen, nur auf der Bühne zu alter Form auflief, hat Albarn zusammen mit dem Comiczeichner David Hewlett die Gorillaz erfunden - ein Sensationserfolg. Die virtuelle Band, hinter deren animierten Musikern sich Albarn und eine Riege renommierter Kollegen verbergen, verkaufte mit einem cleveren Stilmix aus melodischem Pop, HipHop und Dub weltweit Millionen Alben und wurde von der Kritik gefeiert.

Jetzt hat Albarn sein nächstes Projekt gestartet, und es verspricht, an seine bisherigen Erfolge anzuknüpfen. Mit The Good, The Bad and The Queen reaktiviert er das alte Konzept der Supergroup, den Zusammenschluss einer Riege großer Musikernamen, so etwas wie die Adelsklasse des Pop. Neben Albarn besteht die Band aus Paul Simonon, Ex-Bassist der legendären The Clash und ehemals einer der coolsten britischen Punks; Simon Tong, Gitarrist der Erfolgsband The Verve, und Tony Allen, nigerianischer Afrobeat-Pionier, der von Brian Eno als bester Schlagzeuger der Welt geadelt wurde. Produziert wurde das Album von Brian Burton alias Danger Mouse, eine Hälfte des rasant erfolgreichen Dancefloor-Duos Gnarls Barkley.

Wieder sind Albarn wunderbar melodische Pop-Perlen voller Melancholie gelungen, tief verwurzelt in der britischen Musiktradition - manchmal klingen The Kinks an, The Clash oder gar die Beatles. "Die Stücke setzen sich mit London auseinander, dem modernen ebenso wie mit der Geschichte der Stadt und damit, was es für mich heute bedeutet, britisch zu sein," beschreibt Albarn sein Werk. Zum ersten Mal seit Blurs Erfolgsalbum "Parklife", dessen Ironie laut Albarn dem Publikum entgangen war, beschäftigt sich der Songschreiber wieder mit seiner englischen Heimat.

Im vergangenen Oktober haben The Good, The Bad And The Queen ihren ersten Bühnenauftritt absolviert, im Rahmen der "Electric Proms", einer von der BBC veranstalteten Konzertreihe, bei der sich auch Britpop-Aristokratie wie Paul Weller und The Who die Ehre gaben. Die Veranstaltung fand im "Roundhouse" statt, einem Ort mit Tradition – hier trat in den Sechzigern Jimi Hendrix auf, der Philosoph Herbert Marcuse hielt dort Vorlesungen und Beat-Poet Alan Ginsberg las aus seinen Werken. Ein angemessener Rahmen für den Pop-Snob Albarn.

Der zeigte auf der Bühne dann auch wieder seine beiden Gesichter – die Musik riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin, was den Sänger nicht davon abhielt, auf offener Bühne seine Bandkollegen zusammezustauchen, als es mal nicht rund lief. Nein, mögen muss man diesen Damon Albarn nicht. Aber "The Good, The Bad and The Queen" darf man trotzdem lieben.


Das Album "The Good, The Bad And The Queen" ist bei EMI erschienen



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.