Bryan Ferry und Bob Dylan: Glamouröse Knitterfressen

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Bob Dylan und Bryan Ferry auf Deutschlandtournee, das heißt: von besten musikalischen Pflegekräften betreutes Wohnen auf der Konzertbühne. Die beiden großen alten Männer behaupten ziemlich überzeugend, dass Alter für Popkünstler kein Problem sein muss.

Der Wind weht kalt und knatternd unter einem stahlblauen, wolkenlosen Abendhimmel um die zugigen Ecken der Hamburger Color-Line-Arena. Hunderte von bierflaschenschwenkenden jungen Menschen und olivgrüne Kohorten von bestens gelaunten, knüppelschwingenden Polizistinnen und Polizisten lungern vor der Halle, in der gleich Bob Dylan auftreten wird. Sieht schwer nach Rock'n'Roll und revolutionärem Spaß aus, aber gilt dieses Spektakel wirklich dem großen alten Zauselkopf aus Duluth im US-Staat Minnesota? Wäre nett, ist aber leider nicht: Die lauten, euphorischen Fan-Massen wollen alle nach nebenan ins Fußballstadion, wo die Elendskicker des FC St.Pauli gegen die zweite Mannschaft des Hamburger SV über den Rasen stolpern (und klar geht's am Ende auch noch null zu null aus).

Oldtimer Dylan: Was soll jetzt wieder dieser weiße Hut?
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Oldtimer Dylan: Was soll jetzt wieder dieser weiße Hut?

In der Konzerthalle sucht man die Sorte fröhlicher junger Möchtegern-Proleten, die St.Pauli hip finden, absolut vergeblich. Überhaupt gibt’s so gut wie kein aufgeregtes junges Gemüse. Bob Dylan hält Hof vor sehr gesitteten und im Regelfall älteren, immerhin rüstigen Musikfreunden. Er trägt einen weißen Hut. Drei seiner Musiker dagegen tragen schwarze Hüte, einer eine schwarze Mütze, einer ist barhäuptig. Was immer das nun wieder zu bedeuten hat. Bei Dylan, dem großen Rätselkünstler, der uns alle einst aufrief, bloß immer drauf zu achten, was die Parkuhren geschlagen haben ("watch the parking meters") verweist bekanntlich alles auf irgendwas sehr Tiefsinniges. Fest steht: Der Kerl unterm weißen Hut sieht in seinem schwarzen Anzug dünn und blendend aus für einen Mann, der in ein paar Wochen 66 wird und der, wie man weiß, dem Tod schon ein paarmal nur sehr knapp von der Schippe gesprungen ist.

Glitzernde Muckerware

Egal, ob er neue Ware von seinem letzten August erschienenen Superhit-Album "Modern Times" spielt (mit dem er es nach 30 Jahren Pause mal tatsächlich wieder auf Nummer eins der US-Charts schaffte) oder, mit weit auseinandergespreizten Beinen am Keyboard stehend, Klassiker wie "A Hard Rain's A-Gonna Fall" oder "Masters of War": Es gibt stets heftigen Beifall und feuchte Augen, aber keinen lauten, lärmenden Jubel. Eine rührende, sehr manierliche Begeisterung also. Dabei präsentieren der Meister und die Musiker jedes Lied wie einen sorgsam geschliffenen Edelstein, als glitzernde Muckerware, was man sehr schön und sehr lässig finden kann, aber auch ein bisschen emotionsgebremst. Im letzten Jahr hat Dylan im Hamburger CCH einen völlig vergurkten Auftritt hingelegt und wurde dafür fast genauso ehrfürchtig gefeiert wie heute für diesen brillanten Abend, an dem die Gitarren bei "Like A Rolling Stone" so prächtig donnern, dass es einem durch Mark und Bein geht.

Stilikone Ferry: Andächtige Stimmung
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Stilikone Ferry: Andächtige Stimmung

Dylan, der einst immer wieder komplett abgeschriebene und übel verlachte Haudegen, scheint heute genau zu wissen, dass er nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren hat. Vielleicht ist das ja das Seltsamste am Glanz und Fluch des Älterwerdens im Zeitalter der allgemeinen Popvergreisung: Das Gerede der Leute, ob Freund oder Feind, ist den mit ihrem Publikum gereiften Künstlern plötzlich tatsächlich so völlig egal, wie sie immer schon behauptet haben. Was man natürlich auch der Arbeit der ruhmreichen Knittervisagen anmerkt.

Im Fall von Bryan Ferry ist es genau umgekehrt wie im Fall Dylan - und läuft doch aufs Gleiche raus. Während heute jeder Dödel Dylan gut findet, glauben derzeit viele Idioten, ausgerechnet auf Ferry, den großen alten Mann des Pop-Dandyismus, einprügeln zu dürfen. Ferry hat gerade ein Album mit lauter Bob-Dylan-Songs ("Dylanesque") veröffentlicht und fast nur miese Kritiken dafür bekommen; doch das ganze schlecht gelaunte Gemäkel ist ihm offensichtlich absolut schnurz.

Bei seinem Auftritt im Hamburger CCH nur drei Tage vor Dylans Hamburg-Konzert rockt der 61-jährige Ferry jedenfalls mit maximaler Eleganz ein nahezu ausverkauftes Haus von Generation-40-plus-Nostalgikern. Rund um den ziemlich legendären Gitarristen Chris Spedding hat er fast ein Dutzend bestens eingespielte Begleitmusiker auf die Bühne gestellt, er selber tänzelt mit den immer gleichen Wiegeschritten zu sämtlichen großen Hits wie "Let's Stick Together" und einigen der Dylan-Cover wie "Simple Twist of Fate", es ist ein großer Spaß in einer manchmal fast andächtigen Stimmung.

Vergessen wir also bei Dylan und Ferry einfach, dass Pop, wenn er jung ist und zappelt und blüht, immer auch todernster Meinungskampf und euphorische Abgrenzung und immerwährender Aufruhr (oder zumindest dessen Simulation) ist. Hier, in der von besten musikalischen Pflegekräften betreuten Abteilung Wohnen auf der Konzertbühne (Dank an Matthias Politycki für die Metapher) verwalten zwei Herren sehr gediegen ihre eigenen Legenden. Der Dichter Gottfried Benn, der in den fünfziger Jahren einen berühmten Aufsatz über "Altern als Problem für Künstler" schrieb, hat die Souveränität, die Dylan wie Ferry so perfekt beherrschen, mal in den schönen Lehrsatz gekleidet: "Resignation ist kein Nihilismus; Resignation führt ihre Perspektiven bis an den Rand des Dunkels, aber sie bewahrt Haltung auch vor diesem Dunkel." In diesem Fall: dem Dunkel am Rand der Konzertbühne.

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