Buraka Som Sistema in Hamburg Harte Beats für harte Hintern

Sie gelten als Zukunft der Clubmusik, als Nachfolger von Justice und Digitalism: Die Musik von Buraka Som Sistema vermengt Techno mit angolanischen Rhythmen, Rap und einem ungelenk anmutenden Tanzstil. SPIEGEL ONLINE stand bei einem Konzert in Hamburg mit im Moshpit.

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Hamburg - Der neue Club-Hype präsentiert sich als in Hot Pants tanzender Hintern, der mit abgehackten Bewegungen einen Rhythmus ins Discolicht malt. Eine wuchtige Basedrum bewegt den Po mit jedem Schlag, elektrische Congas schütteln das Gesäß der Tänzerin und Gastsängerin des Lissabonner Soundkollektivs Buraka Som Sistema durch, die ihren Allerwertesten dem Publikum entgegenstreckt, während zwei schwarze MCs portugiesische Wortsalven in den Saal brüllen.

Der Auftritt von Buraka Som Sistema in Hamburg gerät zu einer der wenigen Elektro-Partys, bei der das Publikum wie auf einem Rockkonzert auf- und abpogt, sich auf Händen durch den Saal tragen lässt und von der Bühne springt. Die Dynamik, die das Konzert der neuen Elektro-Hoffnung am Donnerstag im Turmzimmer des Hamburger Uebel & Gefährlich entfaltet, ist ungefähr vergleichbar mit der "Myspace Secret Show" des französischen Techno-Duos Justice im April 2008, ebenfalls im Uebel & Gefährlich.

Tatsächlich werden Buraka Som Sistema inzwischen unter DJs als die neuen Justice oder Digitalism gehandelt. Mit ihrer Mischung aus hartem Techno, afrikanischen Rhythmen und aggressivem portugiesischem Rap beschallen seit einigen Monaten immer mehr Plattendreher die Clubs in London, Berlin und Detroit. Und die vier Musiker der Buraka-Crew sind derzeit auf Welttournee.

Der Musikstil nennt sich Kuduro, was auf Deutsch übersetzt so viel bedeutet wie "harter Arsch". Entstanden ist die perkussive Soundmelange aus Sprechgesang, Elektro und traditioneller afrikanischer Musik bereits in den achtziger Jahren in Angola. Vor allem in der Hauptstadt Luanda mischten DJs die Musikstile live am Plattenpult übereinander.

Getauft hat das Genre der Produzent und Rapper Tony Amado, der der Musikrichtung Anfang der Neunziger als eine Art angolanischer Grandmaster Flash zu ersten kleinen Hits verhalf. Die Bezeichnung "harter Arsch" soll ihm nach dem Konsum eines Jean-Claude-Van-Damme-Films eingefallen sein. Inspiriert wurde Amado angeblich von dessen stocksteifem Tanzstil im Actionfilm "Kickboxer" ( Filmausschnitt nach dem Klick).

In der Frühphase des Kuduro entwickelte sich ein ungelenk anmutender Tanzstil - ein Mix aus Breakdance und roboterartigen Zuckungen der Arme und Beine. Talentierte Tänzer durchbrechen die Harmonie der Bewegungen dabei oft, indem sie vorsätzlich über ihre eigenen Füße stolpern, sich fallen lassen oder Choreografien schlecht ausführen.

Die Disharmonie der Bewegungen passt zur ursprünglichen Botschaft von Amados Musik. Der Angolaner wollte mit ihr den Protest der Ghettos vermitteln, die Welt auf die Missstände aufmerksam machen, die in den angolanischen Favelas herrschen. Armut, Gewaltbereitschaft, Verzweiflung waren seine Grundthemen, ähnlich wie es bei Brasiliens Baile Funk oder Südafrikas Kwaito der Fall ist.

Buraka Som Sistema haben Amados Ghettomusik nun europäisiert und mit Bedacht massentauglich gemacht. Die Sounds wurden nach modernen europäischen Club-Standards aufgemotzt, die Beats haben den nötigen Wumms, und gerappt wird auf dem aktuellen Album "Black Diamond" vereinzelt schon auf Englisch. Andererseits ist die Produktion von Buraka Som Sistema gemessen an westlichen Standards noch immer sehr rau, und die Beats sind gebrochen und verschachtelt genug, um eine angenehme Abwechselung zum minimalistisch-monotonen Electro House zu schaffen, der die Clubs derzeit dominiert.

Vor allem live schleichen sich immer wieder Sounds mit hohem Trash-Faktor in den Klangteppich. Neben allerlei Alarmsirenengeheul vermischt DJ Riot die Buraka-Stücke in seinem Apple-Book im Uebel & Gefaehrlich mit Versatzstücken aus Songs von The Prodigy oder Snap.

Einmal, als plötzlich das Gitarrenriff von AC/DCs "Hells Bells" ertönt, senkt sich der gesamte Saal in die Hocke. Ein Percussion-Teppich baut sich langsam auf, die Bässe pumpen lauter - und als der brodelnde Kuduro-Beat wieder einsetzt, springen rund 200 Menschen gleichzeitig aus der Hocke in den Stand und schütteln ihr Gesäß.

Mit dem ursprünglichen Ghetto-Protest hat das nur noch wenig zu tun. Er ist bei Buraka Som Sistema eher ein Zitat, selbst wenn sich die Musiker nach dem Lissabonner Armenviertel Buraka benannt haben, in dem nicht nur der Putz, sondern ganze Häuser zerbröseln und in dem sich selbst die Polizei zeitweilig nicht in bestimmte Straßen traut. Bezeichnenderweise ist Buraka eine Gegend mit besonders vielen Bewohnern aus ehemaligen portugiesischen Kolonien - darunter auch aus Angola.

Politische Botschaften sind in den Texten denn auch immer noch angedeutet. Der Album-Titelsong "Black Diamond" etwa ist eine Referenz an den blutigen Bürgerkrieg in Angola, der, nachdem die portugiesischen Kolonisatoren 1975 vertrieben waren, zwischen der Rebellenbewegung Unita und der MPLA-Regierung entbrannte und Schätzungen zufolge bis zu seinem Ende 2002 eine halbe Million Menschen das Leben gekostet hat. Den Krieg finanzierte vor allem das schmutzige Geschäft mit Diamanten.

Dennoch: Keiner der vier Musiker wohnt in Buraka oder hat dort gewohnt. MC Andro Carvalho residiert im verschlafenen Lissabonner Vorort Queluz, dessen Hauptattraktion ein strahlend weißes Rokokoschloss ist. MC Kalaf Ângelo wohnt in der Lissabonner Innenstadt, unweit der Shopping- und Fressmeile. Und ihre ersten Erfolge feierte die Band nicht etwa in einem Garagenclub im Ghetto, sondern im Clube Mercado am Rande des Lissabonner Szeneviertels Bairro Alto.

So überwiegt im Bandnamen wohl eher auch der sexuelle Doppelsinn. Denn Buraka bedeutet übersetzt Loch, was selbst politischen Songtexten in Kombination mit der sexuell äußerst offensiven Bühnenshow eine zweite, schlüpfrige Ebene gibt - und so letztlich sogar den Hintern zu einem Politikum macht.

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