Messiaen neu interpretiert Unerhört! Aber im guten Sinne

Aufregend, wenn scheinbar Bekanntes neu aufscheint: Der Dirigent Sylvain Cambreling durchdringt das bunte Dickicht der Orchestermusik von Olivier Messiaen, sein Kollege Pablo Heras-Casado würdigt Debussy.

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Rund 700 Vogelstimmen sollen der Überlieferung nach im Gedächtnis von Olivier Messiaen (1908-1992) abrufbar gewesen sein. Als engagierter Hobby-Ornithologe für ihn seinerzeit kein Problem. Die Faszination war so groß, dass Messiaen Vogelgesang und exotische Rhythmik immer wieder mit seinen Orchesterwerken verwob. Daneben wirkten Gregorianik, Zahlenmystik sowie die Musik von Claude Debussy und Igor Strawinsky in seinem Werk fort.

Seine letzte Komposition "Éclairs Sur L'Au-Dela" (1991, "Streiflichter über das Jenseits") schlug neben allen verwirrenden Inspirationsquellen auch die Brücke zur Kirchenmusik - allerdings nur in impressionistischer Anmutung. Die New Yorker Philharmoniker, die das Werk zu ihrem 150-jährigen Bestehen in Auftrag gegeben hatten, werden über das fast 80-minütige Werk nicht schlecht gestaunt haben. Unerhört! Aber im guten Sinne.

Die New Yorker Philharmoniker staunten

Um solche anspruchsvollen Wechselbäder der musikalischen Klangschöpfung und Strukturexperimente stringent in Form zu bringen, erwies sich der französische Orchesterleiter Sylvain Cambreling als nahezu perfekt. In seinen Einspielungen mit dem kürzlich fusionierten SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg mischen sich Klarheit, subtiler Feinschliff, Mut zum Humor und steter Überblick, wenn die Wellen der Messiaen-Inspiration hochschlagen. Mit dem Zeitraum zwischen 1999 und 2008 bildet die 8-CD-Kassette (SWR Classic) gleichzeitig die Klasse des Klangkörpers ab, auch beispielhaft für die Qualität der deutschen Rundfunkorchester.

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Heraus ragt natürlich die populäre "Turangalila"-Symphonie (1948 für das Boston Symphony Orchestra komponiert), ebenfalls von epischer 80-Minuten-Länge. Sie lehnt sich nicht nur in ihrem Namen an indische Kultur an, sondern auch in rhythmischen Strukturen ("frei im Tempo" wie Messiaen es für sich definierte). Hinzu kommt ein rasanter Klavierpart und die Verwendung des elektronischen Tasteninstrumentes Ondes Martenot ("Martenot-Wellen" nach dem Erfinder und Musikpädagogen Maurice Martenot), das auch Edgar Varèse und Darius Milhaud schätzten.

Kraftvoll mit Blick aufs Detail

Cambreling führt bestechend sicher, und seinem ebenso diszipliniert wie kraftvoll agierenden SWR-Orchester gelingt die Über-Sinfonie wie aus einem Guss, mit Blick auf Details wie auf den nötigen Druck bei den Tutti: ein Fest der Fülle und gelungener Einzelleistungen. Nun mag man Messiaens musikgewordene Vogelstimmenfaszination ("Reveil des oiseaux", "Oiseaux exotiques") mitunter als etwas intensiv empfinden, aber die Kreativität Messiaens auf seinem Spezialgebiet brachte doch beeindruckende Unikate der Orchestermusik hervor.

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Debussy und Messaien: Geniale Klangschöpfer

Sylvain Cambreling tritt in der Saison 2018/2019 seine Verpflichtung als Chef der Hamburger Symphoniker in der Nachfolge des verstorbenen Jeffrey Tate an. Dass er sich mit der Moderne bestens auskennt hat er schon bewiesen, aber auch seine Klassik-Interpretationen sind von hohem Rang. Seine kongeniale Stabführung etwa bei der legendären "Cosi fan tutte"-Inszenierung von Michael Haneke 2013 in Madrid glänzt als Solitär der Mozart-Interpretation.

Auf die Musik Claude Debussys (1862-1918) versteht sich Sylvain Cambreling natürlich auch bestens, wie sein französischer Abend am 18. Oktober 2017 in der Hamburger Laeiszhalle mit seiner "La Mer"-Interpretation bewies - sein zukunftsweisendes Konzert mit den Hamburger Symphonikern.

Ganz anders als der romantisch-machtvoll beflügelte Cambreling blickt sein jüngerer Kollege Pablo Heras-Casado am Pult des Philharmonia Orchestra London auf Debussys Meer. Im Rahmen der Debussy-Reihe zum 100. Todestag des Komponisten präsentiert das Label harmonia mundi aus Heras-Casados Sicht ein sanft spielendes, schimmerndes Wasser, in dem sich der blaue Himmel spiegelt. Das Meer muss ja nicht immer "zum Raube empört" sein, wie bei Hans Albers' "La Paloma".

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Wem das lieber ist, der greife zu Pierre Boulez' schmetternder Version mit dem Cleveland Orchestra (Deutsche Grammophon). Auch der Wunschkonzert-Hit "Prélude à l'après-midi d'un faune" bezaubert bei Heras-Casado und seinem Philharmonia Orchestra mit betörend-duftiger Verführung. Diesem Faun folgt man gern, auch wenn man ihn schon länger kennt.



insgesamt 1 Beitrag
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Alexis_Saint-Craque 13.10.2018
1. Licht
Ich kaufe jede Aufnahme, die ich von den Éclairs bekommen kann. Mit jedem Hören wünscht man sich mehr, in einem anderen Licht zu sein.
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